Programm „Land mit Zukunft“ startet in der Sachsenhäuser Stadthalle mit Bürgerdialog

Zündende Idee für Waldeck gefragt

+
Die Gäste beim „Bürgerdialog“ diskutierten viele Ideen und Gedanken.Fotos: Schuldt

Waldeck - „...Immer die gleichen...“ sind´s, die ihre Zeit opfern in Vereinen, Ortsbeiräten, Feuerwehren et cetera. Und jetzt fordert die nächste Initiative in Waldeck freiwilligen, unentgeltlichen, sprich – ehrenamtlichen – Einsatz.

„Land mit Zukunft“ lautet das Programm (siehe „Hintergrund“). Knapp 60 Frauen und Männer aus allen Ortsteilen beteiligten sich in der Sachsenhäuser Stadthalle am „Bürgerdialog“ zum Start des Projekts. Sie sammelten auf Zetteln ihre Ideen und Gedanken dazu, wie sich durch bürgerschaftliches Engagement den Folgen des demografischen Wandels begegnen lässt und welche Probleme dabei auftauchen.

„...Immer die gleichen...“ stand auf einem dieser Zettel, die an Tafeln geheftet wurden. „Zeitbudget“ war auf einem anderen zu lesen. Auf einen dritten hatte jemand „Arbeitsbelastung“ notiert.

Mit diesem Dilemma müssen alle umgehen, die bei der Bewältigung von Zukunftsproblemen auf mehr Eigeninitative der Bürger und mehr Ehrenamt setzen. Die Arbeitswelt fordert wachsende Flexibilität. Wegen des beschränkten Lohn- und Gehaltsniveaus vieler Branchen sind viele Familien auf zwei oder gar mehr Jobs angewiesen. Woher sollen die Menschen die Zeit nehmen für größeren freiwilligen Einsatz?

Dr. Roland Löffler von der Herbert Quandt-Stiftung ist trotzdem optimistisch: „Studien zeigen, dass sich stabil etwa ein Drittel der Bevölkerung ehrenamtlich engagiert.“ Die Zahl der Vereine stieg im Zuge der Wiedervereinigung auf 800000 in Deutschland. Es gibt 20000 Stiftungen. Ständig widme sich ehrenamtliches Engagement neuen Ideen.

Tatsächlich liefern die vielen Initiativen für Flüchtlinge im Waldecker Land einen Beleg dafür. Gleiches gilt für die „Tafeln“. Richtig sei aber auch, dass sich das ‚Wie‘ des ehrenamtlichen Einsatzes ändere – weg von dauerhaften, festen Strukturen, die sich in Satzungen und Protokollen niederschlagen, hin zur Projektarbeit, unterstreicht Löffler. Nicht nur die Veränderungen in der Arbeitswelt führten dazu, sondern auch häufigere Wohnortwechsel, wie sie die moderne Gesellschaft kennzeichnen.

Das wäre vielleicht sogar ein Thema, dem sich das Programm „Land mit Zukunft“ in Waldeck widmen könnte: Wie organisiere und koordiniere ich in Zeiten des demografischen Wandels auf dem Land ehrenamtliche Arbeit? Wie rekrutiere ich frische Kräfte?

Beim „Brain Storming“, beim kreativen Gedankenaustausch während des Bürgerdialogs, kamen allerdings eine Menge mehr Felder zur Sprache, aus denen ein zentrales Projekt des Programms für Waldeck erwachsen könnte: Tourismus, Begegnungsorte, Zusammenhalt, Marketing...

Für Roland Löffler steht fest: Ehrenamtliches Engagement darf auch nicht mit Erwartungen überfrachtet werden. „Bei zentralen Lebensfragen wie Sicherheit oder Gesundheit sehen die Bürger den Staat in der Verantwortung“, berichtet er aus Erfahrung. Ehrenamtliches Engagement ziele beispielsweise auf Kultur und Bildungseinrichtungen wie Stadtbibliotheken.

Wofür sich die Waldecker am Ende als Vorhaben entscheiden, soll sich im Herbst bei fünf bis sechs Sitzungen eines „Runden Tisches“ herauskristallisieren. Rund 20 Engagierte suchen die Verantwortlichen des Programms dafür.

Auf Nachfrage gingen am Mittwochabend in der Sachsenhäuser Stadthalle ausreichend Finger in die Höhe. Sie gehören zu bekannten Gesichtern aus Vereinen, Ortsbeiräten, Parteien, etablierten Initiativen...

Hintergrund: „Waldecker Modell“ ist am Start

„Land mit Zukunft“ heißt das Programm, das die private Herbert-Quandt-Stiftung für bürgerschaftliches Engagement und die hessische Landesstiftung „Miteinander in Hessen“ ins Leben gerufen haben, um im demografischen Wandel Perspektiven für ländliche Kommunen zu erarbeiten. Sechs Kommunen, darunter Waldeck, erhalten, auf drei Jahre verteilt, jeweils 60?000 Euro, um vorzugsweise ein einzelnes Projekt mit Beispielcharakter zu entwickeln. „Wir können nicht in alle Städte und Gemeinden gehen und haben deshalb eine Auswahl getroffen“, erklärt Sandra Pfaffe, Geschäftsführerin der landeseigenen Stiftung. Weil ein kleines Team an die Arbeit geht, fiel die Wahl auf kleinere Kommunen. Die Hoffnung liegt darin, dass im Rahmen des Programms Ideen entstehen, die andere Kommunen inspirieren, bei der Bewältigung des demografischen Wandels die Bürger als Akteure einzubeziehen. In Waldeck fiel am Mittwoch der Startschuss für das Programm insgesamt. „Deshalb lassen wir das Ganze künftig unter ‚Waldecker Modell‘ laufen“, kündigte Sandra Pfaffe unter dem Beifall der Teilnehmer an. Vorab hatten die Moderatoren des Programms Fragebögen an 140 Vereine und Institutionen versandt, um etwa Stärken und Schwächen ihrer Stadt aus Sicht der Waldecker zu ermitteln. Rund 10 Prozent der Bögen kamen beantwortet zurück als Vorbereitung für den „Bürgerdialog“ vom Mittwoch. Die Herbert-Quandt-Stiftung sammelte in Mecklenburg-Vorpommern in den vorigen drei Jahren Erfahrungen mit einem ähnlichen Programm. Daraus sei in Demin beispielsweise ein Bürgerverein hervorgegangen, der sich auf Dauer mit dem demografischen Wandel auseinandersetzt, erklärte Dr. Roland Löffler von der Stiftung.

Von Mattthias Schuldt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare