Sieben Vorleser nahmen ihre Zuhörer am bundesweiten Vorlesetag mit auf die Reise

Literarische Vielfalt beim Vorleseabend im Kloster Flechtdorf

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Die Vorleser im Kloster Flechtdorf: (von links) Helmut Walter, Dr. Reinhard Kubat, Inge Frese, Karl-Heinz Kalhöfer-Köchling, Claudia Lutz, Rolf Kümmel und Hiltrud Lahme.

Diemelsee-Flechtdorf. Was liest der Amtsgerichtsdirektor in seiner Freizeit? Für welchen Autor entscheidet sich der Landrat? Antworten auf diese Fragen gab es im Kloster Flechtdorf.

Sieben Vorleser nahmen ihre Zuhörer am bundesweiten Vorlesetag mit auf die Reise in sieben unterschiedliche Abenteuer. Es ging um Monopoly, Schildbürger, Okapis, menschliche Verschiebemasse, Sterbebegleiter, erzählende Verstorbene und einen plötzlichen Spaziergang.

Einige der Besucher kannten schon die heimelige Atmosphäre, die sich am Leseabend in dem mittelalterlichen Gemäuer bei Kerzenlicht, Häppchen und Rotwein einstellt. Aber auch viele neue Gesichter waren zu sehen.

Vorleser-Neuling Rolf Kümmel hatte das Buch „Ohne Dich ist manchmal ganz gut“ des Berliner Satirikers Piet Weber ausgewählt. Im vorgetragenen Kapitel entwickelt sich der siebenjährige Neffe beim Monopoly-Spiel zum Immobilienhai, während Onkel Piet sich für den sozialen Wohnungsbau einsetzt. Aus Erich Kästners 1954 erschienenen Nacherzählung der Schildbürger las Landrat Dr. Reinhard Kubat die Episode „Die Schildbürger bauen ein Rathaus“ vor. Jeder kannte sie, trotzdem waren alle amüsiert.

Im Auto hört Amtsgerichtsdirektor Karl-Heinz Kalhöfer-Köchling gern Hörbücher. Von seiner Frau wurde er auf einen humorvollen, tiefsinnigen und schrägen Heimatroman aufmerksam gemacht: In „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky erzählt Luise in der Ich-Form vom Leben im Westerwald-Dorf und von ihrer Oma Selma. Die kann vorhersagen, wann jemand im Dorf stirbt.

Eine Schlüsselszene aus dem autobiografischen Roman „Kind Nr. 95“ von Lucia Engombe stellte die Korbacher Standesbeamtin Hiltrud Lahme vor: Im Jahr 1979 war Lucia als siebenjähriges Mädchen aus den Kriegswirren Namibias in die DDR geholt worden. Nach dem Mauerfall schickte Deutschland die Kinder zurück. Was sie bewegt, zog die Zuhörer in ihren Bann. Beim Titel „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ ahnten die meisten Zuhörer schon, dass das Buch von Susann Pásztor vom Sterben handelt. Claudia Lutz, Leiterin des Landesverbands evangelischer Büchereien, las den Anfang der berührenden Geschichte von Fred, dem ehrenamtlichen Sterbebegleiter.

Schnörkellose Sprache

Von der schnörkellosen Sprache des Schriftstellers Robert Seethaler war Helmut Walter begeistert und gab dies an die Zuhörer weiter. Der Vorsitzende des Fördervereins las aus dem Buch „Das Feld“ die einleitende Vorgeschichte, die den Erzähler vorstellt.

Museumsfreundin Inge Frese hatte „Der plötzliche Spaziergang“, die bekannte Erzählung von Franz Kafka, gewählt. Bevor die Zuhörer zum Spaziergang nach Hause entlassen wurden, trug Annegret Walter noch ein Abschieds-Gedicht vor. Das „Lied zur Nacht“ von Mascha Kaléko bildete einen schönen Abschluss.

Von Ute Germann-Gysen

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