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Erinnerung an weltberühmte Schriftstellerin Christine Brückner aus Schmillinghausen

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Die Schriftstellerin Christine Brückner, die im Dezember 1996 verstarb und auf dem Friedhof in Schmillinghausen beigesetzt wurde, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Rechts Otto Heinrich Kühner, ihr Ehemann starb kurz vor ihr.
Die Schriftstellerin Christine Brückner, die im Dezember 1996 verstarb und auf dem Friedhof in Schmillinghausen beigesetzt wurde, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Rechts Otto Heinrich Kühner, ihr Ehemann starb kurz vor ihr. © Archiv Volksbildungsring

Christine Brückner, die im Dezember 1996 verstarb und auf dem Friedhof in ihren Geburtsort Schmillinghausen beigesetzt wurde, wäre heute, am 10. Dezember, 100 Jahre alt geworden.

Bad Arolsen-Schmillinghausen – Der Volksbildungsring Bad Arolsen hatte in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde Schmillinghausen, der Stiftung Brückner-Kühner, Kassel, und der Christine-Brückner-Bücherei, Bad Arolsen, eine Gedenkveranstaltung in der Schmillinghäuser Kirche geplant. Die Kasseler Schauspielerin Sabine Wackernagel wollte Texte aus den Tischreden der Katharina Luther aus „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ vortragen, einem der erfolgreichsten Bücher aus der Feder von Christine Brückner.

Gedenkveranstaltung muss entfallen

Daraus wird nun nichts. Eine würdige Reminiszenz an die beliebte Autorin wäre unter den zurzeit herrschenden Hygienevorschriften nur unter erschwerten Bedingungen möglich gewesen.

Christine Brückner, bzw. Christine Emde, wie sie mit Geburtsnamen hieß, war schon früh mit dem Volksbildungsring verbunden. 1954, nachdem die bis dahin unbekannte Autorin und ehemalige Schülerin des Arolser Realgymnasiums beim Literaturwettbewerb des Bertelsmann-Verlages den ersten Preis für ihren Roman „Ehe die Spuren verwehen“ gewonnen hatte, las sie aus diesem Werk auf Einladung des Volksbildungsrings.

Das verschaffte ihr Ansehen

Renommiert als Schriftstellerin wurde sie durch ihre Poenichen-Saga: „Jauche und Levkojen/Nirgendwo ist Poenichen/Die Quints“, mit denen sie eine große Leserschaft begeisterte.

„Hat der Mensch Wurzeln?“, fragte Christine Brückner in ihrer Sammlung autobiografischer Texte, in denen die Pfarrerstochter immer wieder ihre Verbundenheit mit dem Waldecker Land und im Besonderen mit Kirche und Gemeinde Schmillinghausen betonte.

Lesung im Barockschloss

Eine Lesung aus diesen Texten hielt sie 1987 zusammen mit ihrem Ehemann Otto Heinrich Kühner im Arolser Residenzschloss.

Für die 6. Arolser Barockfestspiele 1991 schrieb die Dichterin anonym eine Spielszene, das Finale für das höfische Fest unter dem Titel: „Waldeckisches Divertimento“. Nach intensivem Quellenstudium zum Musikleben am Arolser Hof gestaltete sie die Fiktion, wie es gewesen wäre, wenn Mozart die Residenz besucht hätte.

Das gefiel dem Publikum

Natürlich endete die Szene damit, dass Mozart, der Realität entsprechend, nicht kommen sollte, aber den Initiatoren der Festspiele gefiel dieser Schluss nicht, und so gestalteten sie sehr zum Missfallen der Autorin den Schluss eigenmächtig um: Mozart fuhr in einer Kutsche auf den Schlosshof.

Dem Publikum jedoch gefiel dieser Gag, und Christine Brückner konnte später auch darüber lachen. 1993 machte das Ehepaar Brückner-Kühner dem Volksbildungsring, dem sie sich sehr verbunden fühlte, ein generöses Geschenk: eine Opernaufführung, um die klammen Kassen des Vereins zu füllen.

Das Ende

Das Werk „Desdemona und ihre Schwestern“ von Siegfried Matthus beruhte auf der Textgrundlage von Christine Brückners Erfolgserzählung „Wenn du geredet hättest, Desdemona“. Die Einnahmen kamen den nächsten Barockfestspielen zugute.

1996 starb Otto Heinrich Kühner und kurz darauf auch Christine Brückner, die beide in Schmillinghausen beerdigt wurden, auf dem Friedhof des Ortes, in dem Christine Brückner, geb. Emde, 1921 geboren wurde.

Die Wurzeln

Die Trauerfeier in der Schmillinghäuser Kirche wurde unter anderem mit der Orgel gestaltet, die Christine Brückner zu Lebzeiten ihrer Kirchengemeinde und „ihrer“ Kirche gespendet hatte.

„Dies Dorf (Schmillinghausen) ist mein Nährboden, dort ist mir Urvertrauen zugewachsen, das nur ein anderes Wort ist für Gottvertrauen ist“, sagte sie einmal. Dieses „Gottvertrauen“ zieht sich durch ihr gesamtes literarisches Werk und liegt begründet in ihrer waldeckischen Heimat, in die sie, die umtriebige und reiselustige Pfarrerstochter, immer wieder zurückkehrte.

Blick aus der Pfarrersfamilie

Christine Brückner ging es wohl ähnlich wie vielen Erwachsenen, die irgendwann mit anderen Augen auf ihre Wurzeln und ihre Kindheit zurückblicken, so kam es, dass ich als fünftes von sieben Pfarrerskindern die Schriftstellerin kennenlernen durfte, als sie den Platz ihrer Kindheit in Schmillinghausen aufsuchte.

Frau Brückner und ihr Ehemann Otto Heinrich Kühner standen irgendwann vor unserem alten Pfarrhaus in Schmillinghausen und suchten eine Klingel, die es in einem Haus mit sieben Kinder nicht geben muss, aber für Stadtmenschen wichtig ist.

Die Autorin im Pfarrhaus

Nach einem Moment der Vorstellung saßen die beiden Schriftsteller in unserem Wohnzimmer und tauschten sich redlich mit meinen Eltern aus. Frau Brückner war sichtlich begeistert, dass das ehemalige trostlose Dienstzimmer solch eine angenehme Atmosphäre bieten konnte, worauf mein Vater meinte, dass er als Pfarrer in erster Linie Seelsorger sei und es schon was ausmacht, wenn sich eine - vielleicht sogar verlorene - Seele wenigstens räumlich wohl fühlen würde.

Blick auf das Pfarrhaus und den Eingang zur Kirche von Schmillinghausen. Links ein Schild, das auf das Geburtshaus von Christine Brückner hinweist.
Blick auf das Pfarrhaus und den Eingang zur Kirche von Schmillinghausen. Links ein Schild, das auf das Geburtshaus von Christine Brückner hinweist. © Hartwig Decker

Ab diesem Tag war das Schriftstellerehepaar gerne zu Gast in unserem Hause, in dem sich beide sehr wohl fühlten. Waren es anfangs noch die Kindheitserinnerungen von Christine Brückner die sie gerne auffrischen und auch ihrem Ehemann zugänglich machen wollte, der ebenfalls als Pfarrerskind groß geworden war, indem sie alte Kindheitsorte aufsuchte, so war es später dann doch mehr.

Die Erinnerungen

Mal war es das Pfarrhaus in dem sie in jedem Zimmer irgendwelche Erinnerungen fand, mal die Kirche mit den in Sargform mit imposanten Deckengemälden, die eisernen Grabplatten im Eingangsbereich, die Kanzel direkt über dem Altar, der terrassenförmige urige Pfarrgarten mit Quell- und Sandsteineinfassung oder das Schöne an und um Schmillinghausen und seinen wunderschönen Waldtälern.

Was man aber auch spürte, war das gute Verhältnis von Christine Brückner zu meinen Eltern. Meine Mutter, die den Ehemann in der Gemeinde ehrenamtlich sehr engagiert unterstützte und so Emanzipation ins Dorf trug, als auch meinem Vater - dem Dorfpfarrer - in dem Christine Brückner eine Art Vaterfigur sah, obwohl er gut fünf Jahre jünger als sie war.

Die Spende

Heute würde man sagen „die Chemie stimmte“, sodass sich das Ehepaar Brückner Kühner entschloss, einen wichtigen Beitrag zur besseren Arbeit mit der Kirchengemeinde leisten zu wollen. Dieser eigene Beitrag sollte in Form einer Orgelspende für die alte Kirche erfolgen.

Irgendwann war die Orgel so weit, dass man die ersten Töne hören konnte. Zu dieser ersten Klangprobe wollte das Schriftstellerehepaar kommen. Im Vorfeld hatte der Kirchenvorstand ein Schild mit dem Hinweis auf das Geburtshaus von Christine Brückner anfertigen lassen.

Das Schild

Bei dem nächsten Besuch in Schmillinghausen stand Christine Brückner andächtig vor unserem Pfarrhaus und mein Vater bemerkte sofort, dass irgendwas nach Ansicht von Frau Brückner wohl nicht stimmte und fragte sie danach. Christine Brückner entgegnete, dass der Hinweis auf das Geburtshaus doch ohne Geburtsdatum nicht schlüssig sei und es doch mit auf das Schild gehören würde.

Mein Vater gab ihr nur soweit recht, indem er sagte: „Das ist normal üblich, wenn dann alle Daten vorliegen.“ Christine Brückner musste lächelnd zustimmen und meinte, dass sie dann gerne noch lange warten würde.

Orgel eingebaut

Bei einem weiteren Besuch stiegen wir die sehr steile Treppe im Kirchenturm hinauf und Christine Brückner schaute sich die Orgel an. Die neue Orgel gefiel ihr und sie schaute am Orgelprospekt ob sie dort unterhalb der Pfeifen nicht einen geeigneten Platz für ein kleines unauffälliges Schild finden würde. Es sollte nicht zu stark ins Auge fallen, aber durchaus von der Platzierung direkt freie Sicht auf den Altar haben, was mich etwas verwunderte, aber sie sagte: „Jeder ist so wie er ist.“

Wir fanden zusammen einen schönen Platz für ein gedachtes Schildchen und wollten die Kirche wieder verlassen. Kaum dass Frau Brückner die ersten Stufen der steilen Turmtreppe hinunter geschritten war, stolperte sie und war im Begriff hinunterzufallen. Zum Glück ging ich vor ihr und sie konnte sich im letzten Augenblick noch halten, sodass wir beide mit einem Schrecken davonkamen. Auf ihren Dank antwortete ich: „Frau Brückner, nun hätten wir beinahe die Daten für das Schild zusammen.“

Grotesker Humor

Frau Brückner war wegen dieser Worte zunächst pikiert und es dauerte noch eine Weile, bis sie mir vor der Kirche sagte, dass ich mit meiner Schlagfertigkeit einen Preis für grotesken Humor gewinnen könne…

Die Stadt Kassel und die Stiftung Brückner-Kühner laden am Freitag, 10. Dezember, ab 18 Uhr zu einem Abend mit „Ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“. Die Veranstaltung wird im Internet gestreamt:www.ungehalten.net oder www.brueckner-kuehner.de

Darüber hinaus wird hr2-kultur am 9. und 15. Januar einen Mitschnitt in zwei Teilen senden. ( Wilfried Schuppe / Hartwig Decker)

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