„Starke und selbstbewusste Mädchen“ sind das Ziel

Gemeinde Diemelsee unterstützt das Projekt Mädchenbus

Spende der Gemeinde Diemelsee für den Mädchenbus: die drei Männer des Gemeindevorstands, das pädagogische Team und einige Mädchen am Standort vor der Adorfer Dansenberghalle. Hinten von links: der Beigeordnete Gerhard Behle, Praktikantin Franzska Pinne, die pädagogische Mitarbeiterin Sabine Schreiner, Bürgermeister Volker Becker und der Beigeordnete Hans Hiemer
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Spende der Gemeinde Diemelsee für den Mädchenbus - hinten von links: der Beigeordnete Gerhard Behle, Praktikantin Franzska Pinne, die pädagogische Mitarbeiterin Sabine Schreiner, Bürgermeister Volker Becker und der Beigeordnete Hans Hiemer.

Mit einem symbolischen Scheck unterstützt die Gemeinde Diemelsee das nordhessische Projekt Mädchenbus - er macht seit Jahren regelmäßig Station in der Kommune.

Diemelsee-Adorf – Männlichen Besuch bekam der Mädchenbus, als er am Dienstag Nachmittag vor der Adorfer Dansenberghalle stand: Bürgermeister Volker Becker und die Beigeordneten Hans Hiemer und Gerhard Behle informierten sich über die Arbeit des Teams.

Seit 1998 in Nordhessen unterwegs

Der bundesweit einmalige Mädchenbus tourt seit 1998 durch Nordhessen. In diesen 22 Jahren hat er mehr als 9000 Mädchen erreicht. In diesem Jahr fahren die besonders ausgebildeten pädagogischen Mitarbeiterinnen Sabine Schreiner und Anna Ahlbach mit der Praktikantin Franzska Pinne 22 Kommunen an – im Kreis sind es bis Ende September Wrexen, Ehringen, Adorf, Usseln, Neukirchen, Frankenau, Odershausen und Rosenthal.  Corona-bedingt gab es in dieser Saison Einschränkungen.

 „Von acht bis 18 plus“

Willkommen seien alle Mädchen „von acht bis 18 plus“, berichtet Schreiner. In drei Altersstufen kommen sie bis zum Abend zusammen. Der 47 Jahre alte Magirus-Deutz hat zwei große Sitzecken für bis zu 30 Mädchen. In der Bord-Bibliothek stehen Bücher, die in Corona-Zeiten auch ausgeliehen werden, außerdem gibt es viele Spiele.

Das Angebot reicht von der Ernährungsberatung über Sexualpädagogik, die Teilhabe, die Vernetzung der Mädchen untereinander und die Berufsplanung bis zur Beratung in Not- und Krisensituationen. Außerdem geht es um Bewegungsangebote, Spiel und Spaß in der Gruppe.

Gemeinschaft fördern

Was locker und spielerisch daherkommt, hat einen tieferen Sinn: Das Team will Mädchen begleiten und ihnen beistehen. „Unser Ziel sind selbstbewusste, starke junge Mädchen“, sagt Schreiner. „Wir versuchen, Gemeinschaft zu fördern, uns ist wichtig ihnen zu zeigen: Ihr sitzt alle im gleichen Boot.“

Ältere Mädchen könnten Schutzfunktionen für jüngere übernehmen. Überhaupt: Starke weibliche Vorbilder zu zeigen, ist dem Team wichtig. Sie machen es selbst vor: Die beiden Mitarbeiterinnen machten den Busführerschein, um ihren Oldtimer selbst zu steuern.

„Der Bus ist ein Schutzraum“

„Der Bus ist ein Schutzraum für die Mädchen“, beschreibt sie. Dort kämen andere Gespräche zustande als draußen. Dort können sie gemeinsam über Erfahrungen in der Pubertät oder Liebe sprechen. Oder sie könnten Fragen stellen, „ohne ausgelacht zu werden“.

Dabei merken sie, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten nicht allein sind. „Sie merken, es geht anderen Mädchen auch so.“ Sie hätten zwar Aufklärungsunterricht in der fünften und siebten Klasse, so wüssten sie zum Beispiel, was Menstruation sei. „Aber wie sich das anfühlt, davon haben sie keine Ahnung.“

Aber: „Wir sind kein Aufklärungsbus“, betont Schreiner, solche Themen würden nur aufgegriffen, wenn Mädchen sie ansprächen. Auch Einzelgespräche sind auf Wunsch möglich. „Das ist eines unser Herzstücke“, sagt sie.

Kein „Prestigedruck“

Ein besonderes Merkmal sei, dass der Bus wieder wegfahre - im Idealfall mit den Problemen der Mädchen. Es sei ein „außerschulischer“ Treffpunkt, bei der ein „Prestigedruck“ wie auf dem Schulhof wegfalle, beschreibt Schreiner.

Das Team bekommt immer wieder mit, was sich unter Jugendlichen abspielt. So werde es derzeit immer wieder mit Schockvideos konfrontiert, die Jungen unbedarft per Handy an Mädchen verschickten, ohne sie zu verstehen, beschreibt Schreiner. Für Mädchen seien sie oft verstörend. „Das hinterlässt Spuren. Die Jungs finden es lustig - die Mädchen nicht.“

„Wir erklären vorsichtig.“ Und in extremen Fällen nehme das Team auch Kontakt zu Lehrern auf.

Oder das Team stellt fest, das Flüchtlingsmädchen noch kaum in ihr neues Umfeld eingegliedert sind und keine deutschen Freundinnen finden.

Vertrauen gefasst

Wichtig sei die Kontinuität - auch bei den Mitarbeiterinnen, sagt Schreiner. „Die Mädchen kennen uns und haben Vertrauen gefasst, sie spüren, dass jemand da ist.“ Für sie sei die Arbeit „beglückend“, es komme viel zurück von den Mädchen.

Bei Problemen können sie jederzeit anrufen. Für schwere Fälle wie sexualisierte Gewalt hat sich der Kasseler Verein Mädchen-Nothilfe gegründet, erreichbar über www.mädchen-nothilfe.de.

Bus kommt dreimal im Jahr nach Diemelsee

Nach Diemelsee kommt der Bus zweimal im Jahr, außerdem gibt es im Winter stets eine Sonderaktion – im vorigen Februar öffnete das Heringhäuser Familienbad nur für die Mädchen. Höhepunkt für viele war der Sauna-Besuch.

„Sie sind hier gern gesehen, Hut ab vor dem, was Sie hier machen“, sagt Bürgermeister Becker, „das ist eine hervorragende, sinnvolle Arbeit.“ Er lobt die gute Zusammenarbeit. „Die Mädchen warten schon auf den Bus.“ Das Angebot werde gut angenommen, „der Bedarf ist da.“

Dann übergibt er einen symbolischen Scheck über 750 Euro und verspricht: „Die Gemeinde wird Sie auch weiter unterstützen, das ist für mich eine Ehrensache.“ Schreiner entgegnet: „Das ist eine tolle Würdigung unserer Arbeit.“

Finanzierung des Projekts ist schwierig

Die Finanzierung des Projekts ist schwierig. Das hessische Sozialministerium zahlt eine jährliche Basisfinanzierung von 50 000 Euro. Der Kreis Waldeck-Frankenberg steuert – als einziger in Nordhessen – jährlich 10 000 Euro bei. Die angefahrenen Kommunen bringen es zusammen auf 5000 Euro.

Bei einem Jahresbudget von 100 000 Euro fehlen rund 35 000 Euro. Serviceclubs engagieren sich deshalb. Der eingetragene Verein nimmt auch Spenden entgegen.

„Schade, dass die anderen Kreise und Kommunen nicht mehr leisten“, bemerkt Becker. Er ruft auch andere Kommunen auf, „1000 Euro auf den Tisch zu legen – das tut keinem weh“. Und auch andere Kreise sollten sich Waldeck-Frankenberg anschließen.

Mehr zum Projekt unter www.maedchenbus de. (-sg-)

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