Siegel mit Selbstverpflichtung erteilt

Wildunger Stresemann-Gymnasium ist "Schule ohne Rassismus -  Schule mit Courage"

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Beeindruckend: Szenen aus dem Theaterstück „Die Weiße Rose“.

Das Wildunger Stresemann-Gymnasium kämpft gegen Rassismus und Diskriminierung. Die Schulgemeinschaft steht offiziell mit dem Siegel "SOR - SMC" für Demokratie und Toleranz ein.

„Könnt Ihr nicht, verdammt noch mal, jeden Menschen so akzeptieren, wie er ist?“ Diese drängende Frage voller Ungeduld und Trotz, einem Aufschrei gleich: Sie bildete als Teil einer eingespielten Video-Sequenz den Kern der zweistündigen Feier ab, in deren Rahmen das Gustav-Stresemann-Gymnasium das Siegel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (kurz SOR-SMC) erhielt.

Reden, Filmbeiträge, Musik und Theater-Szenen von Schulgemeinschaft und Gästen leuchteten die vielen Facetten von Rassismus aus – und hielten zugleich dagegen. „Es gibt kein Rezept gegen Rassismus. Wir müssen es selbst entwickeln“, sagte Paula Syring.

Sie sprach im Namen des veranstaltenden Leistungskurses Politik/Wirtschaft, der die Bewerbung der Schule für das SOR-SMC-Siegel eingeleitet, organisiert und mit Erfolg zum Abschluss gebracht hat.

Gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Intoleranz

Moderator und Schulsprecher Til Reuter verdeutlichte, wie weit die jungen Leute den Begriff fassen: „Wir treten Ausgrenzung, Diskriminierung und Intoleranz entgegen.“  Woher jemand stammt, welches Geschlecht jemand hat, welche Hautfarbe, welche sexuellen Vorlieben oder welchen Glauben – all das dürfe keinen Anlass bieten für Abgrenzung und Ausschluss.

Statt dessen treten die Schülerinnen und Schüler dafür ein, „das Miteinander zu stärken und in den Fokus zu rücken“, sagte ihr Kursleiter und Lehrer Matthias Pflüger. Ein Mittel und Ziel sei es, soziales Engagement und Ehrenamt stärker zu honorieren. Der Anspruch: „Aus Fremden Freunde machen.“

Mit Courage für Menschen und Werte einsetzen

Die Courage, die es dafür braucht, besteht „in dem Mut, sich für etwas oder jemanden einzusetzen“, sagte GSG-Direktorin Iris Blum. Sie zitierte Gershon Willinger (76), der aus Bad Wildungen stammt und als einziger seiner Familie den Holocaust durch die Nazis überlebte: „Gute Menschen sind gute Menschen, die etwas tun. Das muss nicht immer etwas Großes sein.“

Wie es sich anfühlt, die Heimat zu verlassen und in der Fremde eine Zukunft zu finden, schilderten Ruta Strasunskaite aus Litauen und Ahmet Sami Öztürk aus Aserbeidschan, die am GSG die Intensivklasse besuchen. „Der Neubeginn war eine Tortur, ich fühlte mich wie ein Baby“, berichtete Ruta.

Ahmet erzählte vom schwierigen Umgang mit Behörden und von hilfsbereiten Lehrern, „die mir Mut machen, Deutsch zu sprechen.“ Ruta formulierte den wichtigsten Wunsch nicht nur aller neu Ankommenden: „Wir möchten verstanden werden und verstehen.“

"Niemand wird mit Hass geboren"

"Die Demokratie ist ein zerbrechliches Gebilde und darauf angewiesen, dass wir uns mit ihr identifizieren“, sagte Kultusminister Professor Dr. Ralph Alexander Lorz. Die Basis bestehe darin, „dass wir die Würde jeder und jedes Einzelnen gegenseitig anerkennen.“ Großartig finde er daher das Engagement des GSG. Lorz erinnerte an die Erkenntnis von Nelson Mandela: „Niemand wird mit Hass geboren. Hass wird gelernt, doch das Gute ist: Auch das Gegenteil lässt sich lernen: Respekt und Nächstenliebe.“

Couragierte Schulgemeinschaft: Die Übergabe des Siegels "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" in der Aula des Stresemann-Gymnasisums.

 

Lorz übergab die SOR-SMC-Urkunde mit Dr. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, die in Hessen das Siegel verleiht. „Ich bin echt beeindruckt, was hier von Schülern für Schüler geleistet wird“, unterstrich Mendel. 

Landrat Dr. Reinhard Kubat teilte dieses Gefühl und verwies auch auf die Zusammenarbeit mit dem vom Landkreis gegründeten „Netzwerk für Toleranz“. 

"Schule mit Courage" in "Stadt der Vielfalt"

Bürgermeister Ralf Gutheil stellte das GSG mit seiner neuen Selbstverpflichtung in den Zusammenhang von Bad Wildungen als offiziell anerkannter „Stadt der Vielfalt“. Die Schulgemeinschaft, der er selbst einmal angehörte, ermunterte er „Weiter so. Das ist der richtige Weg und wir haben es nötig.“ 

Die heimische Landtagsabgeordnete Claudia Ravensburg, ebenfalls „GSG-Ehemalige“, unterstrich das: „Demokratie lebt vom Mitmachen, von Grundwerten und Menschenrechten.“ Die prägende Sprache in den „Sozialen Netzwerken“ bereite ihr „Angst und Bange“ und bedeute „eine große Gefahr, der wir alle gemeinsam entgegen treten müssen."

82 Prozent der Schulgemeinschaft für "SOR-SMC"

Das Siegel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, mit dem das Stresemann-Gymnasium eine Selbstverpflichtung für die Zukunft eingeht, ist Ergebnis einer Monate langen Vorarbeit. 82 Prozent der Schulgemeinschaft unterschrieben dafür. 

Die Unterschriften wurden für die Jahrgangsstufen 9 bis 13 im Zuge der Junior-Hessenwahl gesammelt, die das Gymnasium vor der tatsächlichen Wahl organisierte.

Kooperation mit "Netzwerk für Toleranz"

 Auf die Idee, sich an dem Projekt zu beteiligen, kam der PoWi-Leistungskurs durch Kontakte zum „Netzwerk für Toleranz“ des Landkreises. In Kooperation mit dem Netzwerk veranstaltete der Kurs einen Workshop gegen Vorurteile. Anderes Projekt gegen Rassismus und für Courage stellt das Theaterstück „Die weiße Rose“ dar, aus dem Ausschnitte während der Feierstunde zu erleben waren. Besuche der Konzentrationslager Buchenwald und Auschwitz und der Gedenkstätte Breitenau verarbeiteten die Schülerinnen und Schülern in Texten. 

Rudolf Oppenheimer und Gershon Willinger als Angehörige von jüdischen Wildunger Familien, die im „Dritten Reich“ Opfer von Vertreibung und Mord wurden, berichteten den Jugendlichen von den Hintergründen. Die Unesco-AG von Dr. Johannes Salzig organisierte die Teilnahme am Hessischen Demokratietag und am Unesco-Demokratiecamp. Unesco-Projekttage und Stasi-Projekttage zählen ebenso zu den Aktivitäten wie die Besuche der Wildunger „Stolpersteine“, die an das Schicksal der Wildunger Juden im Nazi-Regime erinnern, wie der Besuch der jüdischen Friedhöfe etwa in Wildungen und Edertal oder das Einrichten eines interkulturellen Cafés.

Bildungsstätte Anne Frank: 125 Courage-Schule in Hessen

Das Projekt „SOR-SMC“ läuft seit 1995 bundesweit. Mindestens 70 Prozent einer Schulgemeinschaft mit Schüler-, Lehrerschaft und technischem Personal müssen unterschreiben für das Siegel, das eine Selbstverpflichtung darstellt, sich im Sinn der Aktion zu engagieren. „125 Courage-Schulen gibt es mittlerweile in Hessen“, sagt Landeskoordinator Yanni Fischer von der Bildungsstätte Anne Frank. Alle Schulzweige sind vertreten. Allerdings könnten es mehr Grundschulen sein, wünscht er sich. Info: www.schule-ohne-rassismus.org

ZUSAMMENFASSUNG

– Von der Bildungsstätte Anne Frank hat das Gustav-Stresemann-Gymnasium das Siegel "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" erhalten

– Die Initiative dazu ergriff der Leistungskurs Politik/Wirtschaft von Matthias Pflüger

– 82 Prozent der Schulgemeinschaft stimmten für diese Selbstverpflichtung, die abgekürzt wird mit "SOR - SMC"

– Ausdruck dessen sind Aktionen wie KZ-Besuche, die Unesco-AG, die Kooperation mit dem Waldeck-Frankenberger "Netzwerk für Toleranz", ein Workshop gegen Vorurteile, das Theaterstück "Die Weiße Rose" oder das interkulturelle Café

Bereits im Juli diesen Jahres wurde eine Göttinger Schule ausgezeichnet. Die Herman-Nohl-Grundschule darf sich seit dem auch "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" nennen. 

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