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Wildunger vor Gericht: mit Säbel eigene Frau verfolgt

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Von: Matthias Schuldt

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Flur im Landgericht Kassel mit Info-Flyer „Von einer Straftat betroffen“
Prozess-Schauplatz: das Landgericht Kassel. © Matthias Schuldt

Wegen versuchten Totschlags mit einem Säbel, den er gegen seine eigene Frau erhoben haben soll, steht ein 70 Jahre alter Wildunger vor Gericht.

Bad Wildungen/Kassel – Das Geschehen spielte sich bereits am 1. Dezember 2014 in der Wildunger Kernstadt auf der Straße vor der Wohnung des Ehepaares ab. Es kommt erst acht Jahre später zur Verhandlung, weil der zuständigen sechsten Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel bisher die Zeit fehlte, erläuterte Vorsitzender Richter Volker Mütze.

Der Vorwurf laut Anklageschrift: Der betrunkene Mann stritt gegen 9 Uhr in der gemeinsamen Wohnung mit seiner Frau, weil sie ihm kein Geld gab. Dann forderte er die Schlüssel, doch die Frau verweigerte die Herausgabe, weil sie fürchtete, der damals 62-Jährige wolle sie und den erwachsenen Sohn in der Wohnung einschließen. Sie eilte stattdessen nach draußen.

Säbel mit 50 Zentimeter langer Klinge, der an der Wohnzimmerwand hing

Der Wildunger griff nach einem Säbel mit rund 50 Zentimeter langer, einseitig scharfer Klinge, der im Wohnzimmer an der Wand hing, und lief seiner Ehefrau hinterher. Auf der Straße soll er seine Frau eingeholt und die Waffe mit beiden Händen gegen sie erhoben haben. Den Schlag verhinderte laut Anklageschrift der heute 45-jährige Sohn, der seinen Vater von hinten umfasste, zu Boden brachte und ihm das Schwert entriss. Einer Nachbarin, die laut damaligem Protokoll das Ganze beobachtete, rief er demnach danach zu „Alles okay.“ Wenig später nahm die Polizei jedoch den heute 70-jährigen Rentner fest. Bei der Tat lag nach Angaben der Staatsanwaltschaft der Blutalkoholwert des Angeklagten zwischen gut zwei und drei Promille.

Der Mann auf der Anklagebank stellte die Sache anders dar. Er habe den Säbel nie gegen jemanden erhoben, sondern nur gegriffen, um die Scheibe des Autos seiner Frau einzuschlagen, weil er darin ihre Handtasche mit Geld vermutete. Draußen habe sie aber plötzlich mit der Tasche hinter ihm gestanden. Er habe seiner Frau die Tasche aus der Hand gerissen und zurück in die Wohnung gewollt, doch der Sohn habe ihm sowohl die Tasche als auch die Waffe abgenommen. Ein „Spektakel“ habe man aus all dem gemacht.

Ehefrau zog die eingereichte Nebenklage zurück - gesamte Familie sagt nicht aus

Fünf Wochen verbrachte der Wildunger 2014 in U-Haft. Seine Frau nahm die eingereichte Nebenklage später zurück. Die beiden sind bis heute seit fast 50 Jahren verheiratet und leben zusammen. Die Ehefrau nahm wie der erwachsene Sohn und die erwachsene Tochter das Recht Angehöriger wahr, nicht auszusagen. Laut Gericht könnten statt des versuchten Totschlags in der Anklage ein versuchter, schwerer Raub unter Waffeneinsatz und eine Bedrohung ausgeurteilt werden.

1994 siedelte der angeklagte Wildunger mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland aus. Anfang der 2000er Jahre kam er wegen Drogenhandels und Zuhälterei in Haft. Danach arbeitete er als selbstständiger Berufskraftfahrer. 2014 hatte der Wildunger die Arbeit aufgegeben und kümmerte sich um seine pflegebedürftige Schwiegermutter, sagte er. Gemeinsam mit seiner berufstätigen Frau.

Zeugin erinnert sich vor Gericht an nichts mehr von ihrer drastische Aussage 2014

In der Pflegesituation habe er vermehrt Alkohol getrunken, wie am Morgen der angeklagten Tat. Alle Geldangelegenheiten regelte und regele seine Frau. Von ihr wollte er Geld, um weiteren Wodka zu kaufen. Nur darum sei es gegangen. Er habe niemanden verletzen wollen und sei sauer auf sich gewesen, weil er betrunken zuvor Möbel kaputt geschlagen habe.

Als Zeugin, wenige Meter vom Geschehen entfernt, beschrieb eine damalige Nachbarin bei der Polizei Details. Sie hörte Schreie und sah, wie die Frau des Wildungers mit ihrer Tasche aus dem Haus gelaufen kam; wenige Schritte hinter ihr der Angeklagte, den Säbel in Händen. Die Nachbarin, die auch Russisch spricht, will damals gehört haben, wie der Verfolger auf Russisch rief „Ich bringe dich um!“ Er habe die Waffe gehoben. Dann sei ihm der Sohn in den Arm gefallen, der der Zeugin zurief: „Alles okay.“. Vor Gericht erinnerte sie sich an fast nichts. Auch nicht an die auffällige Waffe mit ihrem messingglänzenden, verzierten, großen Griff. Auf die Frage „Haben Sie Befürchtungen…?“ antwortete die Frau rasch „Nein!“.

Angeklagter sagte im Polizeiauto 2014: „Ich bringe sie alle um“

Laut Protokoll soll der heute 70-jährige Mann damals im Polizeiauto gesagt haben: „Ich bringe sie alle um.“ Im Zeugenstand schätzte ein Polizist, der an der Festnahme beteiligt war, den Angeklagten trotzdem als nicht ernstlich gewalttätig gegen die Familie ein. Vom Alkohol enthemmt habe er im Auto unablässig geredet.

Das Amtsgericht Fritzlar verhängte 2021 eine Geldstrafe für Cannabis-Kauf gegen den Mann. Er nutzte es als Tee, „um mich vor Krebs zu schützen. Das steht im Internet.“ Seine Brüder und Mutter seien krebskrank.

Seine langjährige Alkoholsucht habe er überwunden. 2015 bekam er in Kaliningrad ein Gegenmittel injiziert: der in der EU nicht erlaubte Stoff löst bei Alkoholkonsum schwere Nebenwirkungen aus. „Seitdem trinke ich nicht mehr“, sagte der Mann aus.

Die Sachverständige Birgit von Hecker diagnostizierte 2015 bei dem Wildunger Alkoholabhängigkeit: Die Einsichtsfähigkeit war bei der Tat nicht beeinträchtigt, die Steuerungsfähigkeit durch den Promillewert aber erheblich. Hoher Suchtdruck führte laut der Neurologin und Psychiaterin zum Verhalten des Angeklagten. Heute gebe es keine Hinweise mehr auf Suchterkrankungen. Der Prozess wird fortgesetzt. (Matthias Schuldt)

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