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Diemelseer Gemeindevertreter fordern den Bau von Stromspeichern in der Gemeinde

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Windräder in Diemelsee, gesehen von der Straße von Gembeck nach Vasbeck.  Zu: „Grüner Strom“ aus Windkraft: Um die 60 Räder drehen sich in Diemelsee. Doch immer wieder stehen sie still, weil das Netz sonst überlastet werden würde. Eine Lösung: der Bau von Stromspreichern.
„Grüner Strom“ aus Windkraft: Um die 60 Räder drehen sich in Diemelsee. Doch immer wieder stehen sie still, weil das Netz sonst überlastet werden würde. Eine Lösung: der Bau von Stromspeichern, um die sonst verlorene Energie doch noch zu nutzen. © Karl Schilling

Die Diemelseer Gemeindevertreter fordern den Bau von lokalen Stromspeichern, um die in der Gemeinde erzeugte Öko-Energie besser zu nutzen. Einstimmig verabschiedeten sie dazu am Montag eine Resolution.

Diemelsee-Flechtdorf – Es klingt absurd: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder warnt aufgebracht vor einem Energienotstand, AfD, FDP und Union fordern den Neueinstieg in die teure und riskante Atomkraftnutzung – und in Diemelsee stehen um die 60 Windräder, die keinen Ökostrom einspeisen dürfen, wann immer das Netz überlastet werden könnte.

Mit Landesregierung und EFW vorankommen

Diesen Zustand wollen die Diemelseer Gemeindevertreter beendet sehen. Am Montag verabschiedeten sie in der Flechtdorfer Aartalhalle einstimmig eine Resolution, die die FDP-Fraktionschefin Stephanie Wetekam vorgelegt hatte: Der Gemeindevorstand soll sich im Zusammenwirken mit der Landesregierung und der heimischen Gesellschaft Energie Waldeck-Frankenberg dafür einsetzen, dass in Diemelsee lokale Stromspeicher gebaut werden – ob kommerziell oder zur Erprobung. Dafür sollen bereits geeignete Standorte gesucht werden.

Engpass bei der Stromeinspeisung

„Wir haben Energieerzeuger in der Fraktion“, sagte Wetekam. Und die bekommen zu spüren, was auch Passanten immer wieder beobachten: Trotz einer guten Brise Wind stehen Millionen Euro teure Windräder einfach still. Auch Biogasanlagen treffe es, sagte Wetekam. Der Grund: Drohe an den Einspeisepunkten des Stromnetzes eine Überlastung, müsste die Erzeugertechnik abgeschaltet werden: Sie dürfe keinen Strom mehr produzieren.

Den Betreibern gehen wegen dieses Engpasses zunächst Einnahmen verloren, sie erhalten allerdings eine Entschädigung, die Verluste abdecken. Dem europaweit vernetzten System fehlt am Ende nutzbarer Strom.

Ein Prozent der gesamten Stromerzeugung geht verloren

Nach Angaben der  Agentur für Erneuerbare Energien gingen allein im Jahr 2020 durch die sogenannte Abregelung der Energieerzeugungstechnik bundesweit etwa sechs Milliarden Kilowattstunden oder sechs Gigawattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien verloren, das entspreche etwa einem Prozent der gesamten Stromerzeugung. Der größte Anteil entfalle auf die Windenergie an Land.

Derzeit machen Erneuerbare Energien 44 Prozent der deutschen Stromerzeugung aus, Erdgas und Braunkohle haben einen Anteil von je 16,1 Prozent, die Atomkraft kommt auf 11,3 Prozent.

Bei den Erneuerbare Energien entfallen 18,2 Prozent an der deutschen Stromerzeugung auf Windräder an Land und weitere 4,8 Prozent auf Windräder im Meer. Photovoltaik und Biomassen haben einen Anteil von jeweils 8,9 Prozent.

Deshalb forderte Wetekam, Systeme für die Zukunft zu entwickeln. Zumal der Ausbau der erneuerbaren Energien ja weiter gehen solle. Bis 2050 wolle Deutschland 80 Prozent des Bedarfes aus erneuerbarer Energie decken, Hessen wolle eine Vorreiterrolle einnehmen und schon bis 2045 zu 100 Prozent nachhaltig sein.

Speicher für angebotsarme Zeiten

Doch der Ausbau des Stromnetzes allein werde nicht reichen. „Damit die Energiewende in Deutschland ein Erfolg wird, muss es gelingen, bisher nicht nutzbare Energie in Speichern für angebotsarme Zeiten vorzuhalten“, sagte Wetekam. Erste Forschungs- und Versuchsanlagen gebe es schon, ebenso Interessenten am Ausbau der Infrastruktur.

Die Hessen-Agentur habe eine Studie vorgelegt, nach der die Methode „Power to Gas“ an Bedeutung gewinne, sagte Wetekam – auch Viessmann in Allendorf arbeitet bereits seit Jahren an dieser Technologie, bei der mit Strom durch Elektrolyse Wasserstoff oder Methangas hergestellt wird.

Diemelsee als Standort besonders geeignet

Wegen der großen Menge an produziertem Ökostrom sei Diemelsee als Standort solcher Speicher besonders geeignet, erklärte Wetekam. Werde ein Teil der Energie lokal gespeichert, werde die Stromzufuhr ins Netz „geglättet“. Und die Ansiedlung eines kommerziellen Betriebs für die Speicher könne Diemelsee zusätzliche Einnahmen und neue Arbeitsplätze einbringen.

Resolution ist „absolut wichtig“

„Wir haben viel Energie, die verpufft“, deshalb sei die Resolution „absolut wichtig“ bestätigte Bürgermeister Volker Becker. Im März habe er ein Gespräch mit dem Projektierer Abo-Wind wegen der Produktion von grünem Wasserstoff aus nicht eingespeistem Strom geführt – die Wiesbadener hätten noch abgelehnt: Das lasse das Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht zu. Doch vor kurzem hätten sie den Bau einer Anlage bekannt gegeben. Das wertet er als positives Signal. Er hoffe, dass die Bürokratie nicht alles erschwere. „Es sollte keine Grenzen für die Nutzung des Stromes geben.“

Es sei ein „guter Antrag“, sagte SPD-Fraktionschef Martin Tepel, allerdings „ist es nicht unsere Energie“: Es gelte, die zum Bau der Speicher zu bewegen, die sie produzieren. „Wenn dem so wäre, wäre es schön.“

„Wir reden über Batteriespeicher.“ Aber es müsse auch Gespräche mit Behörden über Wasserspeicher geben. Das sei bereits vor fünf bis zehn Jahren diskutiert worden, bemerkte Becker. Damals hätten sie sich nicht rentiert – aber es könne ja einen neuen Vorstoß geben.

Resolution ist „lösungsoffen“

CDU-Fraktionschef Jörg Weidemann begrüßte, dass die Resolution „lösungsoffen“ sei. „Wir haben besondere Zeiten, alles ändert sich“, sagte er mit Blick auf drastisch steigende Energiepreise. „Das muss auch uns zu denken geben.“ Der Standort Diemelsee „hat eine hohe Energiedichte“, der Antrag fordere alle auf zu fragen, „was können wir tun?“

Günstige Energie als Standortvorteil

Christian Pohlmann von der FDP forderte, gespeicherte Energie vor Ort zu nutzen, damit würde Diemelsee für Unternehmen interessant. Nach dem Wegzug Weidemanns ließen sich vielleicht neue Betriebe zu gewinnen. Das Gewerbegebiet am Mühlhäuser Weg Fechtdorfs müsse entwickelt werden. Günstige Energie sei ein Standortvorteil. -sg-

Diemelsee erzeugt 180 Gigawattstunden Strom im Jahr

In Diemelsee werden nach Angaben der FDP-Fraktionschefin Stephanie Wetekam bereits jetzt im Jahr rund 180 Gigawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt.

164 Gigawattstunden würden aus Windkraft erzeugt, sagte Wetekam. Wasserkraft, Photovoltaik und Biogas kommen hinzu.

Damit produzierten Betreiber in der Gemeinde mehr als das Zehnfache des Diemelseer Eigenbedarfs von rund 17 Gigawattstunden. Der Hauptanteil werde über Knotenpunkte an die Umspannwerke weitergeleitet.

Zum Vergleich: Ein Atomkraftwerk liefert etwa 11 Terawattstunden Strom im Jahr.

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