Wolfgang Lehmann vom Naturschutzbund fürchtet um den Bestand

Muschelkolonie am Diemelsee liegt auf dem Trockenen

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In der Muschelkolonie am Ufer des weit geleerten Diemelsees: Links Norbert Biderbeck aus Bontkirchen, neben ihm der NABU-Fachmann Wolfgang Lehmann aus Korbach. Sie fanden zahlreiche verendete Tiere, von vielen blieb nur die Schale übrig.

Diemelsee. Der niedrige Wasserstand des Diemelsees hat eine stattliche Kolonie der Teichmuschel freigelegt, die auch Schwanenmuschel genannt wird. Dass der Bestand so groß ist, überrascht Naturfreunde. Doch viele Tiere sind auf dem Trockenen umgekommen.

Leer wie selten ist der Diemelsee derzeit, aus Giebringhausen fließt sich nur noch ein Rinnsal im alten Flussbett zur Stormbrucher Brücke. Norbert Biederbeck aus Bontkirchen lockte das Naturschauspiel zu einem Spaziergang am Ufer entlang. An einer Bucht machte er eine Entdeckung: Zahlreiche Teichmuscheln steckten im freigelegten Schlamm. Sie sind auf dem Trockenen verendet. 

Biederbeck alarmierte den Naturschutzbund, kurz NABU. Wolfgang Lehmann aus Korbach schaute sich die aufgetauchten Muschelbänke umgehend an – er ist im Kreisverband der Fachmann für Schnecken und Muscheln. 

Die geöffnete Schale einer Schwanenmuschel: Sie haben weder Zähne noch eine „Schlossleiste“ als Verschluss.

Einerseits freut ihn die Entdeckung: Dass es die große Teichmuschel im Diemelsee gebe, sei schon seit Jahren bekannt, berichtet er, immer wieder seien Schalen gefunden worden. Aber dass es so viele Tiere sind, hatten die Naturfreunde bislang nicht vermutet: „Das Vorkommen hier ist außergewöhnlich, es ist für unseren Raum einmalig.“

Was ihn gar nicht freut: Geschätzt mehr als 1000 Muscheln hätten es nicht mehr bis ins Wasser geschafft und seien gestorben – ein üppiges Festmahl für Wasservögel am See. Viele Schalen landeten binnen Tagen in den Händen von Sammlern. 

Als Ursache fürs Muschelsterben sieht er nicht allein die lange Trockenheit: Der Wasserstand sei wohl zuletzt „sehr schnell“ gesunken. Er vermutet: „Durch das massive und stoßweise Ablassen des Wassers in der Talsperre ist es zu einem Artenschutzdrama gekommen.“ Das weist das Wasserstraßen- und Schiff-Fahrtsamt in Hann. Münden allerdings zurück. 

Kurze Lebensfrist an Land 

Die Tiere haben einen muskulösen Fuß, mit dem sie sich durch den Schlamm ziehen – aber sie sind langsam. Zwei bis drei Tage könnten sie im Trockenen leben – erreichen sie das Wasser bis dahin nicht, sterben sie. Lehmann ist sich sicher: Wäre der Wasserpegel langsamer gefallen, „hätte es wenigstens ein Teil der Muscheln ins rettende Wasser geschafft“.

 Teichmuscheln seien in der 1995 aufgestellten Roten Liste für Hessen als „stark gefährdet“ eingestuft, berichtet er, die Bestände könnten seitdem noch weiter zurückgegangen sein. Um so gravierender sei das Muschelsterben am Diemelsee. 

Er warnt: „Bei einem weiteren Rückgang des Wassers ist mit dem Verlust der ganzen Kolonie zu rechnen.“ Daher drängt er, wenigstens den jetzigen Wasserstand zu halten – was das Amt nicht darf, um nicht die Ökologie der Diemel zu gefährden.

 „Kleines Klärwerk“

 Der Tod so vieler Schwanenmuscheln sei nicht nur für den Artenschutz dramatisch, sagt Lehmann: Die Tierchen hätten ihren Anteil daran, dass das Wasser im See so sauber ist: Sie filterten bei der Nahrungsaufnahme Schwebstoffe heraus, „jede Muschel stellt ein kleines Klärwerk dar“, erläutert er. „Bei so einem großen Vorkommen tragen sie ihren Teil zur Reinigung des Wassers bei.“ Er verweist auf das Problem mit Blaualgen im Edersee – das gebe es im Diemelsee nicht. 

Lehmann mahnt, aus dem Sterben Lehren zu ziehen: „Das darf in den Folgejahren nicht nochmal passieren“, sagt er. Sonst sei das Vorkommen gefährdet. „Jungmuscheln brauchen Zeit, bis sie zu einer Größe kommen und fortpflanzungsreif werden“, sagt er. „Es dauert Jahre, bis sich der Bestand regenerieren kann.“

Der Fachdienst Natur- und Landschaftsschutz der Kreisverwaltung erfuhr von der WLZ vom Muschelsterben. „Wir werden in Hann. Münden nachfragen“, erklärt der Fachdienstleiter Hartmut Kaiser. Entscheidend sei, ob eine „ordnungsgemäße Nutzung des Sees vorliegt“. 

Bei einer „ganz normalen Bewirtschaftung des Sees“ gemäß dem Nutzungszweck unterlägen die Arten keinem besonderen Schutz – sofern es nicht Arten wie die Bachmuschel seien, die durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union besonders geschützt seien. Das gelte es abzuklären.

„Wir schützen den Fluss“

Das Wasserstraßen- und Schiff-Fahrtsamt in Hann. Münden steht vor einem Dilemma: Lässt es - wie vom NABU gefordert - wegen der Muscheln mehr Wasser im See, sind Flora und Fauna in der Diemel bedroht – ohne den stetigen Zufluss aus der Talsperre droht der Fluss trocken zu fallen. Darauf verweist der Sachbereichsleiter für Gewässerkunde, Timo Freitag. 

Derzeit habe die Ökologie in der Diemel für sein Amt den Vorrang – noch vor Zielen wie der Sicherstellung des Schiffsverkehrs. Das sehe die Betriebsvorschrift so vor, die in ökologischen Fragen mit dem Kasseler Regierungspräsidium und den westfälischen Bezirksregierungen in Arnsberg und Detmold abgestimmt worden sei. 

„Wir schützen den Fluss“, betont Freitag. „Wir müssen gucken, dass wir die Wasserversorgung hinbekommen. Den Zufluss ganz abzustellen, halte ich nicht für möglich.“ 

Das Sterben der Schwanenmuschel im See sei dem Amt noch nicht gemeldet worden. Denkbar sei, dass die Geländebeschaffenheit an der Bucht einen schnelleren Rückgang des Wasserstandes beeinflusst habe. Vielleicht sei der Zufluss in den See auch unterschiedlich gewesen, sodass der Pegel zeitweise schneller sank. 

Sein Amt halte sich jedenfalls bei der „Bewirtschaftung“ des Sees an die Betriebsvorschrift. Es habe in den vergangenen Monaten immer gleichmäßig Wasser abgelassen, versichert Freitag. Die Mindestabgabe liege bei einem Kubikmeter pro Sekunde, wegen der Trockenheit seien es derzeit nur noch 0,8 Kubik. 

Wasserpegel gesunken 

Nach der Statistik des Amtes ist der Wasserspiegel im See seit Mitte Oktober um etwa drei Meter gesunken. Derzeit ist der See demnach noch zu 27 Prozent gefüllt, die Füllmenge betrug am Dienstag 5,4 Millionen Kubikmeter Wasser, der Zulauf lag bei 0,3 Kubik die Sekunde. 

Erlaubt sei, den Diemelsee bis auf drei Millionen Kubik abzulassen, erklärt Freitag. Dann sei die kritische Marke erreicht, bei der der See umkippen könne. Deshalb werde in diesem Fall nur noch so viel Wasser abgelassen, wie als Zulauf in den See fließe. Aber von diesem Szenario ist der Diemelsee noch weit entfernt. 

Lösung finden

"Wir müssen gemeinsam zu einer Lösung kommen“, betont Lehmann. Die könnte für ihn darin bestehen, mehr Wasser im See zu lassen. Lehmann wäre es lieb, wenn das Limit bei sechs Millionen Kubik liege. Denn die Muscheln können sich wahrscheinlich nur in eine Wassertiefe von bis zu 20 Metern zurückziehen, dann wird es ihnen zu kalt. 

„Ich bin seit mehr als 40 Jahren im Naturschutz tätig“, sagt Lehmann. „Ich weiß, es geht nur im gegenseitigen Einvernehmen.“

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