Wegen der Bewerbung aufs Siegel "StadtGrün"

Streit im Wildunger Parlament um Feuersalamander, Insekten und das Mähen der Wiesen

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Ein Feuersalamander, entdeckt im Landesgartenschaugelände: Eine Trockenmauer zu bauen, die diesem Lurch und anderen Tierarten bei überschaubarem Aufwand Unterschlupf bietet, war der CDU für die Stadt zu teuer. „Das soll der Nabu auf eigene Kosten machen“, meinte Fraktionsvorsitzender Vaupel im Parlament.

„StadtGrün naturnah“ lautet der Titel eines Gütesiegels, um das sich die Stadt Bad Wildungen beworben hat. Doch darum gab´s heftigen Streit im Parlament.

  • Das Wildunger Parlament stritt über eine zurückhaltendere Pflege der städtischen Grünflächen zu Gunsten der Artenvielfalt
  • Hintergrund war die Bewerbung um das Gütesiegel "StadtGrün naturnah", das eine solche extensive Pflege auszeichnet
  • CDU und Freie Wähler stellten sich gegen die meisten Punkte der dazugehörigen Ideenliste aus dem Umweltausschuss
  • Einige der Punkte: nur noch eine Mahd der Wiesen pro Jahr; eine Trockenmauer für Feuersalamander; eine Info-Broschüre zur Artenvielfalt

Bad Wildungen - Im Grundsatz geht es darum, die großen städtischen Grünflächen zurückhaltender zu pflegen, um einer größeren Artenvielfalt Zeit und Raum zum Entfalten zu geben.

Rainer Paulus (SPD), Vorsitzender des Umweltausschusses, stellte die Ideen dazu vor, die eine lokale AG auf Basis des Arbeitskreises Naturschutz entwickelte. Der Umweltausschuss stimmte dem Programm laut Paulus bei zwei Enthaltungen zu.

CDU ist Container fürs Mähen zu teuer

CDU und Freie Wähler waren im Parlament größtenteils aber nicht damit einverstanden. Während Kira Hauser (FW) mehrfach nachhakte, ob der frühere Bürgermeister Volker Zimmermann das Recht gehabt habe, im März 2018 ohne Zustimmung des Parlamentes eine zweite Bewerbung für „StadtGrün“ einzureichen, beleuchtete CDU-Fraktionsvorsitzender Marc Vaupel vorrangig negative ökonomische Folgen aus CDU-Sicht.

Das Anschaffen eines Mähcontainers koste Geld, kritisierte er. „Im Gegenzug sinkt doch der Personaleinsatz, weil nur einmal im Jahr gemäht wird“, entgegnete Paulus. 

Viehfutter contra Insektenschutz

Vaupel beharrte: Wenn man die Wiesenflächen erst im August mähe, könne das Schnittgut nicht mehr, wie bisher, als Viehfutter verwendet, sondern müsse entsorgt werden. „Nachhaltig nutzen geht anders. Insektenschutz ist nicht alles“, meinte er.

Auf Torfprodukte wollte die CDU nur verzichten, wenn die Alternativen nicht viel mehr kosten. Die geplante Info-Broschüre zur Artenvielfalt lehne man ab, weil sie sowieso im Papierkorb lande.

So oder ähnlich argumentierten die Gegner aus den beiden bürgerlichen Fraktionen gegen fast alle Vorschläge. „Der Nabu kann eine Trockenmauer für Salamander ja selbst bauen, aber nicht auf Kosten der Stadt“, unterstrich Vaupel zum 19. und letzten Vorschlag der Liste.

Regina Preysing (Linke) verstand wie SPD, Grüne und FDP die Aufregung nicht, „weil ja zu den Vorschlägen gehört, dass sie im Rahmen des geltenden Haushalts verwirklicht werden.“

Damit bestimme das Parlament über das Geld, mit dem Stadtgärtnerei und Bauhof arbeiten könnten.

Ausrichter von „StadtGrün“ sind das Bundesamt für Naturschutz und das „Bündnis der Kommunen für biologische Vielfalt (Biodiversität)“. Bad Wildungen trat ihm 2012 als eine der ersten deutschen Städte bei.

HINTERGRUND

Ein Beispiel verdeutlicht, wie fein verästelt sich die Zusammenhänge in der Ökologie darstellen: Beim Mulchen vernichtet der Mensch in Massen Insekten, Kleinstlebewesen und ihre Lebensräume auf der Wiesenfläche. Weil das Schnittgut liegen bleibt, reichert sich der Boden mit Nährstoffen an. 

Insektenschutz: es geht nicht nur um Blüten

Besonders wertvoll und zugleich besonders bedroht in unserer Landschaft sind aber Mager-Rasen, erklärt auch der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Auf diesen nährstoffarmen Böden gedeiht eine weit größere Zahl unterschiedlicher Gräser und Blütenpflanzen. Sie bilden die Nahrungs- und Fortpflanzungsgrundlage für eine ebenso große Vielfalt an Insekten- und anderen Tierarten. Die meisten der Pflanzen sind einjährig, erscheinen im nächsten Jahr also nur, wenn sie Samen ausbilden dürfen – was ihnen ein spätes Mähen der Wiese im August erst ermöglicht. Es geht also nicht nur um Blüten als Nahrungsquelle für Insekten. 

Kompost statt Torf schützt Klima

Das Schnittgut taugt zwar nicht mehr als Tierfutter, aber es kann in Flechtdorf kompostiert werden. Komposterde wiederum ist die kreislaufmäßig erzeugte Alternative zur Torferde. Hier fällt der ökologische Gewinn doppelt aus. Denn Torf stammt aus Mooren, die als Speicher des klimaschädlichen CO2-Gases noch wertvollere Dienste leisten, als es Wälder tun. Doch Moore werden vernichtet für Geranie & Co in Gärten, auf Balkon und Friedhöfen. Eine andere Komponente in diesem Zusammenhang: Selbst Bio-Milchviehhalter sind darauf angewiesen, die Wiesen immer dann zu mähen, wenn das Gras Bierflaschenhöhe erreicht hat, da es dann die meisten und wertvollsten Nährstoffe für die Tiere enthält. Das senkt zwar den Verbrauch von Kraftfutter wie Soja, das umweltschädlich in Übersee angebaut wird. Es schränkt aber auch das Entstehen artenreicher Magerrasen auf landwirtschaftlichen Flächen ein, unabhängig von der Wirtschaftsweise des Betriebes.

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