Staatsvertrag löst langjährige Diskussion um Grenzverschiebung

Vor zehn Jahren: 22 Stormbrucher werden Bontkirchener

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Beim Grenzfest am 1. November 2009 in Bontkirchen – von links: Ortsvorsteher Albert Brüne, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der Landrat des Hochsauerlandkreises, Dr. Karl Schneider, und die Bürgermeister Franz Schrewe und Volker Becker.

Stormbruch / Bontkirchen – Vor zehn Jahren traten lange diskutierte und aufwendig aufgesetzte Grenzverträge in Kraft: 22 Stormbrucher wurden damit zu Bontkirchenern, aus Waldeckern wurde Westfalen. Für sie erfüllte sich ein großer Wunsch.

„Nordrhein-Westfalen kauft 22 Hessen frei. Sie müssen nicht mehr länger Hessen sein, sondern sind dann das, was sie schon immer mit dem Herzen waren: Westfalen.“ So beginnt ein satirischer Radiobeitrag, der auch heute noch hin und wieder in Bontkirchen per Whatsapp verschickt wird. 

Zehn Jahre ist es her, dass das Nachbarland Hessens auf einen Schlag um 22 Bürger, sechs Wohnhäuser, eine Gastwirtschaft, ein Sägewerk, eine Schützenhalle, einen Sportplatz und 14 Hektar größer wurde. Am 1. November 2009 kam sogar der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, aus Düsseldorf, um seine „Neubürger“ zu begrüßen. 

In  Bontkirchen verwurzelt

Eigentlich waren die 22 Menschen bereits fest in ihrem 500 Seelen zählenden Heimatdorf Bontkirchen verwurzelt. Bei der Feier vor zehn Jahren erinnerte der inzwischen gestorbene Ortsvorsteher Albert Brüne an den Ursprung des Grenzstreites:

Am anderen Ufer der Itter Häuser gebaut

 „Bei uns im Dorf gab es keine Bauplätze mehr. Da haben einige am anderen Ufer der Itter auf geerbten Grundstücken gebaut.“ Aber die gehörten zur Gemarkung Stormbruch. Und so wurden aus den Westfalen Hessen, die in der Gemeinde Diemelsee wohnten, in Hessen Steuern zahlten und zu hessischen Behörden mussten. So entstand der Wunsch nach der Grenzverschiebung.

Bürokratische Ärgernisse

Marion Vogtland hat schon 2009 in zig Interviews erzählt, warum diese Grenzverschiebung so wichtig sei, warum sie und andere Mitstreiter so hartnäckig dafür gekämpft haben. Sie erinnert sich noch einmal an einige skurrile Grenzfälle.

 „Diese ganzen behördlichen Probleme sind eigentlich im Nachhinein unvorstellbar“, sagt sie. Für die „hessischen Bontkirchener“ kam damals die Müllabfuhr an einem anderen Tag als für die westfälischen – obwohl sie alle an der Willinger Straße wohnten. 

Der Strom lief durch westfälische Leitungen, die Rechnung kam aus Hessen. Bei Störungen fühlte sich keiner zuständig. 

Die Kinder hätten eigentlich nach Adorf zur Schule gemusst. Aber dahin gab es gar keine Busverbindungen. Um sie in Hoppecke einschulen zu lassen, mussten zig Anträge gestellt werden. 

War Post etwa für die „Willinger Straße 58 in 59929 Bontkirchen“ bestimmt, musste sie streng genommen an die „Willinger Straße 58 in 34519 Diemelsee“ adressiert werden. Dort kam sie aber nicht an, sie ging nach Korbach, wurde handschriftlich mit neuer Adresse versehen und trat erst dann mit zeitlicher Verzögerung die Reise nach Bontkirchen an. „

Hatte man eine Reise gebucht und seine Heimatadresse Bontkirchen angegeben, gab es spätestens im Hotel blöde Nachfragen, weil dort im Pass des Urlaubers – entgegen der Buchung – nicht Bontkirchen, sondern Diemelsee-Stormbruch stand.“ 

Polizei sieht sich nicht zuständig

Die kurioseste Geschichte erlebte Marion Vogtlands Mutter Maria Lange, die bis heute den Gasthof „Im Wiesengrund“ betreibt: Einmal wurde bei ihr eingebrochen. Die Wirtin alarmierte die Polizei. Die gerufenen Briloner Polizisten rückten jedoch wieder ab – das sei schließlich eine hessische Angelegenheit. Erst Beamte aus Korbach nahmen dann die Ermittlungen auf.

Langer Kampf um die Grenzverschiebung

Umstrittene Grenze: das Ortsschild Stormbruch / Bontkirchen 2009

Deshalb war der Wunsch groß: Wir wollen auch offiziell Bontkirchener werden. All die Jahre war Albert Brüne der Hauptmotor der Grenzverschiebung, er ließ nie locker. Aber es sei eine „schwere Geburt“ gewesen, sagte Brüne. Mal scheiterte das Vorhaben am Desinteresse des Bürgermeisters in Brilon, mal am Widerstand des Diemelseer Kollegen.

So hatte Brilon als Ersatz für die etwa 180 000 Quadratmeter ein Stück Wald angeboten. „In den 1990er Jahren hat der hessische Bürgermeister gesagt: Ich tausche doch keine Menschen gegen Bäume“, erzählte Brüne. Die „Vereinigung“ vor zehn Jahren sei die große Stunde von Albert Brüne gewesen, sagt der heutige Ortsvorsteher Dieter Marczyk. 

Aufwendiges Verfahren

Die Grenzverschiebung war ein aufwendiges Verfahren, an dem die Länder Hessen und Nordrhein-Westfalen, die Kreise Waldeck-Frankenberg und Hochsauerland und die Kommunen Diemelsee und Brilon beteiligt waren. Erst nach jahrelangen, zähen Verhandlungen kamen die Verträge zustande. 

Am 7. Juli 2009 stimmte der Landtag in Wiesbaden dem Staatsvertrag zu. Er sah die Abgabe von 14 Hektar Fläche an das Nachbarland vor. 

Daneben beinhaltete er einen Grundstückstausch: Auch Gebäude des Marsberger Stadtteils Udorf standen auf hessischem Gebiet. Und so bekam Nordrhein-Westfalen 8,6 Hektar Kohlgrunder Fläche, im Gegenzug erhielt Hessen 8,5 Hektar Grünland. 

Das Düsseldorfer Parlament stimmte dem Staatsvertrag am 9. September zu. 

Ausgleich für Diemelsee

Am 11. September 2009 unterschrieben die Bürgermeister Diemelsees und Brilons, Volker Becker und Franz Schrewe, eine Vereinbarung. Brilon verpflichtete sich zur Zahlung von 390 000 Euro als Ausgleich für wegfallende Steuern und Abgaben, Zuschüsse und Schlüsselzuweisungen des Landes. Die Verbuchung des Geldes sorgte seinerzeit für heftige Diskussionen im Diemelseer Parlament.

„Man weiß nicht, wer damals das bessere Geschäft gemacht hat“, sagt der Stormbrucher Ortsvorsteher Bernd Menzel: Stormbruch habe fünf Prozent der Einwohner verloren. 

Aber er betont, in Zeiten des vereinten Europas sollte „die Grenze heutzutage nichts mehr zu sagen haben“. Das Verhältnis zu den Nachbarn ist weiterhin gut, das betonen Stormbrucher und Bontkirchener, die gern zusammen feiern.

Schnell eingelebt

Die einstigen Hessen haben sich erst gar nicht in Westfalen einleben müssen. Seitdem sie im November 2009 ihre Ausweis umgetauscht haben und die Müllabfuhr zu allen Bontkirchenern am selben Tag kommt, ist das Thema Grenze eigentlich vom Tisch. 

Nur bei den Schützenfesten wird noch daran erinnert, dass die Landesgzenze einst mitten durch die Schützenhalle lief, angeschlossen war sie an die Kläranlage in Westfalen. Und so wird noch immer gescherzt: „Getrunken wird in Hessen, entsorgt in Westfalen.“ 

Schützenvogel steht noch immer in Waldeck

Bei der Grenzbereinigung 2009 blieb nur eines außer Acht: Der Schützenvogel samt Kugelfang steht auch weiter auf hessischem Gebiet. Daher müssen die Bontkirchener „Vitus“-Schützen Jahr für Jahr in Hessen einen Antrag stellen, dass der Vogel dort von der Stange fallen darf. twi/-sg-

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