31-Jähriger spricht mit Schülern der Mittelpunktschule Adorf

Gewaltopfer Christoph Rickels: „Gewalt macht kaputt“

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Außerordentliches Engagement: Christoph Rickels (vorn, Mitte) sprach auf Einladung von Lehrerin Susanne Laukel vor insgesamt rund 85 Schülerinnen und Schülern der Mittelpunktschule Adorf.

Diemelsee-Adorf. Christoph Rickels (31) ist als 20-Jähriger ein Opfer von schwerer Gewalt geworden. Vor Schülern der Mittelpunktschule Adorf spricht er über seine Erfahrungen. 

„Was fehlt Dir am meisten aus Deinem früheren Leben?“, fragt ein Schüler Christoph Rickels. Er überlegt eine Weile. „Am meisten fehlt mir der normale Umgang mit anderen Menschen, eine Freundin, Freunde. Die soziale Isolation ist das Schlimmste“, antwortet er dann. Stille. Schlucken. Jeder im Raum kann halbwegs erahnen, was es bedeuten würde, ohne Freunde zu sein.

Der 31-jährige Christoph Rickels ist gnadenlos ehrlich – es ist diese Ehrlichkeit und die Nähe, die er dadurch schafft, die ihre Wirkung erzielt: Zwei Stunden erzählt er am Montagmorgen in der Mittelpunktschule Adorf vor Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Realschulklassen aus seinem Leben, das mit wortwörtlich einem Schlag eine Wendung genommen hat, als er 20 Jahre alt war. 

Nachdem er in einer Disco in Friesland einer jungen Frau einen Drink ausgegeben hatte, streckte ihn deren Freund mit einem Faustschlag im Sprung nieder. Schutzlos stürzte Christoph Rickels mit seinem Kopf auf den Steinboden. Der Täter schlug nochmals nach, als Christoph Rickels schon am Boden lag.

Der damals 20-jährige zog sich unter anderem eine sechsfache Hirnblutung zu. Vier Monate lag er im Koma. Als er wieder aufwachte, einen Tag vor Weihnachten, musste er alles neu lernen: Sprechen, essen, laufen. Er kann nicht mehr weinen. Drei Jahre verbrachte er in Rehas. Eine Seite ist gelähmt, er ist zu 80 Prozent schwerbehindert.

Projekt „First togetherness“

Auch nach elf Jahren fällt ihm das Reden noch schwer, er bittet zu Beginn um Ruhe. Das wäre aber gar nicht nötig gewesen. Seine Schilderungen der Tat und der vergangenen elf Jahre ziehen die Schüler in den Bann, bewegen sie tief. „Ich wäre fast gestorben. Warum denn? Weil ich einem Mädel einen Drink ausgegeben habe“, sagt er. „Ich will euch keinen Scheiß erzählen. Ich war selbst so ein Checker, wollte Boss sein, auch ich habe mich damals geboxt. Aber es geht so schnell so viel kaputt,“ sagt er und schaut auf seine Hände.

Gewalt macht kaputt: Gewaltopfer Christoph Rickels spricht vor Schülern der MPS Adorf, eingeladen hat ihm Lehrerin Susanne Laukel.

„Ich war leidenschaftlicher Sportler und Musiker. Schaut mich jetzt an. Ich kann nicht mal mehr gerade laufen“, sagt der 31-jährige. Er ist Beispiel dafür, was Gewalt für Folgen haben kann. Seit acht Jahren spricht er darüber vor Schülern und in Gefängnissen. Er hat das Projekt „First togetherness“ gegründet, das von vielen Prominenten unterstützt wird, um gegen Gewalt und für Respekt zu kämpfen, gegen Hass und für Gerechtigkeit. Dafür wurde er mehrfach hoch ausgezeichnet.

Gerechtigkeit ist ihm selbst bislang noch nicht zuteil geworden: Der Täter wurde verurteilt zu 26 Monaten Haft, die Strafe wurde zu Bewährung ausgesetzt. Zwar sprach ein Gericht Rickels 200 000 Euro Schmerzensgeld zu, doch die Versicherung weigere sich zu zahlen, sagt er. „Ich habe Glück gehabt, bin nur halbseitig gelähmt. Ich bin schwer behindert, aber ich lebe noch.“, sagt er und führt weiter aus, „Also, wir kommen zu dem Schluss: Gewalt ist dumm, uncool und gar nicht sexy. Gewalt macht kaputt.“ Sein Ziel seit acht Jahren: „Das Leben für uns alle lebenswerter zu machen, für unsere Kinder – ohne Gewalt.“

Eingeladen hatte ihn Lehrerin Susanne Laukel, die unter anderem Religion lehrt; insgesamt vier Klassen, 85 Schülerinnen und Schüler, hören Christoph Rickels an diesem Morgen zu. Eltern und Schulleitung teilen sich die Kosten. Eingeladen hat sie ihn im Rahmen der Präventionsarbeit: „Jeder Schlag, der durch Christoph Rickels Einsatz verhindert wird, ist ein Gewinn,“ betont Susanne Lückel.

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