Prozess endet mit Einstellung

Ein Wildunger Neujahr: Wodka, Böller, Spray und Schreie

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Böller und Pfefferspray in Menschengruppen: Ein 24-Jähriger stand wegen Körperverletzung vor Gericht.

Das neue Jahr hat in einer sozialen Einrichtung für psychisch auffällige Menschen in Bad Wildungen nicht gut angefangen: Vorm Amtsgericht wurde das aufgearbeitet.

Fritzlar/Bad Wildungen – Damals floss reichlich Alkohol, Böller flogen in Menschengruppen. Pfefferspray wurde gegen drei Menschen gesprüht, nachts wurde laut geschrien, laute Musik ertönte, schließlich waren Polizei und Rettungsdienst im Einsatz.

Wegen gefährlicher Körperverletzung musste sich jetzt ein 24-Jähriger aus dem Schwalm-Eder-Kreis vor dem Amtsgericht Fritzlar verantworten. Nach fast dreistündiger Verhandlung und Vernehmung von sechs Zeugen stellte das Gericht unter Vorsitz von Strafrichterin Corinna Eichler das Verfahren auf Kosten der Staatskasse ein.

Der Beschuldigte – vorübergehend Bewohner der Bad Wildunger Einrichtung – war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Er stand nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Verdacht, in der Nacht zum Neujahrstag „ohne rechtfertigenden Grund“ Pfeffer in die Augen von einem Mann und zwei Frauen gesprüht zu haben. „Im Prinzip schon“, antwortete der Angeklagte auf die Frage der Richterin, ob dies stimme. Es habe wochenlang Provokationen gegen ihn gegeben, man habe seinen Türgriff abgerissen. Er habe schließlich die Polizei alarmiert, berichtete der Beschuldigte, der auch einräumte, „Gras“ zu rauchen. Er sei in der Einrichtung geschlagen und wochenlang bedroht worden. „Ich wollte keinen Stress haben“, sagte er. Und er habe Angst gehabt. Pfefferspray habe er eingesetzt, um sich in Sicherheit zu bringen: „Grundlos vor die Zähne hauen lasse ich mir nicht.“

Einer der Mitbewohner sei „wie eine Furie“ auf ihn zugegangen, sagte der Angeklagte. Ein anderer habe gesagt, „das geht gar nicht“. Während der Beweisaufnahme stellte sich heraus, dass in der Neujahrsnacht unter anderem Wodka und auch reichlich Bier getrunken wurde.

Drei Zeugen berichteten, mit Pfefferspray besprüht worden zu sein. Einer widersprach der Aussage des Angeklagten, diesen geschlagen zu haben. Eine 22-jährige Zeugin erklärte, der Angeklagte habe ihr Drogen in eine Zigarette gedreht: „Danach ist es mir sehr schlecht gegangen, ich nehme keine Drogen.“

Schon längere Zeit, so ging aus den Zeugenaussagen hervor, habe es in der Einrichtung Streit zwischen Gruppen gegeben. Die „Parteien sind verfeindet“, hieß es unter anderem. Eine Zeugin, die den Angeklagten entlastete, berichtete, in dieser Nacht sei „eine Menschenmenge“ auf den Mann losgegangen.

Die Verteidigerin sprach schließlich von „28 Versionen des Abends“ und von einem Fall von Notwehr. „Es gab Pfefferspray“, erklärte die Staatsanwältin. Richterin Eichler: „Pfefferspray ja, aber die Situation war schwierig.“ Eichler sprach von einem „unheimlich komplizierten Sachverhalt“. Dem Vorschlag, das Verfahren einzustellen, folgten Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Was ein Danke der Verteidigerin und des Angeklagten zur Folge hatte. m.s.

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