Seit 15 Jahren Einrichtung für straffällige Jugendliche

Trainingscamp Rhoden: Letzte Chance vor dem Knast

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Trainingscamp Rhoden: Stärken entdecken und das Leben ohne krumme Touren selbst gestalten lernen. Unser Bild zeigt Jugendliche mit dem Respekttrainer Horst Mathusek. 

Diemelstadt-Rhoden. 15 Jahre Höhen und Tiefen liegen hinter dem Trainingscamp für kriminell gewordene Jugendliche bei Rhoden. Ein wenig exotisch noch, doch etabliert bei den Jugendämtern und der Jugendgerichtshilfe.

Manche der Jugendlichen hätten in 15 Jahren so viel Mist gebaut wie die meisten übrigen Menschen in ihrem ganzen Leben nicht, fasst Andreas Böhle die Vorgeschichte der in der ehemaligen Waldarbeiterschule betreuten Jugendlichen zusammen. Böhle leitet als Geschäftsführer die vom ehemaligen Boxer und Streetworker Lothar Kannenberg gegründete Jugendhilfeeinrichtung. Von Wiederholungstätern, die zig Mopeds geklaut haben, bis hin zu Körperverletzung reiche die Palette der Straftaten, deretwegen die Jungs vor dem Kadi gelandet sind.

Doch sowohl die Jugendrichter als auch Sozialpädagogen verstehen die Jugendlichen nicht nur als Täter, sondern auch als das Ergebnis von Vernachlässigung durch Eltern, von Gewalt und Drogenkarrieren der Erzeuger, die bei den Jungs selbst zu Suchtverhalten führen. Die mindestens sechs Monate Trainingscamp bieten eine Chance für straffällig gewordene Jugendliche im Alter zwischen 13 und 19 Jahren, zu einem geregelten Leben ohne Verstöße gegen Recht und Gesetz zu finden.

Dort bekommen sie gleich nach der Aufnahme, einschließlich Leibesvisitation und ärztlicher Untersuchung, einen klaren Tagesplan mit festen Aufgaben an die Hand, an dem sie sich unbedingt orientieren müssen. Regelmäßige Mahlzeiten, an deren Zubereitung sich die Jugendlichen beteiligen müssen, dreimal am Tag Sport, Gesprächsrunden mit Lob und Tadel, gehören zu dem Pensum.

„Die Jugendlichen sind nicht von Natur aus böse oder unfähig, sich zum Besseren zu ändern“, sagt Böhle, der an einer Evaluation der Universität Kassel zu den Ergebnissen der Arbeit im Trainingscamp Rhoden beteiligt war. Soziales Verhalten, Mitgefühl oder die Suche nach Harmonie seien ihnen nicht fremd.

Nur müssten sie die Chance bekommen, genau dies in ihrem Leben zu verinnerlichen. In Rhoden lernen sie auch, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, jeder übernimmt eine Patenschaft für einen „Neuen“.

Das Leben in einer Gruppe von bis zu 20 Gleichaltrigen bietet einen Ansatz, soziales Verhalten einzuüben und Konflikte friedlich auszutragen. Dann wird es auch laut, müssen die Respekttrainer ihre Stimme erheben und harte Worte benutzen. Auch Körperhygiene und -pflege zählen zur Grundausbildung in der ehemaligen Waldarbeiterschule bei Rhoden. Jungen kommen mit eingewachsenen Zehennägeln oder kaputten Zähnen im Trainingscamp an.

Auch wenn der Trägerverein Durchboxen im Leben heißt, müssen die Jugendlichen nicht in den Ring treten, sondern stehen als Alternativen Tischtennis oder Laufen zur Auswahl, auch kreative Tätigkeiten sind angesagt,

Das Fitnesstraining stärkt den Körper, vermittelt den Jungs Erfolgsgefühle, wenn sie etwa bei einem Lauf mit einer Medaille belohnt werden. Erfahrungen, die die Jugendlichen bisher in ihrem Leben nicht gemacht haben.

Abgeschnitten von der Außenwelt, kein Handy, keine eigenen Musikquellen oder Spielkonsolen, sollen sich die Jugendlichen auf den geregelten Alltag im Camp konzentrieren.

Fernsehen ist nur in Gemeinschaft möglich. Lesen dürfen die Jungs allerdings auch. Manche nutzen die Möglichkeit, um sich alles von der Seele zu schreiben. Gefühle und Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die bislang kaum jemand interessierten.

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