Interessengemeinschaft wirft Edersee-Anrainern einseitige Sicht vor

Edersee und Weser: Weiter Streit um niedrigen Wasserstand

Bad Wildungen. Seit Jahren wird über den niedrigen Wasserstand an Weser und am Edersee gestritten. Nun soll es einen Kompromiss geben. Aber auch über den gibt es Streit.

Der Vorstand der IG Oberweser, Eder- und Diemelsee, zu der Kommunen und Firmen gehören, weist Vorwürfe zurück, der Verein würde nur an die Vorteile für die Weser denken. „Wir wollen deutlich machen, dass wir den Kompromiss angestoßen haben, der dem Edersee mehr Wasser bringen soll“, unterstrich Harald Plünnecke vom Vorstand der Interessengemeinschaft gegenüber unserer Zeitung. 

Er beruft sich dabei auf Aussagen von Dr. Edgar Schmal, der im Stadtparlament Bad Wildungen gesagt hatte, dass die Interessengemeinschaft Oberweser nichts getan habe und unbeweglich sei, um das Problem mit dem Wassermangel in Edersee und Weser anzugehen. Wie mehrfach berichtet, verlangen die Ederseeanlieger, vor allem die Tourismusbetriebe, dass weniger Wasser aus dem Stausee an die Weser abgegeben wird, um den See länger attraktiv zu halten. 

Setzt auf Vermittlung und Kompromisse: Harald Plünnecke

Die IG wehre sich ja gar nicht gegen eine Überprüfung der derzeitigen Regelungen, erklärte Plünnecke. Die gerade diskutierte mögliche Verringerung der Wasserabgabe in bestimmten Zeiträumen habe nicht das Ministerium oder der Ministerpräsident angeregt, sondern die Interessengemeinschaft. Plünnecke: „Dass wir unbeweglich seien, das stimmt nicht, das ist gelogen.“ Die IG habe bereits am 15. August 2017 beim Regierungspräsidium Kassel den Anstoß gegeben, zu prüfen, wie sich eine Reduzierung der Wasserabgabe in die Weser auswirken würde. 

Wenn die Touristiker am Edersee jetzt klagten, dass ihnen durch den gesunkenen Wasserstand Millionenverluste entstünden, dann sollten sie auch bedenken, dass das bundesweit Schlagzeilen machende Edersee-Atlantis, das Auftauchen der Dorfruinen aus den Fluten, derzeit reichlich neue Besucher anlocke. Segelwettbewerbe könnten zudem vorverlegt werden. Ende des Monats soll es im Regierunspräsidium Kassel weitere Gespräche geben.

30 Millionen Euro weniger Einnahmen

Der Eder-Stausee bei Waldeck wurde vor über 100 Jahren errichtet für die Energiegewinnung, den Hochwasserschutz und um die Schifffahrt auf der Weser bei Niedrigwasser zu unterstützen. Diese Regelung gilt bis heute und die Pegelstände sind ein Dauerstreitthema. Auch aufgrund des Wetters leerte sich der See in diesem Jahr jedoch extrem schnell, nachdem er im Mai noch voll war. Hoteliers, Gastronomen und Wassersportler befürchten wiederum einen großen Schaden für den Tourismus, wie 2017, als es 30 Millionen Euro Einbußen gegeben habe. Vergangene Woche war er noch zu 25 Prozent gefüllt, 20 Prozent (40 Millionen Kubikmeter) gelten als kritische Marke, dann wird die Stützung der Oberweser eingestellt und nur noch soviel Wasser abgegeben, wie zufließt. Am Wochenende musste bereits eine Segelregatta abgesagt werden.

Braucht Wasser aus dem Edersee: Die Oberweser (hier bei Gieselwerder) benötigt für die Personen- und Lastschifffahrt vor allem nördlich Bad Karlshafens einen Mindestpegel.

Kritik an einseitiger Sicht

Schwieriger könnte die Lage nicht sein: Da sind die Nutzer und Anlieger der Oberweser auf der einen und die des Edersees auf der anderen Seite und beide streiten sich um das Wasser, das sie im Stausee und im Fluss brauchen. Über die Jahre haben sich feste Fronten und Feindbilder aufgebaut, deren Abbau eine harte Arbeit ist, wie auch Harald Plünnecke immer wieder feststellen muss.

Er war früher Gemeindevertreter in Wahlsburg/Weser und danach Bürgermeister in Vöhl/Edersee und kennt deshalb beide Seiten sehr genau. Deshalb ärgert es ihn, dass er in den Diskussionen um das Wasser auch noch persönlich als „Kind von der Oberweser“ beschimpft werde und die Argumente der Interessengemeinschaft Oberweser, deren Name seit dem vergangenen Jahr um Edersee und Diemelsee ergänzt wurde, am Edersee nicht anerkannt werden.

Sieht keine Fortschritte: Dr. Edgar Schmal

Der Bad Wildunger Stadtverordnetenvorsteher Dr. Edgar Schmal hatte in der Sitzung am 6. August die zwei trockenen Jahre hintereinander am Edersee als Beweis gesehen, dass sich an der Edersee-Bewirtschaftung nichts ändere und dass dies ein Beleg dafür sei, dass die Interessengemeinschaft Oberweser trotz ihrer Namensänderung nur die Interessen der Weser-Anrainer vertrete.

Harald Plünnecke kritisiert, dass die Bemühungen der IG nicht anerkannt würden. Dabei sei es dieser Verein gewesen, der dem Regierungspräsidenten in Kassel vor einem Jahr in einem Gespräch vorgeschlagen habe, ein Gutachten in Auftrag zu geben, um zu prüfen, ob die Mindestabgabe von derzeit 6 Kubikmeter pro Sekunde auf 5 oder gar 4 gedrosselt werden könne. Außerdem habe die IG vorgeschlagen, den Hochwasser-Stauraum im Edersee in den Wintermonaten von derzeit 90 Mio. Kubikmeter zu verringern, das heißt, den See im Winter stärker zu füllen. Durch beide Maßnahmen wäre laut Plünnecke gewährleistet, dass zumindest am 1. Mai eines Jahres der Vollstau erreicht ist. Zudem habe der Verein eine finanzielle Beteiligung angeboten. Dies alles finde beim Regionalverband Eder-Diemel (zuvor Wassersportgemeinschaft Eder- und Diemelsee) kein Gehör. Hier werde ständig nur von hohen Umsatzeinbußen gesprochen, weil kein Wasser mehr im See sei, statt bei den potenziellen Gästen für das „Atlantis“ zu werben. Der Naturpark Kellerwald-Edersee mache es gerade vor, indem er geführte Wanderungen zu den versunkenen alten Dörfern und zu botanischen Erkundungen anbiete.

Bei den Protestlern handele es sich vorwiegend um reine Lobbyisten und Hobbysegler, nur zwei Unternehmer, die Ederseeschifffahrt und die Segelschule, verdienten hauptberuflich am Bootstourismus. Die Arbeitsplätze an der Oberweser, die bei einer grundsätzlichen Änderung der Wasserbewirtschaftung verloren gehen, interessierten hierbei überhaupt nicht, kritisiert Plünnecke.

Bundesministerium hat Weser im Blick

Die Weser ist eine Bundeswasserstraße und unterliegt wie der Edersee der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. An der Nutzung der Weser haben nicht nur das Land Hessen, in dem auch der Edersee liegt, sondern auch Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen großes Interesse. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat sich kürzlich bei einem Treffen mit einer Abgeordnetengruppe der Weseranrainer in Berlin dafür ausgesprochen, dass der Wasserzustand der Weser verbessert wird. Das bezog sich zunächst auf die Verbesserung der Wasserqualität vor allem hinsichtlich der Versalzung, wobei Bund und Länder an einem Strang ziehen, wie der Bundestagsabgeordnete Johannes Schraps (Hameln) mitteilte. 

Zum Thema Weserpegel rechnen die Anlieger ebenfalls mit Unterstützung vom Bundesministerium. Hier geht es nicht nur um die Personenschifffahrt, sondern vor allem um die Kieswirtschaft an der Oberweser, die über eine Million Tonnen Kies pro Jahr auf der Weser transportiert und damit einen wichtigen Beitrag zu Umweltschutz und CO2-Minderung leiste.

Die Trockenheit hat allerdings auch Einfluss auf die Schifffahrt auf der Oberweser. Am Dienstagabend will das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Hann. Münden den Zulauf aus der Edertalsperre in die Weser auf sechs Kubikmeter pro Sekunde begrenzen.

Rubriklistenbild: © Maja Yüce

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