WLZ-Berichte geben Einblicke in Alltag im „Dritten Reich“

Erwin Brüne legt Buch über Adorf in den Jahren 1933 bis 1945 vor

Der Autor Erwin Brüne steht mit sienem Buch „Adorf im Spiegel der Presse von 1933 bis 1945“  vor dem Ehrenmal in Adorf.
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Neues Buch über Adorf: Erwin Brüne hat die Berichte der Waldeckischen Landeszeitung von 1933 bis 1945 über sein Heimatdorf ausgewertet. Foto: Schilling

„Adorf im Spiegel der Presse von 1933 bis 1945“ heißt das neue, 350 Seiten dicke Buch von Erwin Brüne. Er gibt Einblicke ins Adorfer Alltagsleben in den Jahren des „Dritten Reiches“.

Diemelsee-Adorf – 100 Prozent der Adorfer stimmten bei der Reichstags-„Wahl“ im März 1936 für die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei des „Führers“ Adolf Hitlers. Wahlbeteiligung: 100 Prozent. Und auch in Adorf hingen Hakenkreuzfahnen, gab es Aufmärsche und Schulungsabende. Doch trotz aller Propaganda lief ein „ziviles“ Alltagsleben mit Landwirtschaft, Familienfeiern oder Kirchenfesten weiter.

Rund 20 Zeitungsbände durchforstet

„Es war schon arbeitsintensiv“, sagt Erwin Brüne. Für sein Buch hat er in ungezählten Stunden die Waldeckische Landeszeitung ausgewertet, die bis zum Einmarsch der Amerikaner in Korbach am 29. März 1945 erschienen ist. Fast 20 Fahrten führten Brüne ins Korbacher Stadtarchiv, wo er rund 20 Bände durchforstete, alle Artikel über Adorf erfasste und in seinen Computer übertrug. Auch die Anzeigen von Familien und Geschäftsleuten nahm er mit auf.

Alle Artikel sind chronologisch geordnet. Dr. Hans-Jürgen Römer aus Wrexen half dem Autor beim Layouten. Er riet ihm zu einem Inhaltsverzeichnis. Brüne fügte außerdem ein Register hinzu.

Offen bleibt, wer der Redaktion die Beiträge über Adorf zugesandt hat – die Verlegerfamilie Bing hatte ein enges Korrespondentennetz in vielen Dörfern und Städten, oft waren es Lehrer, die über Feste oder Jubiläen berichteten. Der Adorfer Autor lasse in seiner Sprache eine braune Gesinnung durchscheinen, sagt Brüne.

Partei durchdringt das öffentliche Leben

Die Artikel belegen, wie stark die Partei das Alltagsleben der Adorfer durchdrang. Ob Kindergarten, Schule, Bauernschaft oder Vereine – überall mischten die Nationalsozialisten mit.

Der Kleinkaliber-Schützenverein organisierte ein „Opferschießen“ fürs „Winterhilfswerk“, die Feuerwehr übte für einen Fliegeralarm, die Volksschule hisste die Fahne der „Hitler-Jugend“, die „bäuerliche Landjugend“ stellte sich dem „Reichsberufswettkampf der Gruppe Reichsnährstand“. Die Adorfer feierten „Führers Geburtstag“, genossen Konzerte der Organisation „Kraft durch Freude“, besuchten Parteikundgebungen, die „Sonnenwendfeier“ und „Heldengedenktage“ oder sahen die „Olympia“-Filme von Leni Riefenstahl.

Landwirtschaft prägt das Leben

Doch die Artikel geben auch Einblicke ins damalige Dorfleben, das fernab der Parteipropaganda im Lauf der Jahreszeiten weiterlief - auch Adorf war landwirtschaftlich geprägt. Brüne verweist etwa auf die Berichte über den Kram- und Viehmarkt und über Viehprämierungen. Die WLZ berichtete über Firmenjubiläen oder das 50-jährige Bestehen der „Central-Molkerei“ und des Postamtes. Das kirchliche Leben kommt oft in Artikeln vor. Auch Brände und Unfälle sind vermerkt.

Viele Familien finden ihre Vorfahren erwähnt. Schon damals brachte die Waldechische Landeszeitung Nachrufe auf gestorbene Persönlichkeiten wie Fritz Lahme und Berichte über besondere Geburtstage. Heutige Leser schmunzelten womöglich, wenn bei „Mittsiebzigern“ bereits von einem „hohen Alter“ die Rede sei, sagt Brüne.

Pressefreiheit abgeschafft

Bei allen Berichten ist zu bedenken, dass die Presse in der Diktatur nicht mehr frei war: Nach Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 traf die „Gleichschaltung“ der gesamten Gesellschaft auch die Verleger und ihre Verbände. Die in der Reichsverfassung verankerte Pressefreiheit wurde abgeschafft, Zeitungen wurden als „Träger öffentlicher Aufgaben“ faktisch unter staatliche Aufsicht gestellt, unliebsamen Redakteuren drohte ein Berufsverbot. Wer nicht spurte, wurde hart bestraft.

Gängelung nimmt im Krieg zu

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 gab es aus Berlin täglich neue verbindliche „Sprachregelungen“, mal gab es Veröffentlichungsverbote, mal Pflichtartikel.

Zahlreiche bürgerliche Zeitungen gingen nach 1933 ein oder wurden verboten. Die WLZ überlebte, aber das hatte ihren Preis: Sie war „gleichgeschaltetes“ Sprachrohr der braunen Machthaber und ins System eingespannt.

Viele zeitgenössische Bilder

Zur Illustration hat Brüne fast 100 zeitgenössische Fotos aus Adorf beigefügt, die er von Familien erhalten hat. Darunter sind Postkarten und Fotos von Festen und Häusern. Viele Aufnahmen stammen von der Adorfer Fotografenfamilie Ostermann.

Erwin Brüne wohnt in Rhoden, stammt aber aus Adorf. Der pensionierte Lehrer forscht seit Jahren in Archiven über sein Heimatdorf. So hat er sich der Geschichte der jüdischen Gemeinde angenommen. Derzeit arbeitet er an einem umfangreichen Buch über die Adorfer Häuser und deren Bewohner. Der 75-Jährige hofft, es im nächsten Jahr fertig zu bekommen. 

Buch ist bei Foto Ostermann erhältlich

Erwin Brünes Buch „Adorf im Spiegel der Presse von 1933 bis 1945“ ist für 22 Euro bei Foto Ostermann in Adorf erhältlich, außerdem direkt beim Autor, Telefon 05694/275, E-Mail erwin@bruene.net. Bei einer Bestellung über ihn kämen noch drei Euro Versandkosten dazu. Sobald die wegen der Corona-Beschränkungen derzeit geschlossene Geschäftsstelle des Waldeckischen Geschichtsvereins in Bad Arolsen wieder öffnet, ist das Buch auch dort zu haben. (Dr. Karl Schilling)

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