Hoffnungen auf spürbare sparsamere Bewirtschaftung am Edersee erneut schwer enttäuscht

Bouffiers Staatskanzlei rudert zurück: Edersee muss auch in Zukunft sehr viel Wasser an die Weser liefern

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Das Edersee-Glück der frühen Sommerferien 2018: Rasant wird Wasser aus dem See abgelassen, so dass die Kuppe der Hopfenberge (links oben im Bild) schon wieder zu sehen ist. Den Urlaub von Familien mit schulpflichtigen Kindern beeinträchtigt der Aderlass dieses Mal aber nicht, weil die Ferien früh begonnen haben und Anfang August enden.

Edersee. Die Talsperre gibt seit Wochen in rasendem Tempo Wasser ab: rund 2 Millionen Kubikmeter pro Tag.

Setzt in den nächsten Wochen kein Wetterumschwung mit anhaltendem Regen ein, enthält der Edersee zum Ende der hessischen Sommerferien Anfang August noch geschätzte 80 bis 90 Millionen Kubikmeter: 40 bis 45 Prozent seines Volumens.

Die gute Nachricht: Der Urlaubssaison 2018 schadet dieser Verlust nicht mehr. „Wir haben Glück, dass die hessischen Sommerferien in diesem Jahr so früh begonnen haben“, sagt Thomas Hennig, Segelschul-Inhaber am Rehbach. Nach seinem Eindruck stimmen auch die Übernachtungszahlen. Der Edertaler erwartet einen weiteren Schub an Urlaubern, wenn Ende dieser Woche die nordrhein-westfälischen Schulen ihre Pforten für sechs Wochen schließen. Das sonnige Wetter und der zu Saisonstart volle Edersee ziehen die Gäste an.

Weniger Nachbucher nach trockenem Edersee-Jahr 2017

Wegen der leeren Talsperre 2017 sei trotzdem deutlich weniger los in seiner Schule, schränkt Hennig ein: „Die Nachbucher kommen nicht wegen ihrer negativen Erfahrungen aus dem vorigen Jahr.“

Schlechter präsentiert sich die Aussicht ohnehin für den Wassersport, schildert Winfried Geisler auf Nachfrage. „Für unsere Regatten im August bräuchten wir um die 125 Millionen Kubikmeter Wasser im Edersee.“ Davon liegen die aktuellen Annahmen weit entfernt und so werden die Wettbewerbe aller Voraussicht nach, wie im vergangenen Jahr, abgesagt.

Der Vorsitzende des Regionalverbandes Eder-Diemel, der früheren Wassersportgemeinschaft, sieht auf mittlere bis lange Sicht düstere Zeiten für Wassersport und Tourismus am See aufziehen, wenn sich nicht endlich Entscheidendes an der Bewirtschaftung ändert. „Im Juni lag der Pegel bei Hannoversch-Münden oft bei 1,30 Meter statt der geltenden 1,20 Meter“, kritisiert er. So habe das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt über zwei Tage eine Welle für die Weser-Gäste-Schifffahrt abgegeben, weil deren flach gehendes Schiff repariert wurde und das zweite mehr Wasser unterm Kiel benötigt.

Ungenaues Computermodell erschwert Steuern der Talsperre

Jiri Cemus vom WSA bestätigt das: „Es handelte sich um ein Wochenende, kostete aber nur 600 000 Kubikmeter Wasser.“ Cemus räumt auch ein, dass der Flusspegel bei Hann. Münden im Juni insgesamt über längere Zeiten deutlich über den eigentlich angesteuerten 1,20 Meter bis 1,23 Meter lag. Ursache dafür sei die mangelnde Genauigkeit eines eingesetzten Computermodells, das man vom Land Hessen übernommen habe. „Es wurde entwickelt für den Hochwasserschutz, funktioniert aber bei niedrigen Wasserständen nicht gut genug“, erklärt Cemus.

Das WSA sei dabei, das Modell an trockene Verhältnisse anzupassen. Gleichwohl bleibe das Steuern der Talsperre ein technisch schwierige Aufgabe. Unzählige Faktoren nähmen Einfluss darauf, ob sich bei einer bestimmten Abgabe aus dem See tatsächlich der gewünschte Pegel an der Weser einstelle. Unwägbarkeiten ließen ihn häufig höher steigen oder tiefer sinken als berechnet.

Die Presseerklärung der Staatskanzlei:

Im Frühjahr schrieb Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier einen Brief ans Bundesverkehrsministerium. Er forderte,, den Tourismus am Edersee in die Talsperrenverordnung aufzunehmen – also das Gesetz so zu ändern, dass der Fremdenverkehr am See auf eine Stufe gestellt würde mit dem Weser-Wasserstand, dem Hochwasserschutz und der Energieerzeugung durch Wasserkraft als Bewirtschaftungsziele. 

Eine aktuelle Antwort der Staatskanzlei auf eine Anfrage dieser Zeitung erwähnt den damaligen Vorstoß Bouffiers mit keinem Wort mehr. Die vier zentralen Thesen darin: 

1. Die Mindestabgabe aus dem Edersee soll von 6 auf 4 Kubikmeter pro Sekunde sinken. Im günstigsten Fall bringt das eine Reserve von 10 bis 15 Millionen Kubikmeter pro Jahr – 5 bis 7 Prozent des Edersee-Volumens. Und: Am 18. Juli fährt laut WSA das Kraftwerk Affoldern Versuche, die unter anderem klären , ob die Laufräder bei 4 Kubikmetern pro Sekunde überhaupt noch Energie erzeugen. Falls nicht, steht selbst dieses Instrument für eine sparsamere Bewirtschaftung wieder massiv in Frage. 

2. Im Einvernehmen mit der regionalen Wirtschaft aus Nordhessen und Südniedersachsen solle erreicht werden, dass Schwertransporte auf der Weser nur in Zeiten mit ausreichendem Wasserangebot laufen, im Herbst und Winter. Nach Angaben von WSA-Chefin Katrin Urbitsch zielt das Amt seit Längerem darauf ab. Weil eine der betreffenden Firmen nicht mehr existiert, sind solche Wellen ohnehin seltener geworden. 

3. Der Pegel von 1,20 Meter in Hann. Münden werde nicht abgesenkt, schreibt die Staatskanzlei. Begründung: 1,20 Meter sicherten neben der Schifffahrt der Weser den dortigen Fährbetrieb und die Investitionen des Landes in den Tourismus in Bad Karlshafen ab. Wilfried Meyer, Chef der Edersee-Schifffahrt, verlangte zuletzt im Frühjahr, dauerhaft auf 1,15 Meter herunter zu fahren. 

4. „Die Triggerlinie soll auch künftig in trockenen Jahren Anwendung finden“, schreibt die Staatskanzlei und verweist auf positive Erfahrungen aus dem Jahr 2017 aus ihrer Sicht. 

Fazit: Volker Bouffier und die hessische Landesregierung unterstützen keine der Forderungen, die am Edersee für einen spürbar sparsameren Umgang mit dem Wasser über den gesamten Jahresverlauf erhoben wurden und werden. (su)

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