Wirmighäuserin arbeitet ehrenamtlich bei Nähprojekt für Frauen

Kreatives Chaos: Laura Stertenbrink ist ein Jahr in Afrika 

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In Malawi arbeitet Laura Stertenbrink für ein Nähprojekt, das Frauen eine Ausbildung und damit ein unabhängiges Leben ermöglicht. Auf diesem Foto ist sie mit Bridget Lakion, Supervisor Produktion (links), und Schneiderin Glory Akim zu sehen. 

Malawi – Raus aus meinem Automatismus: Dies war einer meiner Gründe in ein Land zu gehen, das weniger geordnet scheint als Deutschland. Ein Land, in dem Prozesse anders ablaufen oder es keine immer gleichen Prozesse gibt: Malawi.

Doch erst einmal zurück zum Anfang. Dieses Jahr im August ist es bereits zehn Jahre her, dass ich meine Ausbildung im Bereich Bekleidungstechnik in Kassel begonnen habe. Mit 16 war mein Traum kristallklar: ich werde Modedesignerin. Doch das Leben hat mich zunächst auf Umwege geschickt.

Nach zwei Jahren Ausbildung und Abschluss mit Bestnote, bin ich über ein Praktikum bei Hessnatur in der Produktentwicklung angestellt worden. Zweieinhalb Jahre zeichnete ich Kleidung, begleitete Anproben und schrieb Musterbeurteilungen und Produktionsfreigaben an Lieferanten in aller Welt. Der Job wurde zur Routine und gleichzeitig nahm der kreative Grad der Arbeit immer mehr ab. Ich wollte wieder lernen.

Eines der ärmsten Länder der Welt

So entschied ich mich, mein Abitur per Fernschule neben dem Beruf nachzuholen und zu studieren. Irgendetwas, womit man flexibel ist und alles machen kann. Wirtschaftswissenschaften also. Es folgte das klassische Studentenleben. Feiern, Reisen, Erasmus, Klausuren, Nebenjobs.

Doch trotz allem Spaß und Abenteuer merkte ich, dass etwas fehlt. Das Gefühl, einer Leidenschaft nachzugehen. Zwei Praktika später hatte mich die „Nine-to-Five-Routine“ wieder fest im Griff. Mir wurde klar: ich brauche einen Perspektivenwechsel. Daher entschied ich mich, in eines der ärmsten Länder der Welt zu gehen, um dort die Lebens- und Arbeitswelt kennenzulernen und zu sehen, was ich von ihr lernen kann. Ich entschied mich für ein Nähprojekt für Frauen innerhalb eines „Weltwärts“-Freiwilligendienstes in Malawi.

Blick auf die Hauptstadt: Das „World War 1 Memorial“, das Mahnmal in Gedenken an den Ersten Weltkrieg, ist einer der wenigen Aussichtspunkte in Lilongwe.

Fünf Monate später saß ich also im Flieger Richtung Ostafrika. Die ersten Tage nahm ich wie aus der Vogelperspektive wahr. Vieles war fremd, doch das änderte sich schnell.

Das Projekt, in dem ich arbeite, befindet sich in Chinsapo, einem Vorort der Hauptstadt Lilongwe. Also springe ich jeden Morgen um 7.30 Uhr in einen klapprigen Minibus und lege die letzte Wegstrecke zu Fuß zurück. Um 8 Uhr beginnt der Arbeitstag bei Taste of Malawi, das sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen in Berufe zu integrieren.

Meine Hauptaufgaben sind das Aufstellen eines Lehrplanes und das Durchführen der praktischen Ausbildung der Frauen. Zudem fallen manche Design- und schnitttechnische Aufgaben von Bestellungen in meine Hände. Dennoch versuche ich die Verantwortung weitestgehend bei den Frauen zu belassen und im Team gemeinsam Lösungen zu finden.

Taste of Malawi bedeutet für mich erholsames Chaos. Laute Musik, laute Frauen, es wird getanzt, geschlafen, gelacht und mit Leidenschaft geschneidert. Bereits nach den ersten zwei Wochen war für mich klar, dass ich zu meiner Passion zurückgefunden habe.

Stromausfälle an der Tagesordnung

Stoffe aussuchen, Designs skizzieren, Schnitte machen, sich am Bügeleisen verbrennen und das Surren einer Nähmaschine im Ohr. An manches muss ich mich erst einmal gewöhnen. Stromausfälle sind hier an der Tagesordnung, weswegen auch unsere manuellen Maschinen im Workshop täglich zum Einsatz kommen und ab und an muss auch das gute alte gusseiserne Bügeleisen wieder mit Kohle gefüllt werden. Auch das Mittagessen wird auf Kohle gekocht. Zum Anzünden werden Plastiktüten verwendet.

Manchmal ist es schwer, nur zu beobachten, ohne gleich zu urteilen, abzuwarten. Und hin und wieder muss man sich damit abfinden, dass manche Dinge eben sind, wie sie sind. Auf Chichewa sagt man hier „Pangono Pangono“ (Schritt für Schritt).

Generell gibt mir das Leben hier eine essenzielle Lebensqualität wieder. Anstatt mir jeden Tag den Terminkalender vollzupacken, nehme ich mir die Zeit, einfach mal zu Hause zu sein: Zeit zum Kochen, Lesen, Malen und Entspannen in der Hängematte. Es gibt in Lilongwe sehr wohl Clubs, Bars und Restaurants, aber meinen europäischen Lebensstil auf mein Leben hier zu übertragen, macht für mich wenig Sinn. Es ist eine Chance wählen zu können, was ich heute wirklich machen möchte und welche Begegnungen und Erlebnisse mich glücklich machen. Hin und wieder gehe ich aus, mache neue Bekanntschaften oder fahre an den Malawisee. Freie Zeit für mich, ohne das Gefühl, etwas zu verpassen. JOMO nennt man das: „Joy of missing out.“

Sonnenaufgang in Ntchisi Forest

Die 26-jährige Laura Stertenbrink aus Wirmighausen ist die 40 000. „Weltwärts“-Freiwillige. Seit April ist sie für einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Malawi und unterstützt ein Nähprojekt.

Das ist Weltwärts

Weltwärts“ ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Menschen zwischen 18 und 28 können sich über den staatlich geförderten Lerndienst in Projekten in Deutschland sowie in Afrika, Asien, Lateinamerika, Osteuropa oder Ozeanien (Nord-Süd-Komponente) für sechs bis 24 Monate engagieren. Ziele sind, dass die Teilnehmenden eine andere Lebensweise kennenlernen sowie Impulse für ein solidarisches Engagement mitnehmen.

VON LAURA STERTENBRINK

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