Hiobsbotschaft im Finanzausschuss

Wildunger Stadtwald auf Jahre plötzlich Zuschussgeschäft statt Geldquelle

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Trübe Aussichten: der Wildunger Stadtwald ist schwer angeschlagen, hier oberhalb Busemanns Köppel.

„An eine solche Hiobsbotschaft aus dem Stadtwald kann ich mich nicht erinnern“, sagte Helmut Simshäuser (CDU), langjähriger Vorsitzender des Finanzausschusses.

  • Statt 120000 Euro an Einnahmen bringt der Wildunger Stadtwald nächstes Jahr 120000 Euro Verlust
  • Ursache sind die enormen Schäden durch lange Trockenheit
  • Der Forst setzt auf natürliche Verjüngung
  • Am Holzmarkt herrschen gerade teils absurde Zustände

Bad Wildungen - Damit kommentierte er am Dienstagabend im Rathaus den Vortrag vom Martin Berthold (Kommunalwald GmbH) und André Schulenberg (Forstamt Vöhl).

Trockenheit und Hitze in der Bilanz

Die verheerenden Folgen der langen Trockenheit und heißen Sommer für Buchen, Fichten und andere Arten drücken sich drastisch auch in den Finanzzahlen aus. Mehr als 110 000 Euro an Einnahmen fürs Stadtsäckel waren für 2019 aus dem 25 Hektar großen Stadtwald einkalkuliert.

Alles Makulatur. „Wir erreichen nur noch eine schwarze Null“, gab Schulenberg den Politikern bekannt.

2020 ist es damit nicht mehr getan. Vorsichtig schätzen die Förster den zu erwartenden Verlust auf 120 000 Euro. Wie hoch er genau ausfällt, hängt von vielen Faktoren ab, zuvorderst von der Frage, wie sich die Schäden ab dem nächsten Frühjahr weiter ausbreiten.

Fürs Nachpflanzen von Bäumen ist es zu früh

Auf Jahre hinaus wird der ausgedörrte, taumelnde Stadtwald dem Stadthaushalt nicht mehr den gewohnten, kleinen Geldregen bescheren. Statt dessen muss die Kämmerei zuschießen. In welchem Ausmaß, ist noch nicht seriös zu beziffern, machte Martin Berthold deutlich.

Einen entscheidenden Aufwand stellt das Nachpflanzen dar. Doch es wird Jahre brauchen, bis die Förster herausgefunden haben, welche Baumarten in welcher Mischung am besten gesetzt werden, um sich dem Klimawandel anzupassen.

„Aktuell hätte Nachpflanzen allein deshalb keinen Sinn, weil junge Bäume einen durchfeuchteten Boden brauchen. Wann das wieder soweit ist, wissen wir nicht“, erläuterte Schulenberg. Man könne sie schließlich nicht wässern.

Naturverjüngung ist im Wald angesagt

„Naturverjüngung“ ist daher das Gebot der Stunde, sagen die meisten Fachleute übereinstimmend. Die Natur, die ihre Prozesse über vier Milliarden Jahre entwickelt hat, passt sich jeder Situation an und gewinnt in dieser Lage noch größere Bedeutung als Lehrmeisterin für die Forstwirtschaft. Beobachten, wie sich der Wald entwickelt und dann die nachhaltige Forstwirtschaft an diesem Vorbild orientieren, lautet aktuell die bevorzugte Strategie vieler Fachleute. Schulenberg schilderte, worin sich das konkret ausdrückt:

Junge Bäume brauchen Schutz vorm Verbiss durch Wild

„Wenn wir Flächen sehen, auf denen Jungbäume in größerem Umfang heranwachsen, schützen wir sie durch Zäune vor Wildverbiss.“ Dann kann sich die Pflanzengesellschaft ausbilden, die zum veränderten Klima passt. Der Wald braucht Ruhe zur Genesung. Die hohe Dichte an Reh, Hirsch & Co gefährdet die Naturverjüngung massiv. Wolf, Bär und Luchs regeln die Bestände der Pflanzenfresser seit Jahrhunderten nicht mehr mit. Das ändert sich auch durch die begrenzte Rückkehr zweier dieser Arten auf Sicht kaum.

Stadt sollte Jäger zu Hilfe rufen

„Am besten beraten Sie sich deshalb mit den Jagdpächtern in ihrem Wald und treffen Vereinbarungen“, riet der Förster. Durch höheren Abschuss ließen sich die Kosten für den Schutz der Bäume um bis zu ein Drittel senken: „Denn mit dem Bau von Zäunen ist es nicht getan. Sie müssen auch kontrolliert und gewartet werden.“

Solche Arbeiten und das Sichern der vielen Wege durch den Stadtwald kosten Geld, damit er weiterhin der Naherholung und dem Tourismus dient.

„Wo keine Gefahren bestehen, lassen wir das Totholz im Wald liegen, weil es ökologisch wertvoll ist“, ergänzte Schulenberg.

Absurde Zustände am Holzmarkt

Martin Berthold berichtete von teils absurden Zuständen am Holzmarkt dieser Tage. Viele Anbieter versuchen Käferholz nach China zu exportieren. Das geschieht mit Stämmen, die auf etwa 11,50 Meter geschnitten werden und in die 12 Meter langen Übersee-Container passen. Diese werden bis zum Rand gefüllt per Lkw angeliefert und verschifft. Praxis seit 25 Jahren. 

Autobahnpolizei stoppt mit Holz beladene Container-Lkw

Doch seit November kontrollieren Autobahnpolizei und Güterverkehrs-Behörde verstärkt die Container unter der Überschrift „Transportsicherung“ und legten Lkw wegen fehlender Sicherung still. „Es klettert aber keiner in einen Container voller Rundholz und sichert die Ladung“, sagte Berthold. Über Wochen ging nichts mehr, weil die Spediteure angesichts der Strafen und Zwänge vor dem Frachtgut zurückschreckten. „Jetzt wurden Versuche mit den Holzcontainer-Lkw durchgeführt und es zeigte sich, dass eine zusätzliche Transportsicherung überflüssig ist“, unterstrich Berthold. 

Wegen chinesischen Neujahrsfestes bleiben Baumstämme im Wald

Kaum scheint diese Hürde genommen, taucht das nächste Problem auf. Im Zielland China stehe das Neujahrsfest an. Die Arbeit dort ruhe über Wochen. Also gibt es keine Containerschiffe, die leer Richtung Asien fahren, um dort produzierte Ware nach Europa zu holen und gerne bereit sind, die freien Kapazitäten auf dem Hinweg zu günstigem Preis durch Holz auszulasten. „Deshalb steigen die Frachtkosten bis zum Ende des Neujahrsfestes Anfang Februar deutlich an“, erklärte Berthold. Das Liegen im chinesischen Hafen beim Warten aufs Löschen der Ladung kommt als zusätzlicher Kostenpunkt hinzu. Also lässt die Kommunalwald-GmbH die 11,50 Meter-Stämme, die sich anders nicht vermarkten lassen, bis dahin im Forst. „Zum Glück lagert das Holz wegen der Temperaturen gerade frisch wie im Kühlschrank.“

Ein Kunststück heutzutage: die Bahn als Vertriebsweg für Holzstämme zu nutzen.

Ein Kunststück: Das Verladen auf die Bahn

Zweites Beispiel: „Drücken Sie die Daumen, dass es im Sauerland und in Österreich tüchtig schneit“, sagte Berthold. Denn dann ließe sich Holz auf der Schiene dorthin vertreiben, weil der Schnee das Rücken der heimischen Bestände verhindere, während hierzulande im milden Winter die Stämme aus dem Wald geholt werden können. Allerdings: Bahntransport sei eine Wissenschaft für sich, auch weil geeignete Bahnhöfe kaum noch zu finden seien. Also nimmt die Kommunalwald-Gmbh dabei externe Hilfe durch Unternehmen in Anspruch, die häufig Holz mit der Bahn verladen.

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