Bürgermeister eröffnet Viehmarkt im griechischen Stil

Wildunger Wexit und Ochis

- Start frei für das frisch gestylte größte Bad Wildunger Volksfest: Nach wiederholter Reform begann der Kram- und Viehmarkt nunmehr am aber immer noch „heiligen“ Donnerstagabend.

Doch dies spielte für die Besuchermassen kaum eine Rolle, an diesem lauen Sommerabend strömten Alt und Jung in beachtlicher Zahl zum dröhnenden Festplatz.Per „Referendum“, erinnerte der Bürgermeister (mit Amtskette), hätten die Badestädter mit überwältigender Mehrheit dem Erhalt des Mittwochs eine Absage erteilt, brandaktuell formuliert mit dem Athener Nein-Ochi. Überhaupt inspirierte das Griechenland-Drama Volker Zimmermann zu einer teilweise bitterbösen stadtpolitischen Büttenrede „vor dem Volk“ im proppenvollen Festzelt. In mehreren „17-stündigen Sitzungen“ fasste der Wildunger Magistrat, der sozusagen auf dem Gipfel des olympischen Schuldengebirges tagte, aufsehenerregende Beschlüsse. Alle Stadträte zogen ihre Spendierhose an und verbrieten Million für Million. Für ein Viehmarktsgeld (400 Euro) für jeden Wildunger, für einen Wellnesstempel Heloponte, ein hochmodernes Kurhaus, kostenlosen Straßenbau und etliches mehr. Natürlich werden die Schulden nicht zurückgezahlt, dafür die Geldgeber beschimpft. Den Bürgern empfiehlt die Stadtregierung, bei der Frage der Schuldenbegleichung mit Ochi zu stimmen. Zimmermann fügte sarkastisch gelaunt hinzu: „Sollte der Wildunger Volkswille nicht respektiert werden, beschließt der Magistrat einen Wexit, daher Austritt aus dem Euro und Einführung des Bad Wildunger Quellentalers.“ Die meisten Zuhörer amüsierten sich über diese Magistratssitzung im Athener Stil, nur wenigen gefiel sie nicht: „Das ist Leichenfledderei.“ Aber dies war nur die halbe Rede, nun wurde es „ernst“: Zimmermann beklagte sich über den heißen Stuhl, auf dem er im Rathaus sitzt, im Brennpunkt verschiedenster Interessen und Forderungen: „Und alles bitte sofort“. Ab und zu streute er griechische Sprichwörter ein. An dieser Stelle: „Wenn man hinter mehreren Hasen herläuft, fängt man keinen.“ Alles auf Kredit? – Das Stadtoberhaupt wies auf „Schutzschirmkommunen“ hin, die selbst die Blumen für runde Geburtstage von älteren Mitbürgern gestrichen haben. Dann verriet Volker Zimmermann seine ganz persönliche Prioritätenliste. Auf Platz eins steht zu aller Überraschung die langwierige Hängepartie um die Freizeitanlage Heloponte: „Eine moderne neue Anlage für Familien, Schulen, Sport und Tourismus.“ Hört, hört, bisher klang dies aus Zimmermanns Mund ganz anders. Auf dem zweiten Platz: gute Kinderbetreuung mit familienfreundlichen Gebühren. Es solle durchaus mal krachen in der Stadtpolitik, mahnte der in letzter Zeit teilweise heftig attackierte Bürgermeister: „Aber bitte ehrlich miteinander umgehen und die berühmte Gürtellinie beachten.“ Ein abschließender „Herzenswunsch“ Volker Zimmermanns, den die Zeltbesucher mit Beifall quittierten, ist die gastfreundliche Aufnahme von Flüchtlingen: „An einem guten Miteinander können alle mitwirken.“ Ganz zum Schluss blickte der Rathauschef noch mal deftig zurück auf eine Wildunger Verordnung von 1765: „Zur Hebung der Moral und zur Bekämpfung der Faulheit und Liederlichkeit wird das Fressen, Saufen, Toben und Tanzen auf dem Jahrmarkt strengstens verboten.“ Gut, dass 1765 lange vorbei ist: „Also lasst uns feiern. Das Wildunger Viehmarkt ist eröffnet.“ Weitere interessante Viehmarktsfragen: Bleibt die große Tierparade, die erstmals an einem Samstag stattfindet, von drohenden Unwettern verschont? Und wie besteht der auf Wunsch von Schaustellern und Händlern neu eingeführte Viehmarktssonntag den Publikumstest?Stars auf dem Bad Wildunger Rummelplatz sind diesmal die imposant wirbelnde, riesige Rundschaukel „Frisbee“ der einheimischen Schaustellerfamilie Ruppert und gleich nebenan eine überdimensionale Windmühle namens „Jekyll & Hyde“. Sie hievt ihre mutigen Passagiere auf 41 Meter Höhe und lässt sie mit 125 km/h hinuntersausen. „Vier G Körperbelastung, wie bei einem Raketenstart“, verspricht der Mann an der Kasse des Fahrgeschäfts. Zum seltsamen Namen: „Keiner kommt raus, so wie er reingegangen ist.“

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