Vor 170 Jahren wurden in Baden die ersten Briefe in Eisenbahnwaggons sortiert und befördert

Wildunger in den 60ern gerne auf Achse im rollenden Postamt

Manfred Keller mit dem Modell eines Bahnpost-Waggons, zu Beginn der 1960er Jahre sein Arbeitsplatz.   Foto: Schuldt

Bad Wildungen. „Es war eine tolle Kameradschaft. Mit einem Kollegen bin ich bis heute befreundet“, erinnert sich Manfred Keller an seine vier Jahre bei der „Bahnpost“, täglich unterwegs im Eisenbahnwaggon, der ausgestattet war wie ein Verteilzentrum.

Zwischen Frankfurt und Basel etwa pendelt er hin und her, schleppt mit den 25 Kollegen schwere Postsäcke – im Postdeutsch heißt es „Beutel“ – öffnet sie und entleert den Inhalt auf die Tische, bevor sich die Truppe daran macht, Briefe und Karten je nach Bestimmungsort in die Fächer der Holzregale zu sortieren, zu Bündeln zu verschnüren oder für den weiteren Versand erneut in Postbeuteln zu verstauen.

„Die Waggons waren stark gefedert, damit nichts von den Tischen fiel“, erinnert sich Keller. Teils noch Dampflokomotiven, teils moderne E-Loks bringen die Wagen auf bis zu 180 Stundenkilometer. Staubig geht es drinnen zu wegen der Unmengen an Papier. Im Sommer steigt das Quecksilber auf 50 Grad Celsius. „Während der Fahrt blieben die Fenster zu, sonst wären die Briefe umher geflogen“, erzählt Manfred Keller.

Die Postler nehmen´s mit Humor. Mit Degussa-Goldbarren, die im Waggon zu Schmuckwerkstätten fahren, messen sie sich im einarmigen Reißen. Wer schafft mehr? „Angst vor einem Überfall wie in England hatten wir nie.“

Attraktive Knochenarbeit

„Eine Knochenarbeit, aber sie wurde gut bezahlt“, sagt der 78-jährige Reinhardshäuser heute. 350 D-Mark (178 Euro) verdient ein junger Postassistent damals. Ein halbes Pfund Butter kostet umgerechnet 83 Cent. Eingesetzt im Postwaggon, erhält der Beschäftigte 150 D-Mark zusätzlich, unter anderem als Nachtzuschlag. Abfahrt 23 Uhr, Frankfurt, Ankunft, 6 Uhr, Basel; eine typische Schicht. Zum Schlafen wartet ein Zimmerchen für zwei Kollegen im Postwohnheim oder privat: Doppelstockbett, kleiner Tisch mit Waschgeschirr und zwei Stühlen, ein Spind.

Heizung? Oft Fehlanzeige, so dass sich des Nachts im Winter Raureif der Nasenschleimhäute bemächtigt. Alles klein, spartanisch und im Falle Basels in einem deutschen Nachbarort gelegen: „Sonst hätte die Post uns Auslandszulage zahlen müssen.“ So haben die Assistenten vier Kilometer Fußweg zwischen Arbeits- und Schlafplatz zurückzulegen. Normal.

Gemeinsam auf der Rolle

Manchmal, etwa an Wochenenden, liegt ein Ruhetag in der Fremde zwischen zwei Diensten. Gerne gehen die jungen Postassistenten dann abends in eine Gastwirtschaft. Eine hat sich besonders in Kellers Gedächtnis eingeprägt, irgendwo in den badischen Weinbergen. „Als wir im Sommer wieder einmal dort einkehrten, war das Törchen zum Hof verschlossen, doch wir stiegen einfach drüber, denn man sah die Tische und Stühle hergerichtet.“ Etwas wundern sich die Postbediensteten über die graue, schmucklose Bekleidung der Kellnerinnen. Die jungen Männer setzen sich und warten – bis eine resolute Dame fortgeschrittenen Alters im grauen Kittel herantritt und strengen Blickes fragt, was sie wollten? „Na, bestellen, meinten wir“, erzählt Keller mit einem Schmunzeln. Die Antwort der Dame: Dies sei kein Gasthaus mehr, „sondern eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Mädchen!“

Briefe aus Bella Italia

Das zusammenwachsende Westeuropa hinterlässt Spuren in den Postwaggons. Keller erinnert sich an zahllose Briefe, die italienische Arbeiter aus Deutschland in die Heimat senden. „Als Gruß steckten sie eine Zigarette in den Umschlag. Beim Sortieren wuchsen die Stapel schief in die Höhe.“ Pisas Turm im rollenden Postamt. Streckenkunde ist gefragt. Beim Sortieren müssen die Postler die Entlade-Bahnhöfe im Kopf haben, denn Postleitzahlen gibt es noch nicht „80 Orte waren das für Italien“, berichtet Keller von deutscher Gründlichkeit. Die italienischen Kollegen hätten es im Gegenzug nicht ganz so genau genommen, sagt er augenzwinkernd. Denn die vielen Postkarten der frühen deutschen Italienurlauber treffen kaum nach Regionen vorsortiert im Waggon ein. Bella Italia revanchiert sich auf andere Weise. Schweizer Schokolade und Kaffee erfreuen sich großer Beliebtheit in der Bundesrepublik. Doch man darf nur 49 Gramm Kaffee und 100 Gramm Schokolade einführen. Und das, wo die Postler zwischen Frankfurt und Basel täglich an der Quelle sitzen. „Unser ‘Diplomatenpass’ änderte daran nichts“, sagt Manfred Keller. So bezeichnet er frotzelnd ein Dokument, das den Postassistenten einen unbürokratischen Grenzübertritt zwischen dem „Badischen Bahnhof“ und dem Schweizer Staatsbahnhof in Basel ermöglicht. 

Der Papst hilft beim Schmuggeln

Die Männer finden also einen anderen Weg, deutlich mehr als 49 Gramm Kaffee Richtung Frankfurt zu schmuggeln. In Basel nehmen sie regelmäßig verplombte Säcke mit Ausgaben des „L’Osservatore Romano“ entgegen, der Papst-Zeitschrift aus dem Vatikan. Sie sind für treue Katholiken in Skandinavien bestimmt. Die Plomben lassen sich leicht öffnen und unbemerkt wieder verschließen. So packen die Postler reichlich Kaffee in die Säcke. „Vor Feiertagen roch es im Waggon wie in einer Rösterei“, erzählt Keller und lacht. Der Geruch steigt auch den Zöllnern in die Nase, die an der Grenze die Waggons kontrollieren. „Die waren scharf, um Pluspunkte zu sammeln, weil sie wegen Vergehen von der niederländischen oder dänischen Grenze nach Süddeutschland strafversetzt worden waren“, meint der Reinhardshäuser. Die Beamten stellen alles auf den Kopf. Einmal öffnet einer die Tanks an der Waggondecke, die Wasser zum Händewaschen speichern. „Die ganze Suppe lief ihm über die Uniform“, erinnert sich Keller. Das Versteck zwischen den frommen Schriften habe der Zoll nie entdeckt.

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