Musikalischer Gottesdienst am Buß- und Bettag

Flüchtlinge gestalten Andacht mit

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Der musikalische Gottesdienst in Wrexen wurde von Flüchtlingen und von der Kirchenband mitgestaltet.

Diemelstadt-Wrexen. Einen musikalischen Gottesdienst mit sehr persönlichen Berichten über Flucht und Asyl erlebten die Wrexer am Buß- und Bettag. Dass die Vertreibung von Menschen aus ihrer Heimat ein biblisches Thema ist, wissen wir mindestens von der Weihnachtsgeschichte um Maria und Josef, die Asyl im Stall von Bethlehem finden. Pfarrerin Carl erinnerte auch an das Volk Israel, das mit Moses durch Gottes Hilfe aus Ägypten flüchtete.

 Am Keyboard begleitete die Pfarrerin die Kirchenband zu Silbermond’s „Irgendwas bleibt“ und zum PUR-Song „Neue Brücken“. Die Gitarren der Band unterstrichen zusätzlich die gefühlvollen Solo-Einlagen. Mitglieder der Kirchenband trugen Fluchtberichte von eigenen Bekannten vor. Doris Heinemann erzählte von der Mutter, die nach dem zweiten Weltkrieg mit fünf Kindern aus Westpreußen flüchtete. Wo der Bruder ist, wollten die Kinder wissen. „Den haben wir verloren“, antwortete die Mutter.

Wie man denn einen Jungen verlieren könne, fragten sich die Geschwister. Etwa, wie man einen Schlüssel verliert? Von der Oma, die als Siebenjährige die Flucht vor der Stasi von Ost- nach Westdeutschland erlebte, und daher weiß, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen, war zu hören. Und eigentlich wollte Pfarrerin Carl noch eingehender auf Flüchtlingsgeschichten der Bibel eingehen. Doch kurzerhand änderte sie ihr Programm, und zog ganz gegenwärtige und traumatische Fluchterlebnisse vor. Denn Sprachlehrer Kurt Bernhardt hatte mit seinen Sprachschülern deren Kurzberichte vorbereitet.

 Mutig stellte sich der 22-jährige Gayem aus Eritrea vor die Kirchengemeinde und stellte seine Odyssee über Äthiopien, den Sudan, Libyen und über das Mittelmeer nach Italien vor. Im Juli in Gießen angekommen hatte er seinen Vater und zwei Brüder verloren. Ähnlich traumatisch hat der 19-jährige protestantische Zewdi auf der Flucht alles verloren. Als Zweijähriger mit seiner Familie in Eritrea gestartet, hat er zehn Jahre in Äthiopien erlebt. Er ist zu Fuß durch die Sahara gegangen und dem Tod mehrmals knapp entkommen.

 „God bless German government and German people“, bedankte er sich bei Bevölkerung und Regierung, endlich in Frieden und Sicherheit zu sein. Über Einzelheiten ihrer Erlebnisse kann die 21-jährige Nimco aus Somalia nach einem Jahr in Wrexen immer noch nicht sprechen. Brita Römer half ihrer Anvertrauten, die Flucht quer durch Afrika zu umreißen. „Sie kommen jetzt in ein Land, in dem Sie Ihr Leben mit Mut und Zuversicht neu beginnen können“, lautete nach 90 Minuten das ermutigende Schlusswort der Pfarrerin, die sich bei den Gottesdienstbesuchern bedankte, dass sie so lange ausgeharrt hätten. Doch viele davon unterhielten sich beim anschließenden Kirchenkaffee noch bis in die Nacht über die gesammelten Eindrücke. (Ute Germann-Gysen)

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