Wasserstand sinkt täglich – Kolonie am Ufer wird zunehmend freigelegt

Am Diemelsee droht wieder ein Muschelsterben

Die leere Schale einer abgestorbenen Teichmuschel, gefunden am Ufer des Diemelsees während des Muschelsterbens im November 2018.
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Den Teichmuscheln im Diemelsee droht wieder Gefahr: Weil es kaum regnet, fällt der Wasserstand immer weiter, die Kolonie könnte trocken fallen – ähnlich wie 2018. Naturschützer planen eine Rettungsaktion.

Anwohner des Diemelsees schlagen Alarm: Wegen des derzeit niedrigen Wasserstandes droht die Kolonie der Teichmuscheln am Ufer erneut trockenzufallen – erste Tiere sind bereits gestorben.

  • Wegen der Trockenheit und ausbleibenden Regens fällt der Wasserstand im Stausee täglich weiter.
  • Der See ist nur noch zu 31,7 Prozent gefüllt, Tendenz: weiter abnehmend.
  • Erste Ufergebiete der Teichmuscheln sind bereits trockengefallen.

Diemelsee – Doch anders als vor zwei Jahren blicken die Behörden diesmal wachsam auf die Entwicklung und auf die Muschelbestände. Auch Mitglieder des Naturschutzbundes sind vor Ort. Sie planen für Samstag eine interne Rettungsaktion unter Corona-Bedingungen.

Großes Muschelsterben 2018

Schon im trockenen Oktober 2018 war der Wasserstand des Stausees so stark gesunken, dass die bis dahin unbekannte Kolonie freigelegt wurde. Zahlreiche Muscheln schafften es nicht mehr ins rettende Nass – wie berichtet, waren bis Dezember Zehntausende Tiere an Land verendet.

„Ursache war ein infolge des extrem trockenen Sommers stark abgesenkter Wasserstand“, sagt der Pressesprecher des Kreises, Dr. Hartmut Wecker. Bis dahin sei die große Population der Teichmuschel im Stausee weder dem amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutz noch dem Wasserstraßenamt in Hann. Münden bekannt gewesen.

Fachdienst Umwelt des Kreises überwacht Entwicklung

Eine ähnlich gefährliche Situation wie 2018 sieht die Kreisverwaltung derzeit nicht: „Zwar wurde in den Randbereichen vereinzelt ein Trockenfallen der Muschelbestände festgestellt, doch konnten sich die Muscheln wegen des langsameren Absenkens des Pegels bislang selbständig in tiefere Bereiche bewegen“, erklärt Dr. Wecker auf Nachfrage der WLZ.

In diesem Jahr habe der Fachdienst Umwelt des Kreises die Entwicklung „engmaschig beobachtet“, dabei habe er in Kontakt mit dem für den See zuständigen Wasserstraßenamt in Hann. Münden gestanden. Erst am Dienstag habe sich ein Mitarbeiter des Fachdienstes die Situation angeschaut – da er Taucher sei, habe er trotz des Novemberwetters auch unterhalb der Wasserlinie nachgesehen, berichtet Dr. Wecker.

„Der Wasserstand hat kritischen Stand erreicht“

„Der Wasserstand an der Talsperre hat einen kritischen Stand erreicht“, urteilt Wolfgang Lehmann von Naturschutzbund. Derzeit liege der Pegel noch etwa anderthalb Meter über dem Tiefststand 2018. Ein von ihm bevorzugter Ortstermin mit allen betroffenen Behörden habe wegen Corona nicht stattfinden können, aber er sei schon vorige Woche mit einem Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde vor Ort gewesen. Muscheln am Steilufer seien da bereits trocken gefallen und verendet, berichtet Lehmann – die Bestände dort hätten sich seit 2018 noch nicht wieder erholt.

Das Hauptvorkommen mit etwa 100 000 Tieren liege in der Talsohle, da seien schon erste Schlammflächen trocken gefallen. „Dort hat das Muschelsterben eingesetzt.“ Spuren zeigten, dass manche Tiere zurück ins Wasser gekrochen seien, andere seien verendet. Falle der Pegel langsam, habe ein Teil der Tiere die Chance zu überleben. Mit seiner Rettungsaktion will der NABU weitere Tiere in Sicherheit bringen.

Pegel sinkt weiter

Da kaum Regen fällt, sinkt der Pegel täglich weiter. Am Donnerstag war der Diemelsee nach Angaben des Wasserstraßenamtes nur noch zu 31,7 Prozent gefüllt, Tendenz: weiter abnehmend. 6,3 Millionen Kubikmeter sind derzeit noch vorhanden – das jährliche Mittel liegt bei 8,3 Millionen Kubik.

Der Zulauf in den See liegt bei 0,4 Kubik die Sekunde, über die Sperrmauer abgelassen werden jedoch 0,7 Kubik. Das sei die „abgeminderte Mindestabgabe“, schreibt das Amt: Wird der Ablass weiter reduziert, drohen Schäden für die Ökosysteme der Diemel jenseits der Sperrmauer.

Das Amt hatte bereits die im ursprünglichen Betriebsplan vorgesehene Abgabe von einem Kubik pro Sekunde auf 0,8 Kubik abgesenkt, der Fachdienst drängte auf die seit Dienstag eingehaltenen 0,7 Kubik.

Dennoch fließe aus dem See nach wie vor mehr ab als zufließe, bemerkt Lehmann.

Suche nach dauerhafter Lösung

Der Fachdienst Umwelt habe Untersuchungen eingeleitet und beobachte die weitere Entwicklung genau, erklärt Dr. Wecker. Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse werde „eine längerfristige Handlungsstrategie“ entwickelt.

Dabei seien schon 2018 Vorkehrungen zur Vermeidung einer erneuten kritischen Situation zugesagt worden, moniert Wolfgang Lehmann. Sie müssten wieder aufgegriffen werden:

  • Ein Artgutachten über die aktuelle Verbreitung und Gefährdung der Teichmuscheln – lateinisch Anodonta anatina – müsse her.
  • Ein Schichtmodell der Talsperre soll zu verbindlichen Absprachen für ein Ampelsystem führen: Bei welchen Wasserständen soll der Abfluss um wie viel Kubikmeter verringert werden? Ziel: einen kritischen Zustand des Sees im Vorhinein verhindern.
  • Eine Arbeitsgruppe mit allen Verantwortlichen soll Vorschläge für eine bessere Berücksichtigung der Naturschutzbelange an der Talsperre sowie in der Diemel erarbeiten.

Das Amt in Hann. Münden habe ein aktualisiertes Schichtmodell entwickelt, berichtet Dr. Wecker. Es liegt der Oberen Wasserbehörde und dem Kreis vor, das Modell diene als Planungsgrundlage.

Wolfgang Lehmann begrüßt das „schnelle und intensive“ Eingreifen des Kreises. Aber bis zu einer dauerhaften Lösung sei es wohl noch ein „langer Weg“. (-sg-)

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