Alte Schule in Giebringhausen ist für Helmut Langendorf ein Zuhause

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Seit gemeinsam in der Alten Schule verlebten Kindertagen befreundet: Helmut Langendorf und Kriemhild Pohlmann, geborene Hauptfleisch.

Diemelsee-Giebringhausen. Die Alte Schule in Giebringhausen ist für Helmut Langendorf ein besonderes Gebäude: Er ist dort nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. 14 Menschen lebten unter einem Dach zusammen: Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene.

Die Alte Schule ist gereinigt, Fotos mit allen Klassen sind aufgehängt, Schulutensilien sind besorgt – bei der 850-Jahr-Feier in einer Woche rückt auch das Gebäude in den Blick, in dem Generationen von Giebringhäusern Lesen und Schreiben gelernt haben. 

Auch Helmut Langendorf hat bei den Vorbereitungen tatkräftig mitgeholfen. Für ihn ist das Haus etwas besonderes: Er hat seine Kindheits- und Jugendjahre dort verbracht. 

Im  Zweiten Weltkrieg hatten seine Eltern ihr Hab und Gut verloren: Bei den schweren Luftangriffen im Oktober 1943 auf Kassel wurden sie ausgebombt. Kurz vor dem Kriegsende im Mai 1945 wurden sie mit ihrem im Januar geboren Sohn Jürgen in Giebringhausen einquartiert, erst bei Bauern, dann in der Alten Schule, einem Backsteinbau aus dem Jahr 1890. 

Ursprünglich wohnte die Familie des Lehrers in der linken Hälfte, rechts war der Schulsaal. Schon 1905 entstand ein Erweiterungsbau, weil ein größerer Klassenraum erforderlich war. 1947 bezog die Lehrerfamilie eine Wohnung im ursprünglichen Wirtschaftsgebäude.

Gestrandete des Krieges 

So war die alte Schule frei, um Gestrandete des Krieges aufzunehmen. Die Langendorfs bekamen zwei Räume zugewiesen, in denen auch der 1948 geborene Helmut aufwuchs. Nebenan hatte die aus dem Sudetenland vertriebene Familie Hauptfleisch mit fünf Kindern drei Räume erhalten, ein Ehepaar bekam einen Raum. Ein Zimmer unterm Dach bezog eine alleinstehende Witwe, die ebenfalls ihre Heimat verloren hatte. 

Die Lebensbedingungen waren alles anderes als einfach. Es gab keine abgetrennten Wohnungen, die Zimmer gingen ineinander über. Die Bewohner nutzen die Schülertoilette neben dem Anbau – oder eben den Nachtopf. Zum Waschen gab es nur zwei Wasserstellen in der Küche und eine im Keller. Die Öfen in der Küche wurden mit Kohle oder Holz befeuert, die Wärme musste im Winter auch für die anderen Räume reichen. 

Trotz der Umstände hat Langendorf gute Erinnerungen an die Zeit: „Wir haben friedlich zusammengelebt, es war ein gutes Miteinander“, beschreibt er. „Es gab keine Reibereien. Wir hatten Respekt voreinander gehabt.“ 

Weit zum Unterricht hatte er es nicht. Nachteil: Er stand anders als viele Mitschüler unter Beobachtung: „Der Lehrer gleich nebenan war eine Herausforderung“, erzählt Langendorf schmunzelnd. 

Nach acht Jahren in der einklassigen Volksschule ging er wie sein Bruder in die Maurerlehre bei der Firma Lages im Dorf. 

Nachdem 1964 die Adorfer Mittelpunktschule auf dem Dansenberg fertig gestellt war, wurde die Giebringhäuser Schule geschlossen, die Gemeinde verkaufte die Gebäude. Später hat Langendorf als Maurer das Schulhaus verputzt und mit Bad und Hauskläranlage ausgestattet. 

Aus der Schule ausgezogen

Im Oktober 1966 trat Langendorf seien Wehrdienst bei der Bundeswehr an. 1968 starb seine Mutter, sein Vater zog aus der Alten Schule zu ihm nach Lebach, wo er ein neues Haus gebaut hatte. 

Die Familie Hauptfleisch war schon Anfang der 1960er Jahre aus der Schule ausgezogen, sie errichtete ein Haus in der Adorfer Siedlung. Mit Tochter Kriemhild Pohlmann, geborene Hauptfleisch, ist Helmut Langendorf bis heute befreundet. „Wir haben noch immer ein geschwisterliches Verhältnis“, erklärt er.

Die Klassentreffen des "Clans"

Auch mit den Giebringhäusern hält Langendorf engen Kontakt. Er saß mit zwei Schulfreunden in Lelbach zusammen, als die Idee der Klassentreffen geboren wurde – Langendorf sammelte mit Helmut Schonter Adressen, im Oktober 1981 gab es die erste Zusammenkunft der Jahrgänge 1947 bis 1952. Auch der letzte Lehrer Ernst Villbrandt war noch mit dabei, der fast 18 Jahre im Dorf unterrichtet hatte. Er starb acht Wochen später. 

Dann erweiterte sich der Kreis, erst um die Jahrgänge 1944 bis 1954, dann um die von 1942 bis 1957. Acht Treffen gab es bislang, alle drei Jahre finden sie statt. „Wir sind ein richtiger Clan geworden“, sagt Langendorf. Es ist immer lebendig bei uns.“ 

Höhepunkt war 2012 eine Wochenend-Reise zu ihrem Schulkameraden Wladimir Lang nach Mailand – er war als Flüchtlingskind in Giebringhausen gestrandet. Der „Clan“ besichtigte in den drei Tagen die Schönheiten der oberitalienischen Metropole und genoss „la dolce Vita“ - das süße Leben.

 „Wir waren zu meiner Zeit nur 18 Kinder in der Klasse“, sagt Langendorf – sein Jahrgang 1948 besteht aus einem Mädchen und ihm. Deshalb waren von Anfang an die Lebenspartner der Ehemaligen mit einbezogen. „Da ist eine Harmonie draus geworden.“ 

Dieses Jahr wäre eigentlich das nächste Treffen an der Reihe gewesen. Wegen der 850-Jahr-Feier wurde es auf 2019 verschoben. Doch gut die Hälfte der Ehemaligen kommt zum Jubiläumsfest.

Fürs Jubiläum aktiv

Auch wenn Langendorf schon seit 50 Jahren nicht mehr in Giebringhausen lebt, engagiert auch er sich fürs Jubiläum. Beim Fest stellt er den Besuchern die Alte Schule vor, die ihm noch immer am Herzen liegt: „Sie ist mein Zuhause.“ 

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