Bad Wildungen

Wildunger Tropfen, edel wie Rheinwein

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- Bad Wildungen (su). G. Guthein: Die wenigsten Wildunger werden den Mann kennen, der vor 250 Jahren starb. Vorerst bleibt es ein Rätsel, ob er Gustav, Gerhard oder vielleicht Gundolf mit Vornamen hieß. Doch ihm gebührt ein Ehrenplatz in der Kulinarik-Historie der Kurstadt, denn mit Guthein trat 1761 der letzte Wildunger Winzer von der Bühne des Lebens ab

Aus heutiger Sicht kaum zu glauben, dass der Weinbau in „nordhessisch Sibirien“ einmal eine nennenswerte Rolle gespielt hat und doch tat er es. Der Sage nach soll Bonifatius einst das Winzerhandwerk ins benachbarte Fritzlar gebracht haben. Tatsache ist, dass Urkunden um 1409 erstmals das Traubenkeltern für Niederwildungen belegen, schreibt der Heimathistoriker Christian Fleischhauer 1924 in „Mein Waldeck“. 20 Hektar soll die Fläche der Weinberge seinerzeit in Wildungen umfasst haben.Nicht zufällig. Vom neunten bis zum 14. Jahrhundert lagen die Durchschnittstemperaturen in Mitteleuropa deutlich höher als heute und begünstigten eine Blüte des Weinbaus in Gegenden, aus denen er heute verschwunden ist.

Die Römer hatten Trauben und Rebensaft in Germanien im Altertum verbreitet. 1540 soll in Niederwildungen ein exquisiter Jahrgang herangereift sein, heißt es bei Ovelgün, dessen Name in der heutigen Kurstadt wegen seiner Brunnenschriften eng mit der segensreichen Wirkung der Wildunger Heilwässer verbunden ist. Er war auch dem Wein nicht abgeneigt und schrieb zum 1540er, dem „nobile Vinum Wildungi“, dem „edlen Wildunger Wein“: „Es hat damals dieser Wein den Rheinwein an Güte übertroffen.“ Einige Stöcke sollen wegen der frühen Reife sogar zweimal getragen haben.

Für die Stadt stellte die Winzerei einen Wirtschaftsfaktor dar. Der Konsum lag so hoch, dass zusätzlich zur heimischen Produktion größere Mengen von außerhalb bezogen wurden, etwa von Händlern aus Fritzlar, Ziegenhain oder Kassel. Zwei Weinschänker im Ratsweinkeller ermittelten An- und Verkaufspreise, schlugen sie an einem roten Stein neben der Rathaustreppe an. Im Zuge des Verkaufs standen dem Bürgermeister jedes Mal ein Frischwein und ein Probewein zu. Jedes Ratsmitglied erhielt zwei Flaschen, dem Zapfer wurde seine Leistung entsprechend der Fässeranzahl vergütet.

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