In vielerlei Weise engagieren sich Menschen in nicht-staatlichen Initiativen für Flüchtlinge

Wildungen lebt „Willkommens-Kultur“

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Flüchtlinge gehen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) in Gießen in die Zimmer ihrer vorübergehenden Bleibe. Von dort aus werden sie häufig recht plötzlich auf die Kommunen im Land verteilt. Bad Wildungen stellt sich mit Hilfe vieler nicht-staatlicher, ehrenamtlich getragener Initiativen auf die Neuankömmlinge ein.Foto: Boris Roessler/dpa

Bad Wildungen - „Pegida“ pflegt Parolen und prägt Schlagzeilen. Andere pflegen das Miteinander und prägen die oft zitierte „Willkommens-Kultur“ im Praktischen. Jenseits der Schlagzeilen. In Bad Wildungen blühen seit Monaten viele nicht-staatliche Initiativen auf, die Flüchtlinge aus aller Welt unterstützen.

178 Menschen aus Krisengebieten finden aktuell Zuflucht in der Badestadt. „Gemeinsam mit Bad Arolsen haben wir im Landkreis vergleichsweise die meisten aufgenommen“, erklärt Bürgermeister Volker Zimmermann. Der Landkreis muss sich auf weitere Geflohene einstellen, die häufig recht plötzlich von den übergeordneten Stellen in Busse gesetzt und nach Waldeck-Frankenberg geschickt werden. Kommunen und Kreis wollen Platz-Puffer schaffen, um auf diese Anforderungen besser vorbereitet zu sein. „Wir haben zwei stadteigene Wohnungen eingerichtet, die als Übergangslösung zur Verfügung stehen“, nennt Zimmermann als Beispiel.

Viele fragen: Wie kann ich meinen Beitrag leisten?

Bei der Suche nach Unterkünften ist Fingerspitzengefühl gefragt, wie sich vor wenigen Monaten in Mandern zeigte. Wenn relativ viele Flüchtlinge in einem Dorf oder gar einem Haus untergebracht werden sollen, löst das bei manchem Sorgen aus. „Wir organisieren deshalb im Vorfeld Versammlungen, auf denen Befürchtungen auch zur Sprache kommen“, berichtet Zimmermann. In gleicher Weise meldeten sich bei diesen Gelegenheiten aber Stimmen zu Wort, „die fragen, wie sie helfen, wie sie unterstützen und dazu beitragen können, die Neuankömmlinge zu integrieren“, sagt der Bürgermeister.

Im 90-Seelen-Dorf Hüddingen leben aktuell 17 Flüchtlinge

Hüddingen liefere so ein Beispiel. Bei etwas mehr als 90 Einwohnern gebe der kleine Kellerwaldort im Moment 17 Flüchtlingen eine Bleibe. Bewohner sammeln Sachspenden, zum Beispiel Winterkleidung, für die Neuankömmlinge. Diese haben im fremden Land viele Hürden zu überwinden. „Die Bandbreite ihrer persönlichen Voraussetzungen ist enorm“, sagt Christine Goebel von der Caritas-Konferenz St. Liborius: „Während wir zum Beispiel für vier Asylbewerber, die weder lesen noch schreiben können, einen Alphabetisierungskursus bei der VHS finanzieren, bezahlen wir für einen anderen Asylbewerber das Zertifikat, das er sich mit dem B1-Deutschkursus verdient hat.“ Manche machen sich sogar auf den Weg nach Kassel zur B2-Prüfung, die Sprachkenntnisse umfasst, wie sie im Berufsleben verlangt sind. Die Caritas-Konferenz kann Flüchtlingen helfen, weil sie vom Erzbistum Paderborn Geld für diese Zwecke erhalten hat.

Um solche Angebote von Hüddingen aus wahrnehmen oder Behördengänge erledigen zu können, müssen die Flüchtlinge mobil sein. Dafür fehlt ebenfalls Geld. Das Mehrgenerationenhaus finanziert darum Fahrkarten für das Anruf-Sammeltaxi, erklärt Koordinatorin Maddalena Schützenmeister.

Keimzellen des vielfach ausgeprägten ehrenamtlichen Engagements - wie der Gratis-Deutschkurse von Lehrerinnen für Flüchtlinge in der Friedenskirche - sind zumeist die Kirchengemeinden. „Wir haben engagierte, offene Pfarrerinnen und Pfarrer als Triebfedern in diesen Fragen“, unterstreicht Christine Goebel.

Sportvereine nehmen sich der Neuankömmlinge an, gliedern sie in Handball- oder Fußballteams ein und kümmern sich darum, dass die Flüchtlinge Ausrüstung erhalten. Demnächst wird für minderjährige Asylbewerber ohne erwachsene Begleitung eine Wohngruppe in der Stresemann-Straße eingerichtet. Schulen wollen Schülerinnen und Schüler als „Paten“ für diese Kinder und Jugendlichen gewinnen, um diesen die Integration im fremden Land zu erleichtern.

„Vor diesem Hintergrund ist es sehr wichtig, dass die Flüchtlinge nun nicht mehr nach Italien zurückgeschickt werden“, betont der Bürgermeister. Den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern verleihe das neue Motivation. Bislang verloren sie ihre Schützlinge oft ausgerechnet dann wieder, wenn sich große Fortschritte einstellten, etwa im Umgang mit der deutschen Sprache.

Andere Kommunen fragen nach dem Wildunger Weg

Anfang der 1990er Jahre, als Tausende vor den Balkankriegen nach Deutschland flohen, leistete eine kleine Gruppe um das Ehepaar Schoplick in Bad Wildungen ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit. Das hat sich gründlich geändert. Dieses Engagement ruht heute auf einer Vielzahl von Schultern, Tendenz steigend, freuen sich alle Beteiligten. Nicht zuletzt ist das der Verdienst des Wildunger „Runden Tisches Asyl“, der sich vorigen Sommer gründete mit Teilnehmern aus Stadtverwaltung, Kirchen, Vereinen und anderen Gesellschaftsgruppen.

Bad Wildungen dient anderen Kommunen im Kreis als Vorbild. Regelmäßig laufen bei der Stadtverwaltung oder der Caritas-Konferenz Telefonanrufe aus dem Kreis ein mit der Frage: „Wie bekommt Ihr das in Wildungen hin?“

Von Matthias Schuldt

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