Ära Dr. Seidel endet nach 43 Berufsjahren

Annika Melcher hat die Adorfer Apotheke übernommen

Symbolische Übergabe in Corona-Zeiten – die neue Inhaberin der traditionsreichen Adorfer Apotheke, Annika Melcher, und ihr Vorgänger Dr. Ulrich Seidel, der in den Ruhestand geht. Hinten: Bürgermeister Volker Becker.
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Übergabe in Corona-Zeiten – die neue Inhaberin der traditionsreichen Adorfer Apotheke, Annika Melcher, und ihr Vorgänger Dr. Ulrich Seidel, der in den Ruhestand geht. Hinten: Bürgermeister Volker Becker.

Nach langer Suche hat die Übergabe geklappt: Seit Montag ist Annika Melcher die Inhaberin der traditionsreichen Adorfer Apotheke. Ihr Vorgänger Dr. Ulrich Seidel verabschiedet sich nach 43 Berufsjahren in den Ruhestand.

  • Seit dem 1. Februar ist Annika Melcher aus Diemelstadt offiziell die Inhaberin der traditionsreichen Adorfer Apotheke.
  • Nach 43 Berufsjahren geht Dr. Ulrich Seidel in den Ruhestand.
  • Adorf und die Gemeinde Diemelsee profitierten von der Apotheke, sagt Bürgermeister Volker Becker.

Diemelsee-Adorf – Mit der Übernahme ist ein wichtiges Stück der Diemelseer Infrastruktur gesichert. Und eine Tradition wird fortgeführt: Die Geschichte der Apotheke reicht bis ins Jahr 1852 zurück. Viele Adorfer Apotheker blickten wie Dr. Seidel auf eine lange Berufszeit zurück.

Gebürtiger Vogtländer Seidel

Ulrich Seidel kam 1944 in Falkenstein im Vogtland zur Welt. Sein Vater wurde im Krieg gefangengenommen und relativ schnell in die US-Besatzungszone entlassen. Er wollte nicht in die sowjetisch besetzte Zone zurück. So packte er nach seiner Entlassung Frau und Kind und ging über die „grüne Grenze“ in den Westen. Der Sohn besuchte eine Volksschule in Düsseldorf, dann kam der Umzug ins fränkische Windsbach. Im Windsbacher Knabenchor entdeckte Seidel seine Liebe zur Musik.

1963 hatte er sein Abitur in der Tasche, nach dem vorgeschriebenen Praktikum begann er sein Pharmazie-Studium in Würzburg, auch der Pharmaziegeschichte widmete er sich. Die Approbation erhielt er 1970. Dann arbeitete er als Apotheker in Hamburg und als Stabsapotheker bei der Bundeswehr.

Seit 1977 Apotheker in Adorf

Schließlich wurde er auf eine Anzeige aufmerksam: Karl Ludwig Fichtner wollte nach Vöhl umziehen und suchte einen neuen Pächter für die Landapotheke in Adorf . Mit seiner Freundin fuhr Dr. Seidel zur Besichtigung nach Waldeck – und stieg zum 1. Oktober 1977 als Pächter ein. Als der Pachtvertrag 1979 auslief, übernahm er die Apotheke von Inhaber Heinz Barth. 1984 kaufte er auch das Fachwerkhaus, in dem sie seit 1852 untergebracht ist. Er baute es 1988/89 um und renovierte.

Dr. Seidel erlebte die Fortschritte und Umbrüche im Apothekenwesen mit - bei aller Digitalisierung verstand er sich weiter auf sein solides Handwerk, denn nach wie vor stellte er viele Salben oder Arzneien selbst her. Er gewann viele Stammkunden.

Den Begriff Medizin verstand er gern auch mal weitergefasst: Seine Kräutermischungen, die Magenbitter, das Curry und der Senf nach alten Rezepten sind auch weit über die Grenzen Diemelsees und des Kreises bekannt – diese Spezialitäten will Melcher auch weiter anbieten.

Lange Suche nach einem Nachfolger

Nach dem Tod seiner ersten Frau 2010 dachte Dr. Seidel erstmals ans Aufhören. Er gab Anzeigen auf, sprach Bekannte an, beauftragte Makler. Auch die 2012 eingeschaltete Gemeinde bemühte sich – doch es fand sich kein passender Nachfolger.

Aus dem Roten Land nach Adorf

Bis im Frühjahr 2020 Annika Melcher in der Tür stand und ihr Interesse bekundete. Sie kam 1990 zur Welt und wuchs auf Hof Laubach bei Rhoden auf - dort wohnt sie noch immer. Nach der Mittleren Reife an der Rhoder Schlossbergschule wechselte sie an die Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen, wo sie 2009 ihr Abitur bestand.

Sie absolvierte in Paderborn eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Assistentin, danach studierte sie von 2012 bis 2016 in Marburg Pharmazie. Ein einjähriges Praktikum folgte. Nach dem dritten Staatsexamen erhielt Melcher im November 2017 ihre Zulassung als Apothekerin. Ihre erste Stelle trat sie im Warburg an, später wechselte sie nach Marsberg. Im Kollegenkreis erfuhr sie, dass Dr. Seidel einen Nachfolger suche.

Schritt in die Selbstständigkeit

Im Frühjahr 2020 führte sie erste Gespräche mit Dr. Seidel wegen der Übernahme der Adorfer Apotheke. Im Sommer entschied sie sich, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Sie reize es, Verantwortung zu übernehmen, sagt sie. „Ich arbeite gern in Team und habe eigene Ideen, die ich ausprobieren möchte.“

Nach ihrer Zusage habe der „Behördenwettlauf“ begonnen, berichtet Dr. Seidel. „Keine Institution ist so gut überwacht wie die Apotheke“, bemerkt er. Zahlreiche Formalien waren zu erfüllen. Während die Mühlen der Bürokratie mahlten, arbeitete Melcher ab Oktober als Angestellte in Adorf mit, bis sie zum 1. Februar offiziell die neue Inhaberin wurde.

Land und Gemeinde unterstützen

Es gab aber auch Unterstützung für die Existenzgründerin: Das Büro Bioline beriet die Apothekerin und bereitete Förderanträge vor – der Fachdienst Regionalentwicklung der Kreisverwaltung bewilligte rasch Gelder aus dem Dorfentwicklungsprogramm des Landes, die Gemeinde überweist einen Zuschuss aus ihrer Wirtschaftsförderung. Schließlich sei die Übernahme mit „nicht unerheblichen Kosten verbunden“, sagt Bürgermeister Volker Becker. Und es geht um die Sicherung der Daseinsvorsorge.

Das Team mit den Inhabern: Acht Mitarbeiterinnen und ein Fahrer arbeiten in der Adorfer Apotheke.

Ihr neues Team habe sie am Montag Morgen herzlich empfangen, berichtet Melcher – sie übernimmt von Dr. Seidel alle Beschäftigten: die Apothekerin Julia Schaller, vier Pharmazeutisch-technische Assistentinnen, zwei Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte, einen Botenfahrer und die Putzfrau. Alle Arbeitsplätze bleiben erhalten. Ihre Familie begrüßte sie mit einer großen Girlande am Zelt vor der Apotheke. Melcher freut sich über den großen Rückhalt, der ihr den Start erleichtert.

Freuden des Ruhestands

Dr. Seidel habe Adorf über Jahrzehnte die Treue gehalten, sagt Becker. „Bleiben Sie uns erhalten.“ Bei dem Pensionär halten sich Wehmut und die Freude auf einen neuen Lebsensabschnitt ohne Berufspflichten die Waage. Er will sich „den schönen Sachen widmen: der Musik und der Literatur“.

Am Samstag verabschiedeten die Rhenegger Jagdhornbläser ihr langjähriges Mitglied vorm Haus mit einem Ständchen in den Ruhestand. Er werde in den nächsten Wochen „meine Instrumente sortieren und meinen Hausstand auflösen“, dann zieht er aus der geschichtsträchtigen Apotheke aus. Der 76-Jährige bleibt mit seiner zweiten Frau aber in Adorf wohnen.

„Adorf profitiert“ von der Apotheke

Unterdessen geht Annika Melcher ihren Weg. „Viele Bürger aus Diemelsee und Umgebung sind froh, dass es weitergeht“, betont Bürgermeister Becker. Adorf profitiere von der Apotheke, es gebe „kurze Wege“ zu den beiden Arzt- und der Zahnarztpraxis, manche Patienten kauften im Dorf auch gleich ein, sagt er. Außerdem ist das Seniorenheim in Bau, die Ferienregion boomt – auch von dort kommen Kunden für die Apotheke.

Dr. Seidel habe sich zudem im Gesundheitsnetzwerk PORT engagiert – auch Annika Melcher wolle dort mitarbeiten.

Die Förderung fürs flache Land sei notwendig, sagt Walter Rinklin vom Fachdienst Dorfentwicklung des Kreises. Er verweist auf das Verfassungsgebot, dass überall in Deutschland „gleichwertige Lebensverhältnisse“ herrschen sollten. Das Land habe Förderstränge von Europäischer Union, Bund und Land zusammengeführt, „das finden wir gut.“ Denn es gelte, die Grundversorgung auf dem Land aufrecht zu erhalten. Und dazu gehört auch die Adorfer Apotheke. (Dr. Karl Schilling)

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