Stolpersteine erinnern an Vorfahren

Zeitzeugen aus USA und Kanada erzählen in Bad Wildungen vom Schicksal ihrer Familien

Zeitzeugen erzählen vom Schicksal ihrer Familien: Richard Oppenheimer (links) aus den USA und der Kanadier Gershon Willinger bei ihrem Besuch in Bad Wildungen. Foto: Johannes Grötecke

Bad Wildungen. Erzählungen, die unter die Haut gingen: Zeitzeugen aus den USA und Kanada erzählten im Jugendhaus vom Schicksal ihrer jüdischen Familien.

„Obwohl sie uns alle umbringen wollten, haben wir die Nazis überlebt. Das ist unser Sieg!“, sagt Gershon Willinger. Der Kanadier ist jüdischen Glaubens und hat als Kind die Konzentrationslager Westerborg, Bergen-Belsen und Theresienstadt überlebt. 

Neben ihm steht Richard Oppenheimer aus den USA, dessen Familie mütterlicherseits (Mannheimer) in Bad Wildungen in der Linden- und Mittelstraße lebte. Beide berichteten vor interessierten Bürgern im Jugend- und Kulturzentrum Spritzenhaus vom Schicksal ihrer Familien.

In der Badestadt erinnern heute sieben „Stolpersteine“ an die fast komplette Ermordung dieser beiden Familien. Gershon Willinger wurde als Kleinkind bei einem Bauern in Amsterdam versteckt. „Ich habe meine Eltern, die kurze Zeit später im KZ Sobibor starben, nie kennengelernt. Ich wusste nie, woher ich komme und was das Wort Eltern bedeutet“, sagt der 75-Jährige.

Wie durch ein Wunder überlebte er in einer Gruppe mit 50 Kindern unbekannter Herkunft die KZs. Aber es blieben Folgen: Er war verhaltensauffällig, körperlich zurückgeblieben, und bis heute kämpft seine Schwester, die ebenfalls versteckt wurde, mit den Folgen der NS-Zeit. Richard Oppenheimer erfuhr vom Schicksal seiner Familie erst nach dem Tod seiner Mutter Erika Mannheimer, als er deren Tagebuch aus der Kriegszeit fand. Sie hatte mehrere KZs und als eine von Wenigen den sogenannten Todesmarsch von KZ-Häftlingen bei großer Kälte und Hunger überlebt.

Spurensuche im Stadtarchiv und beim Internationalen Suchdienst

Während Lina Mannheimer, die Großmutter des 68-Jährigen, nach dem Krieg in Bad Wildungen bleiben wollte, drängte ihre Tochter zur Auswanderung in die USA. Denn sie wollte nicht länger in dem Land der Massenmörder leben.

Weil große Teile der Familie gewaltsam entrissen wurden, suchen Oppenheimer und Willinger nun intensiv nach Spuren ihrer Vorfahren. Während ihres Besuchs in Bad Wildungen waren sie im Stadtarchiv und beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, trafen sich mit Zeitzeuginnen und sprachen vor Schulklassen.

Gershon Willinger wünscht sich, dass auch für seine Mutter ein Stolperstein verlegt wird. „Da ich nicht weiß, was mit den sterblichen Resten meiner Eltern geschehen ist, sind Stolpersteine für mich fast wie ein Grab. Durch die Steine wären meine Eltern endlich wieder vereint“, so der Kanadier. 

Die örtliche Initiative versucht derzeit, diesen Wunsch zu erfüllen. Im September werden weitere Stolpersteine verlegt.  Von Johannes Grötecke

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