schichte, die vor 57 Jahren in der Waldecker Bucht begann

Zwei Schwestern, zwei Brüder und ein demoliertes Goggomobil

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Ingrid und Klaus, Jürgen und Waldtraud Wendel im Garten des Waldecker Hotels Belvedere, im Hintergrund der Blick auf den herbstlichen Edersee, wo vor 57 Jahren die Geschichte begann.Foto: Schuldt

Edersee - Zwei mal zwei macht zwei. So geht die Rechnung beim kleinen Edersee-Einmaleins der Familie Wendel auf.Zwei Schwestern und zwei Brüder, deren Wege sich kreuzen und in zwei Ehen münden. Am Beginn dieser ungewöhnlichen Geschichte stehen ein Pfingsturlaub in der Waldecker Bucht und eine demoliertes Goggomobil 1957.

57 Jahre hat es gedauert, bis die vier an den Ort des Geschehens zurückkehrten, nach Waldeck. Bis gestern verbrachten Waltraud und Jürgen Wendel, Ingrid und Klaus Wendel gemeinsam einen Kurzurlaub im Waldecker Hotel Belvedere. „Schwelgen in Erinnerungen“, beschreibt Klaus Wendel das Ziel der kleinen Reise.

Zwei Mädchen per Rad mit Zelt von Kassel an den See

Damals, 1957, entschließen sich Ingrid und Waltraud Volzke zu einer abenteuerlichen Tour. „Wir kauften uns heimlich ein Zelt, um mit Fahrrädern über Pfingsten an den Edersee zu fahren“, erzählt Ingrid Wendel. Zwei Freundinnen wollten und sollten mit sein von der Partie. Doch als die vier Teenager kurz vor dem Start die Katze gegenüber den Eltern aus dem Sack ließen und deren Erlaubnis erbaten, bissen die Freundinnen auf Granit. „Unsere Eltern, speziell unsere Mutter, war toleranter“, schildert Waltraud Wendel. Die Mama gestattete den Ausflug unter der Bedingung, dass die Töchter das Zelt nur einmal benutzten und danach wieder verkaufen müssten.

Die Familie lebte in Kassel. Die beiden tatendurstigen Schwestern hatten sich also eine ordentliche Tour vorgenommen. Sie schafften die Entfernung an einem Tag.

Unterdessen fassten auch die Brüder Jürgen und Klaus Wendel aus Hannover den Edersee als Ausflugsziel ins Auge, begleitet von einem Freund. Die drei jungen Männer verfügten über ein Automobil, eines der berühmten Goggo-Gefährte. Jürgen hatte als gelernter Kfz-Schlosser das Auto, einen Unfallwagen, günstig erstanden und repariert.

„Maschsee und Steinhuder Meer kannten wir zur Genüge. Ich hatte ab und zu in Kassel zu tun und kannte den Edersee darum vom Namen her“, berichtet Bruder Klaus Wendel.

Die Hannoveraner Jungs denken zuerst ans Essen

Die Campingplätze am See waren zu Pfingsten gut belegt. Die Kasseler Mädchen und die drei Hannoveraner Jungs scheiterten deshalb bei der ersten Anlaufstelle und gerieten sich dort erstmals gegenseitig ins Blickfeld. Beim zweiten Zeltplatz hatten sie gemeinsam Glück, am Waldecker Strandbad.

„Wir haben uns angeschaut und uns zugeraunt: Die beiden Mädels mit ihren Rädern sind scheinbar vom Lande. Die haben bestimmt Proviant dabei“, erinnert sich Jürgen Wendel und sein Bruder setzt hinzu: „Wir halfen ihnen beim Aufbauen des Zeltes unter der Bedingung, dass sie uns was zu essen abtreten.“

Der Handel funktionierte. „Unsere Augen gingen uns über, als sie eine Köstlichkeit nach der anderen hervor holten“, erzählt Jürgen Wendel lachend.

Der Anfang war gemacht. Die jungen Leute verbrachten den nächsten Tag miteinander und baldowerten einen Plan aus, der bei DLRG-Rettungsschwimmern heute am See Kopfschütteln auslösen würde. „Wir beschlossen, den See zu durchschwimmen“, erinnert sich Ingrid Wendel, „aber meine Schwester winkte gleich ab, weil sie sich das nicht zutraute.“

Sie selbst sprang mit den drei jungen Männern aus Hannover unerschrocken ins Wasser.

Eine große Anstrengung folgte.

„Am anderen Ufer wurde uns klar, dass wir den Rückweg nicht schaffen“, schildert Ingrid. Mit einer Ausnahme. Jürgen stieg zurück in die Fluten, weil er sich stark genug fühlte. „Wir übrigen machten uns zu Fuß auf den Weg, barfuß, im Badeanzug beziehungsweise in Badehosen, die Schotterstraße entlang“, sagt Ingrid und lacht.

Jürgen erreichte wohlbehalten auf dem Wasserwege das Strandbad, wo Waltraud ihn empfing. „Wir setzten uns auf die Terrasse und warteten auf den Rest“, erinnert sie sich. Dabei kamen sich die zwei näher.

Polizei wirft gestrenges Auge auf barfüßige Wanderer

Klaus Wendel, Ingrid - damals Volske - und der Freund der Brüder erlebten unterdessen auf ihrem steinigen Pfad eine Begegnung der anderen Art.

Mit einer Polizeistreife. „Sie hielt uns an, weil wir unbekleidet durch die Gegend liefen, wie die Beamten meinten“, berichtet Klaus Wendel. Badehose und Badeanzug - das galt als nackt in den sittenstrengen 50ern. Die drei erklärten sich, denn sie hatten schließlich nicht damit gerechnet, den Rückweg zu Fuß antreten zu müssen. So kräftezehrend hatten sie sich das Schwimmen nicht vorgestellt.

Eine Festnahme blieb dem Trio erspart, das nach einigen Stunden endlich am Strandhaus anlangte, wo Jürgen und Waltraud nach ihnen Ausschau hielten.

Es sollte nicht das letzte Abenteuer der Pfingsttage bleiben. Das gemeinsame Essen behielten die fünf bei. Sie brauchten aber neuen Sprit für den Kocher der beiden Schwestern. Klaus fuhr mit dem Freund und Ingrid im Goggo seines Bruders hinauf nach Waldeck, um Nachschub zu holen. „Als sie einfach nicht zurückkamen, dachten wir uns, dass etwas passiert sein musste“, sagt Jürgen Wendel. Tatsächlich.

In der Kurve kippt das Auto einfach auf die Seite

Klaus hatte den Berg hinab etwas zu sehr aufs Gaspedal getreten. „In der Kurve kippte der Goggo auf die Seite“, erzählt er. Hinten saß Ingrid mit der unverschlossenen Flasche Koch-Sprit. Bei dem Unfall lief ihr das Zeug in die Augen und sie konnte nichts mehr sehen. Schlimmer Verletzungen hatten alle drei Jugendlichen im Wagen nicht davon getragen. Ein Passant riet dem Mädchen, zum Arzt zu gehen. „Der wusch mir die Augen aus und alles war wieder gut.“

Das Goggo-Mobil hatte es nachhaltiger erwischt. Zerbeult war es und bar aller Fensterscheiben. Immerhin fuhr es noch.

Zum Ende des Pfingst-Kurzurlaubes auch Richtung Kassel. „Ich brachte die beiden Mädchen mit dem Auto nach Hause. Mein Bruder und unser Freund fuhren ‚zur Strafe‘ für den Unfall die Räder von Ingrid und Waltraud nach Kassel“, berichtet Jürgen schmunzelnd.

Hier hätte die Geschichte enden können, denn „wir waren beide zu der Zeit eigentlich liiert“, verrät Waltraud Wendel, die damals einen dänischen Freund hatte. Bei dessen nächstem Besuch „bearbeitete ich ihn so lange, bis er sich in den Zug setzte und wieder heimfuhr“, sagt Waltraud und lacht: „Er war einfach zu ruhig.“ Ganz anders als Jürgen, der fortan jedes Wochenende aus Hannover zum Besuch anreiste. Natürlich musste er im Hotel übernachten, weil die Eltern des Mädchens nichts Anderes zuließen.

Dem Verflossenen das Töchterchen präsentiert

„Na, und ich begleitete ihn, Ich konnte ihn ja nicht alleine fahren lassen“, sagt Klaus augenzwinkernd in Ingrids Richtung. Die fand ihren Freund, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen war, ebenfalls viel zu ruhig, „aber ich konnte ihn um den Finger wickeln.“ Sie vertröstete ihn wieder und wieder, erfand über Monate Ausreden, weshalb sie sich nicht mit ihm treffen könne - „bis ich ihn eines Tages zu mir bat, weil ich mit ihm reden müsse.“

Bei dieser Gelegenheit zeigte sie dem bedauernswerten Manne ihr Töchterchen und eröffnete ihm, dass sie geheiratet habe: Klaus Wendel.

Die zwei führten in den ersten Jahren eine Wochenend-Ehe, denn Klaus wollte in Hannover zu Ende studieren. Seine junge Frau lebte mit den bald zwei Kindern bei den Eltern in einer etwas mehr als 60 Quadratmeter großen Wohnung. „Es ging alles. Wir waren jung“, sagt Ingrid.

Waltraud und Jürgen gaben sich eineinhalb Jahre nach ihren Geschwistern das Ja-Wort. Die zwei leben heute in Gehrden bei Hannover, Ingrid und Klaus im südhessischen Dreieich.

Sonderbar, meinen alle vier, dass 57 Jahre vergingen, bevor es die Ehepaare ein zweites Mal an den Edersee zog. „Eine wunderschöne Gegend“, sagt Jürgen. Die Rückkehr, wahrscheinlich mit Rädern im Schlepptau, ist nicht ausgeschlossen.(su)

Wenn Sie auch eine kleine oder große, alte oder neue Geschichte für „Mein Edersee“ haben: WLZ Bad Wildungen, Brunnenstraße 69, 34537 Bad Wildungen; bad.wildungen@wlz-fz.de; 05621-79 04 17; 0160-703 14 06.

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