Bürgermeister Feldmann spricht von dramatischer Wende bei Windenergie

Windräder um Höringhausen erlaubt

+

Waldeck - Sachsenhausen - Eine „dramatische Wende bei den Standorten für Windkraftanlagen“ hat laut Bürgermeister Jörg Feldmann ein aktuelles Schreiben aus dem Regierungspräsidium ausgelöst. Rund um Höringhausen könnten demnach Energietürme aus dem Boden schießen.

Eine Hiobsbotschaft, die Feldmann am ersten Arbeitstag nach seinem Urlaub voll ins Kontor traf. Denn es war dasselbe Regierungspräsidium, das vor wenigen Wochen die Höringhäuser aufatmen ließ. Nach aktuellen Windmessungen fielen nämlich bis auf die städtische Waldgemarkung am Schiebenscheid plötzlich alle anderen geplanten Windvorrangflächen aus dem Raster, denn dort wehte es nicht kräftig genug. Das war Stand der Dinge im April 2012. Zuvor hatten Höringhäuser, die Investoren von geplanten Windenergieanlagen und Stadt lange und hart um einen Kompromiss gerungen. Er sah im Wesentlichen die Reduzierung von sechs auf fünf Anlagen am Heidberg vor und vier Anlagen am Tanzplatz am Schiebenscheid. Die bestehenden drei Windmühlen bei Hof Heide sollten im Rahmen eines Re-Powerings nur durch zwei neue, aber deutlich größere ersetzt werden.

Freude währte kurz

Neue Windkarten ließen dann überraschend den mühsam erarbeiteten Kompromiss hinfällig werden. Weil die Windgeschwindigkeit in 140 Metern Höhe unter 5,75 Meter pro Sekunde betrug, schieden bis auf die Fläche im Wald alle anderen Höringhäuser Standorte aus.

Die Freude im Waldecker Stadtteil über die verhinderten Energietürme währte nur wenige Woche. „Abermals haben sich die Planungskriterien für die Suchfelder von Windkraftanlagen dramatisch geändert“, fasst Feldmann einen aktuellen Brief aus der Regionalplanung des RP Kassel zusammen. Nachdem in den vergangenen Monaten ein Kriterienkatalog mit einer detaillierten Planung für Suchflächen von Windkraftanlagen an die Kommunen versendet wurde, „hat sich nun, mitten im Sommerloch, eine für die Stadt Waldeck und ganz speziell den Stadtteil Höringhausen, folgenschwere Wendung abgespielt“. Nach dem aktuellen Schreiben aus Kassel gelte für die Mindestwindgeschwindigkeit nicht mehr ausschließlich die Windkarte des TÜV Süd, sondern ergänzend auch Messergebnisse und geprüfte Gutachten.

Die Unternehmen Heidberg-Wind und Enercon, die bei Höringhausen bauen wollen und bereits kräftig investiert haben, hätten Gutachten über höhere Windgeschwindigkeiten vorgelegt. Diese Unterlagen würden derzeit geprüft. „Sollte die Bestätigung positiv ausfallen, werden beide Bereiche voraussichtlich in das neue regional­planerische Windenergiekonzept aufgenommen“, teilt die Kasseler Behörde mit.

Hessens Wirtschafts- und Umweltministerium, Arbeitskreis Energie sowie der Haupt- und Planungausschuss der Regionalversammlung Nordhessen hätten der Erweiterung der Grundlagen für die Anerkennung von Windenergieflächen zugestimmt. „In der Konsequenz wird es somit voraussichtlich zu einer deutlichen Entwicklung der Windenergie zwischen Sachsenhausen und Höringhausen kommen“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Keine Planungssicherheit

Nach bisherigen Planungen könnte Höringhausen bald von Windrädern umzingelt werden. Die Pläne sahen sechs bis neun Anlagen auf einer Fläche in Richtung Dehringhausen vor, vier am Tanzplatz/Schiebenscheid, zwei bis drei im Rahmen des Re-Powerings, vier am Orth- und fünf am Heidberg. Außerdem sind weitere Anlagen unweit von Höringhausen in Stro­ther Gemarkung vorgesehen. Die Entscheidung falle voraussichtlich im Spätherbst in den Gremien der Regionalversammlung Nordhessen.

Im Hinblick auf die umfangreichen Vorarbeiten von Heidberg-Wind und Enercon und unter Berücksichtigung der Ausweisung beider Bereiche im Regionalplan Nordhessen 2009 sei „eine Ausweisung von Vorranggebieten in diesem Bereich auch sachgerecht“. Die Stadt Waldeck müsste dann ihren Flächennutzungsplan entweder anpassen oder förmlich ganz aufheben - so die Empfehlung.

Mit dieser neuen Marschroute werde anderen Betreibern Tür und Tor geöffnet, glaubt Feldmann. Mit entsprechenden Gutachten könnten auch an anderen Standorten wie Netze oder Freienhagen Windräder realisiert werden. „Was mich ärgert: Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln - und wir haben keine Planungssicherheit.“

Verärgert über „Dreistigkeit“ und „Ignoranz“

Eberhard Diebel (FWG): „Ein weiteres Beispiel für die Unfähigkeit der Politik.“ Er verurteilte die „Dreistigkeit und Unzuverlässigkeit, wie hier über die Interessen der Kommunen regiert wird“. Höringhausen verliere besorgniserregend an Lebensqualität. „Ein ganzer Ortsteil wird zugemauert mit Windmühlen.“ Diebel forderte von Landespolitik und Regierungspräsidium klare Spielregeln, die auch eingehalten werden. Jürgen Schanner (Bündnis 90/Grüne): „Die Art und Weise ist nicht der positiven Einstimmung zur Windenergie zuträglich.“ Windenergie sei wichtig und richtig, aber nur in einem vernünftigen Maß. Dieter Kiepe (SPD): „Mit dieser Änderung werden alle Türen und Tore wieder aufgeschlossen.“ Er sprach von Ignoranz der Behörden und stellte die Frage, was ein Flächennutzungsplan überhaupt noch wert sei. Bodo Wagener (FDP): „Ich habe den Eindruck, dass die Auflagen nur deswegen erleichtert wurden, weil man in Hessen keine zweiprozentige Ausweisung von Windvorrangflächen erreicht hat.“ Martin Dezimbalka (CDU): „In Kassel und Wiesbaden macht man mit uns, was man will. Beschlüsse, die wir in Waldeck fassen, haben kein Haltbarkeitsdatum.“ Alle Fraktionsvorsitzenden und -sprecher sind sich einig: Kassel und Wiesbaden haben die Suppe verhagelt, „und wir müssen es vor Ort ausbaden“. Einhellig wollen sie sich noch einmal für den erarbeiteten Kompromiss einsetzen, um Wildwuchs bei Windenergie im Stadtgebiet zu verhindern. (höh)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare