Domino- und Monopoly-Spiel um Itzel und Innenstadt

Wildungen als Boxring von Aldi und Lidl

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Bad Wildungen - Verliert die Stadt Hunderttausende von Euro, weil sie Lidl und Aldi die Erweiterung an der Itzel gestattet? Das Parlament billigte am Montag die Lidl-Pläne und den Verkauf von 1100 Quadratmetern hinter dem Aldi-Markt an Aldi. Eine Brand-Mail aus der hessischen Landesregierung dazu lässt aufhorchen.

Bürgermeister Volker Zimmermann und mehrere Stadtverordnete zitierten in der Parlamentssitzung aus der elektronischen Post. Die Absenderin ist nicht irgendwer, sondern Karin Jasch (Umweltministerium), seit Jahren zuständig für das Förderprogramm „Aktive Kernbereiche“. Jenes Programm, aus dem die Stadt einen Großteil des Scharniers finanziert. Einige Hunderttausend Euro aus dem Topf stehen noch aus.

Lobby-Arbeit bringt Ministerium ins Grübeln

Deshalb versetzt der letzte Satz der Mail die Wildunger Politik in Unruhe: „Wenn die Voraussetzungen für den Einsatz von Fördermitteln aus dem Programm ... am Standort Bad Wildungen ... durch andere Maßnahmen beeinträchtigt werden, ist die künftige Bewilligung von Bundes- und Landesmitteln erneut zu prüfen.“

„Durch andere Maßnahmen beeinträchtigt ...“: Damit ist die Erweiterung von Lidl und Aldi gemeint. Diese Aussage verwirrt, weil das zuständige Ministerium im vergangenen Dezember auf WLZ-Nachfrage noch betonte: Von Lidl- und Aldi-Erweiterung droht keine Gefahr für weitere Zuschüsse an Bad Wildungen. Weshalb der Sinneswandel? Lobby-Arbeit.

Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord (Kassel), Kernstadt-Fürkämpfer und seit Jahren an der Diskussion um die Wildunger Itzel beteiligt, hat sich an Karin Jasch gewandt. Wegen der Lidl- und der Aldi-Erweiterung werde der Rewe-Konzern seine Pläne aufgeben, sich in der Wildunger Innenstadt anzusiedeln. „Darüber habe ich Frau Jasch informiert“, bestätigt Schüller auf WLZ-Anfrage und bezieht sich auf eine entsprechende schriftliche Auskunft von Rewe ihm gegenüber.

Bei näherem Hinsehen verwundert es wenig, dass Karin Jasch auf so eine Nachricht reagiert. Denn das Programm „Aktive Kernbereiche“ ist 2008 nicht allein auf dem Mist der Landesregierung gewachsen. Zu den privaten Mitinitiatoren des Förderprogramms gehören nach offizieller Darstellung große Unternehmen wie die Binding-Brauerei, McDonald’s und - der Rewe-Konzern. Ob die Unterstützung durch die Unternehmen rein ideeller Natur ist oder ob sie sich auch finanziell beteiligen, darüber liegen aus dem Ministerium bislang keine Informationen vor. Karin Jasch selbst befindet sich für mehrere Tage außer Haus.

Und was sagt Rewe zum Thema Wildunger Innenstadt und Itzel? Expansionsmanagerin Gisela Benner von der Rewe-Zweigniederlassung Mitte widerspricht der Darstellung von Martin Schüller (Einzelhandelsverband): „Wir haben nach wie vor Interesse an 1500 bis 1800 Quadratmetern Verkaufsfläche in der Innenstadt, finden aber kein entsprechendes Angebot.“ Rewe bleibe bei diesem Vorhaben. Daran ändere die Zustimmung des Parlamentes zur Erweiterung von Lidl und Aldi nichts.

Herkules-Umzug würde tegut und Rewe verjagen

Aber: „Sobald der Herkules an die Itzel umzieht - unabhängig davon, ob mit vergrößerter oder gleich bleibender Fläche - haben sie in der Innenstadt keine Chance mehr. Dann entsteht an der Itzel ein zweites Zentrum“, unterstreicht Gisela Benner. Rewe werde sich in dem Fall definitiv zurückziehen.

Der Konzern vertritt damit in verschärfter Form die bekannte Linie des Konkurrenten tegut. Dieser würde zwar eine reine Verlagerung des Herkules ohne Vergrößerung noch hinnehmen, sich aber unwiderruflich aus der Fürstengalerie verabschieden, wenn die Rheika-Delta GmbH mit einem größeren Markt von der Odershäuser Straße an die Itzel wechselte. Ach ja, der Vollständigkeit halber: Während Rewe trotz des existierenden tegut in die Kernstadt strebt, würde sich tegut sofort verabschieden, wenn Rewe kommt. Der Wildunger Kuchen reicht aus Sicht der Fuldaer für keinen zusätzlichen Esser.

Martin Schüller (Einzelhandelsverband) unterdessen hält das gefürchtete Itzel-Szenario nach dem Durchwinken der Lidl-Aldi-Anliegen für nicht mehr zu stoppen: „Herkules wird an die Itzel gehen mit einem größeren Markt und angegliedertem Baumarkt. Die ‚Wildunger Liste‘ wird in der Folge ebenfalls kippen“, prognostiziert er. Jene Liste, die weitere Flächen mit „innenstadtrelevanten Sortimenten“ an der Itzel verbietet. Dazu zählen beispielsweise Textilien und Haushaltsartikel. „Schauen Sie sich den Herkules in Fritzlar an: Dort bekommen sie genau solche Produkte“, fügt Schüller hinzu.

Enttäuscht sei er nicht vom Bürgermeister, „weil er sich immer für den Herkules-Umzug ausgesprochen hat“. Enttäuscht sei er von SPD und Grünen, die einst „die Itzel mit dicht gemacht haben und plötzlich den Domino-Effekt mit der Zustimmung zu Lidl und Aldi auslösen“. Die CDU habe zwar aktuell dagegen gestimmt, es sei aber bekannt, dass es in ihr Kräfte gebe, die ohnehin eine Aufweichung der Vorschriften für die Itzel anstrebten. Interessen dortiger Grundstückseigentümer spielten dabei eine Rolle.

Schüller erinnert an die Anfänge der Diskussion: „Es begann vor vielen Jahren damit, dass Rewe einmal aufs Schlachthofgelände wollte.“ Das Parlament habe das verhindert, „und nun interessiert sich Rewe plötzlich für die Innenstadt...“.

Bürgermeister Volker Zimmermann erhält die Gelegenheit, die ganze Situation aus seiner Sicht schriftlich gegenüber Karin Jasch vom Umweltministerium darzustellen.

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