Boulevardkomödie mit Tiefgang

Wildunger Startheater: eine Ehe geht an die Niere - und unter 

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Noch schmusen sie miteinander: Katrin (Katja Weitzenböck) und Arnold ‚Dominic Raacke). Doch ein Happy End hat „Die Niere“ nicht.

Endlich mal eine Boulevardkomödie ohne Happy End: "Die Niere" überzeugte mit Tiefgang und meisterhaftem Schauspiel in der Wandelhalle.

Bad Wildungen – In einer Zeit, in der ernsthaft und kontrovers über Organspenden debattiert wird, wagt sich ein Autor, ein Boulevardstück mit dem Titel „Die Niere“ zu schreiben und er hat damit großen Erfolg. Warum? Weil Stefan Vögel mit dem heiklen Thema sprachlich geschickt umgeht und dramatisches Feingefühl walten lässt. In seinem Stück geht es im Grunde nicht um Ethik und Moral, um Zustimmungs- oder Widerspruchslösung, sondern um die Liebe zweier Ehepaare zueinander. Der Autor lässt mit viel Geschick und Humor „Die Niere“ als Metapher für diese eheliche Liebe stehen. Obwohl Blutgruppe, Harnsäurewert und viele andere medizinische Fachausdrücke fallen, bedrücken sie das Publikum in keinem Moment.

Die Besucher in der ausverkauften Wandelhalle sahen vor einem geschickten und gefälligen Bühnenbild von Stephan Fernau ein von der ersten bis zur letzten Minute amüsantes Stück. Es feiert sicher durch seine Aktualität Erfolge, lebt aber vor allem von seinen spritzigen Ping-Pong-Dialogen. Es lässt dabei in der gelungenen Inszenierung von Martin Woelffer der Schauspielkunst und dem Komödiantentum der vier Darsteller breiten Raum.

Der erfolgreiche Architekt Arnold (Doninic Raacke) plant, mit seiner Ehefrau Kathrin (Katja Weitzenböck) und einem befreundeten Ehepaar namens Diana (Laina Schwarz) und Götz (Romanus Fuhrmann) den Auftrag für ein Hochhaus zu feiern. Da platzt das Ergebnis einer gemeinsamen Vorsorgeuntersuchung herein: Kathrin leidet an einer Niereninsuffizienz und benötigt eine Spenderniere. Wartezeit: sechs Jahre.

Also kommt nur eine Lebendspende in Frage. Es trifft sich gut, dass Arnold die gleiche Blutgruppe wie seine Frau hat. „Spendest du mir eine Niere?“ In dieser Frage schwingt eine weitere mit: ist es Liebe, wenn man seinem Partner eine Niere spendet? „Ich habe auch Angst um meine Gesundheit“ oder „das ist ja nicht eine Entscheidung, wie ich geh‘ mal eben zum Frisör“ und „ich soll mir bei lebendigem Leibe ein Stück meines Körpers herausschneiden lassen?“, bieten ein breites Spektrum an Reaktionen. Als Diana und Götz eintreffen, stellt sich heraus, dass Götz die gleiche Blutgruppe wie Arnold und Kathrin hat. Nachdem sich Götz spontan zur Spende erklärt, beginnt der amüsant-lustige wie kluge, schlagfertige und brisante Dialogmarathon, in dem die vier Mimen meisterhaft agieren.

Und dann wird der Laborfehler entlarvt. Arnold –und nicht Kathrin – benötigt die Spenderniere. Eifersucht und Gehässigkeit kommen auf, so lange, bis Kathrin schließlich („April, April“) verkündet: Niemand braucht eine Spenderniere.

Der Streit eskaliert, und es zeigt sich, wie brüchig und verlogen die eheliche Liebe gleich beider Paare längst ist. Götz und Diana haben beide eine Affäre. Nachdem Katja erfahren hat, dass ihr Mann sie mit einer Malerin („Kunst am Bau“) betrügt, hat sie die Anmache von Klaus, einem Kollegen aus ihrer Pilatesgruppe, erhört. Die Sache mit der Spenderniere war von ihr geschickt arrangiert, um ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Endlich mal ein Boulevardstück ohne übliche Happy End.

Kathrin zum Schluss: „Die Formalien unserer Scheidung klaren wir später“, und Arnold ruft ihr wütend hinterher: „Du hinterhältiges, intrigantes Miststück.“ -szl-

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