Bürgermeisterwahl in Edertal: Die beiden Kandidaten stellen sich den Fragen der Edertaler

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Sie stellten sich den Fragen der WLZ-Leser: Die beiden parteilosen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Edertal, Marco Mörschler (links) und Klaus Gier (rechts).

Affoldern. Am Sonntag wird in Edertal der Bürgermeister gewählt: Die Kandidaten Klaus Gier und Marco Mörschler diskutierten beim WLZ-Wahlforum in Affoldern über aktuelle Themen der Gemeinde.

In Edertal bewerben sich der amtierende Bürgermeister Klaus Gier (57/parteilos) und Marco Mörschler (46/parteilos), der vom SPD-Verbund Edertal unterstützt wird. 

Beim WLZ-Wahlforum in Affoldern nutzten rund 300 Edertaler die Gelegenheit die beiden Kandidaten und ihre Konzepte zu wichtigen Zukunftsfragen der Gemeinde kennenzulernen. Aus Zeitgründen konnten an diesem Abend nicht alle offenen Fragen beantwortet werden. Die Redaktion hat sie gesammelt und den Bewerbern vorgelegt – hier stehen ihre Antworten: 

Viele Bürger haben den Eindruck, dass Ortsbeiräte nur für Blumengießen und Straßenkehren zuständig sind. Wie wollen Sie dieses Ehrenamt attraktiver machen – oder sehen Sie es als überflüssiges Relikt an?

Marco Mörschler: Ortsbeiräte sind Herz und Seele jeder Dorfgemeinschaft! Dem Eindruck, sie seien lediglich billige Arbeitskräfte für die Gemeinde, muss entgegengetreten werden. Alles fängt mit Wahrnehmung, Würdigung und miteinander sprechen an. Gegebenenfalls sollten den Ortsbeiräten auch mehr Kompetenzen übertragen werden. Ich möchte sie noch deutlicher mit einbeziehen in die Prozesse und Entscheidungen in und über ihre Ortschaften.

Klaus Gier: Die Ortsbeiräte sowie intakte Ortsgemeinschaften sind keineswegs ein überflüssiges Relikt, sondern die Basis eines funktionierenden lokalen Gemeinwesens. In Edertal hat es Tradition und wird so in vielen Ortsteilen noch gelebt, dass die Ortsbeiräte und Ortsgemeinschaften sich gerne auch eingebracht haben, um das Ortsbild zu verschönern. Die Gemeinde unterstützt und würdigt die ehrenamtlichen Aktivitäten ausdrücklich.

In kleineren Orten fehlen Feuerwehren tagsüber Freiwillige. Sollten wir uns daher auf einsatzstarke Ortsteile konzentrieren oder auf eine Pflichtfeuerwehr? Welche Zukunft hat die Feuerwehr im Edertal?

Marco Mörschler: Pflichtfeuerwehr? Schon der Name eine Drohung! Dies gilt es zu verhindern, denn ein solches, wenngleich rechtlich vorgesehenes Bedarfskonstrukt führt die Idee einer ehrenamtlich engagierten und motivierten Wehr mit ihrem bunten Vereinsleben ad absurdum. Richtig ist, dass die Einsatzbereitschaft am Wochentag unter der Entwicklung der Arbeitswelt seit Jahren leidet. Hier sind alle gefordert: Die Wehren und die Gemeinde mit eindringlicher und positiver Werbung - auch und gerade um weiblichen Nachwuchs. Und die Arbeitgeber in der Gemeinde gehören mit ins Boot. Sie müssen um Freistellung ihrer Mitarbeiter im Alarmfall gebeten werden. Die Verwaltung sollte hier als gutes Beispiel vorangehen. Aber wenn alle Bemühungen scheitern, müssen wir gemeinsam über intelligente Lösungen diskutieren, die auch Zusammenlegungen von Einsatzeinheiten bedeuten könnten. Nicht aus Gründen der Kosteneinsparung. Sondern aus Gründen der Sicherheit für unsere Bürgerinnen und Bürger. Denn diese ist für mich das höchste Gut!

Klaus Gier: Im Rahmen der Hilfefrist wurden und werden die Stützpunkte in Bergheim-Giflitz und Hemfurth baulich bzw. fahrzeugtechnisch aufgewertet. Durch die dortige Tageseinsatzbereitschaft gewährleisten wir die gesetzlichen Hilfsfristen in den nicht so breit aufgestellten Orten. Eine Pflichtfeuerwehr ist nicht finanzierbar. Zudem sind neben den Einsatzabteilungen die Feuerwehren wichtige Pfeiler der Ortsgemeinschaft und der Jugendarbeit, Änderungen können nur aus den Orten selber kommen.

Welche Einstellung haben Sie zur Straßenbeitragssatzung: Sollen die Beiträge abgeschafft werden?

Marco Mörschler: Der Straßenbeitrag kann Existenzen ruinieren. Ich bin für die Abschaffung der einmaligen Beiträge, die bei bestehender Satzung durchaus erhebliche fünfstellige Summen bedeuten können. Hier ist jedoch Bewegung auf Landesebene sichtbar. Nur dort können die Weichen gestellt werden. Wünschenswert wäre ein Verkehrsausgleich durch das Land an die Kommunen, der eine Erhebung der Kosten bei den Bürgern unnötig macht. Baden Württemberg praktiziert dies seit langem. Sollte die „große“ Politik sich nicht bewegen, muss über Lastenverteilungen diskutiert werden: zeitlich über viele Jahre gestreckt, umgelegt auf alle Bürger. Sonder- und Fristenregelungen für gerade erst zur Kasse gebetene Bürger sind zu beachten.

Klaus Gier: Der Landesgesetzgeber lässt die Gemeinden leider mit der Fragestellung allein, wie die notwendigen Ausgaben für Straßenerneuerungen zu finanzieren sind. Die Alternativen zu den Beiträgen haben Vor- und Nachteile. Die Entscheidung trifft letztendlich die Gemeindevertretung. Hier halte ich eine Informationsveranstaltung für interessierte Bürger für sinnvoll, so wie das bei der Gebührenerhöhung für Wasser und Abwasser auch geschehen ist.

Was halten Sie davon, in Affoldern einen P+R-Parkplatz mit Elektro-Bus-Shuttleservice Richtung Edersee einzurichten? Das würde gleichzeitig die Edersee-Randstraße vom motorisierten Verkehr befreien.

Marco Mörschler: Verkehrskonzept: ein Bereich, der sorgfältig aber entschlossen und mutig in Abstimmung mit den Nachbarkommunen angepackt werden muss! Die Einrichtung eines Shuttle-Services, am besten tatsächlich gleich elektromobilisiert, wäre eine gute, allerdings nur eine flankierende Maßnahme. Ein solcher sollte unternehmerisch betrieben werden, muss also Gewinne abwerfen. Aufgrund der hohen Individualisierung und Flexibilisierung gerade des Freizeitverkehrs - ein jeder prüfe sich da mal ganz ehrlich selbst -werden leider wohl nur wenige davon freiwillig Gebrauch machen. Für eine breite Nutzung müsste die Randstraße gesperrt werden, ich bin aber kein Freund von rigorosem Beschneiden individueller Freiheiten. Außerdem müsste eine gewaltige Parkfläche erschaffen werden, die weder vorhanden noch wünschenswert ist.

Klaus Gier: Für einen Shuttleservice in diesem Umfang müssten auch erst zusätzliche Parkplätze hergestellt werden. Außerdem würde es die Verkehrsbelastung in den anderen Orten nicht lösen. Leider wollen viele Besucher am liebsten bis direkt vor die Attraktion fahren. Von dem vor etlichen Jahren bereits erstellten Verkehrskonzept wurden alle umsetzbaren Punkte bereits umgesetzt, der Rest scheitert an unseren bekannten Nadelöhren. Dennoch denke ich, dass mit professioneller Hilfe die Gesamtsituation für alle Edertaler Orte neu bewertet werden sollte.

Wie stehen Sie zur Landwirtschaft? Hypothetisches Beispiel: Es gibt nur noch sechs Schweinehalter in der Großgemeinde. Wie würden Sie es begleiten, wenn ein solcher Halter 2500 neue Schweinemastplätze einrichten wollte?

Marco Mörschler: Ich stehe einer maximal industrialisierten Landwirtschaft kritisch gegenüber. Eine solche Anlage ginge über den Einflussbereich der Gemeinde hinaus, hier sind Kreis und RP zuständig, das Bundesimmissionsschutzgesetz gibt Grenzen und Machbarkeit vor. Nur noch sechs Schweinehalter in der Gemeinde? Da muss es uns und der gesamten Gesellschaft vielmehr daran gelegen sein, zusammen mit den heimischen Landwirten Wege zu finden, eine auf breiter Front anerkannte und trotzdem unternehmerisch lohnende Landwirtschaft in Familienbetrieben zu betreiben. Dies dient allen: den Tieren selbst, der Umwelt im Ganzen und der des Edertals im Besonderen, den heimischen Bauern und somit der Wirtschaft und letztlich jedem einzelnen Menschen als Konsumenten.

Klaus Gier: Ich würde die Ortsgemeinschaft mit dem Schweinehalter und der Gemeinde an einen Tisch bringen, um eine gemeinsame, tragfähige Lösung zu erarbeiten. Ziel wäre dabei, einen Interessenausgleich zu suchen zwischen dem wirtschaftlichem Interesse des Halters, den nachbarschaftlichen Interessen der Ortsgemeinschaft sowie der Belange der Ökologie und des Tierwohls.

Was halten Sie von dem Vorschlag, in Zusammenarbeit mit den übrigen Anrainerkommunen des Edersees auf eine Abstimmung der Gastronomiebetriebe hinsichtlich ihrer Ruhetage hinzuwirken?

Marco Mörschler: Das erscheint mir sehr sinnvoll und auch mit wenig Aufwand machbar zu sein. Eine Verteilung der Ruhetage dient dem Einkehr suchenden Urlauber dabei ebenso wie den Gastronomen, die von einer gleichmäßigeren Auslastung profitieren. Die technische Koordinierung der Öffnungszeiten sollte jedoch nicht durch die Gemeinde vorgenommen werden. Hier sind die Fremdenverkehrsunternehmen und die Gastronomen primär selbst zuständig. Ich befürworte aber jede Maßnahme, die für eine Verbesserung der Situation für den Gast sorgt und damit die Ferienregion Edersee aufwertet.

Klaus Gier: Ich sehe bezüglich der Abstimmung von Ruhetagen in der Gastronomie vorrangig die Betriebe vor Ort in der Pflicht, es hat ja früher auch im Rehbach geklappt, dass man sich ohne gegenseitigen Neid abspricht. Die Gemeinde oder die Edersee Touristic ist gerne Vermittler, den Willen der Akteure vor Ort vorausgesetzt.

Was halten Sie davon, sich mit der Gemeinde selbst an der nordhessischen Servicekarte „Meine Card plus“ zu beteiligen, um die Attraktivität der Region für Urlaubsgäste zu steigern?

Marco Mörschler: Es ist grundsätzlich eine gute Idee, das Edertal touristisch bekannter zu machen und zu bewerben. Allerdings ist der Edersee als Erlebnisregion bereits bei der Aktion „Meine Card plus“ vertreten. Mit dieser statten teilnehmende Gastgeber ihre Gäste aus, denen dann Eintrittsermäßigungen für touristische Attraktionen und kostenlose ÖPNV- Nutzung ermöglicht werden. Eben diese ist gerade im Bezug auf Wanderer und Radfahrer sinnvoll. Fraglich ist, welche Betriebe und touristische Einrichtungen aus dem Edertal selbst sich hier noch beteiligen könnten. Wildpark und Staumauer sind bereits vertreten.

Klaus Gier: Üblicherweise werden solche Gästekarten in anderen Ferienregionen durch die Leistungserbringer vor Ort an die Gäste/Kunden gebracht und die Finanzierung durch einen Aufschlag finanziert. Ich sehe hier nicht vorrangig die Gemeinde in der Pflicht.

Was passiert aus dem Schloss in Bergheim, unabhängig vom aktuellen Besitzstand? Das ist doch ein Pfund, mit dem die Gemeinde arbeiten kann.

Marco Mörschler: Das sehe ich als „alter“ Bergheimer ebenso. Leider sind alle Versuche, das Schloss aus seinem Dornröschenschlaf wach zu küssen, gescheitert. Und dies aufgrund von kaum überschaubaren Kosten und Hürden vermutlich nicht ohne Grund. Bevor aber eine Totalverwahrlosung eintritt, möchte ich auf die Suche nach Investoren gehen und maximale Fördermöglichkeiten eruieren. Ich sehe Verwendungsmöglichkeiten als gehobene Hotellerie und Gastronomie oder Bildungs- beziehungsweise Tagungsstätte.

Klaus Gier: In den vergangenen Jahren wurden von verschiedener Seite und Beteiligung der Gemeinde versucht, für das Bergheimer Schloss einen Investor und geeignete Nutzungsmöglichkeit zu finden. Erst seit wenigen Wochen gibt es einen neuen Eigentümer, und es wurde bereits ein Vororttermin vereinbart, um über die Entwicklungsmöglichkeit des Schlosses zu sprechen und die unterstützende Rolle der Gemeinde Edertal zu definieren.

Wie kann man Veranstaltungstermine im Edertal besser vereinbaren? Was halten Sie davon, eine Sportler- oder Ehrenamtsehrung einzuführen?

Marco Mörschler: Dass mehrere Veranstaltungen in den verschiedenen Ortsteilen am gleichen Tag stattfinden, lässt sich gerade in den Sommermonaten gewiss nicht immer verhindern. Aber eine bessere Koordinierung der Termine untereinander mit einem zentralen Ansprechpartner bei der Gemeinde ist sowohl möglich als auch wünschenswert. Ehrungen von Sportlern, ehrenamtlich engagierten Bürgern sowie anderen Menschen, die sich um die Geschicke der Gemeinde beziehungsweise der Ortsteile verdient gemacht haben, ist eine tolle Möglichkeit, diese Personen und ihre Leistungen zu würdigen und zugleich die Gemeinde positiv darzustellen. Solche Ehrungen werden durch andere Städte und Gemeinden bereits erfolgreich durchgeführt. Sie führen zu Motivation der Einzelnen und Identifikation mit der Gemeinde.

Klaus Gier: Rechtzeitig vor Jahresbeginn tauscht die Gemeinde die Meldungen der Vereine und Ortsgemeinschaften sowie den Nachbarkommunen aus. Allerdings lassen sich aufgrund der Vielzahl der Veranstaltungen in der Region Überschneidungen nicht immer verhindern. Im Rahmen unserer neuen Webseite arbeiten wir aber bereits an Lösungen für die Ortsteile. Eine Sportlerehrung ist eine gute Idee, sollte aber verbunden mit anderen Ehrungen herausragender Leistungen - wie zum Beispiel Landessieger Feuerwehren, Schulwettbewerb und so weiter - oder besonderen ehrenamtlichen Engagement verbunden werden.

Das Ausweisen von Bauareal ist in Kerngebieten günstiger als in Ortsrandlagen, wo höhere Kosten für kommunale Versorgung anfallen. Sollte die Gemeinde dies mehr in den Fokus stellen? Wie stehen Sie dazu?

Marco Mörschler: Ich bin für eine Ausgewogenheit von Bebauungen in Ortskern- und Ortsrandlagen. Zunächst müssen wir die zu bebauenden Flächen in den Ortskernen definieren und erfassen, um sie dann aktiv und zugeschnitten auf die individuellen Ansprüche der Suchenden bewerben zu können. Der fortschreitenden Zerklüftung der Ortschaften sollte entgegengewirkt werden. Jedoch kann ich verstehen, dass gerade Familien mit Kindern eine ähnliche Nachbarschaft suchen - diese finden sie eher in Neubaugebieten.

Klaus Gier: Bei der Weiterentwicklung der bebaubaren Flächen sind gleich mehrere Kriterien maßgeblich. Allein wegen der Nachfrage aber sind größere Baufelder an den größeren Orten in Edertal anzustreben. Unabhängig davon sollte allerdings auch das Ziel sein, in allen Orten im gewissen Umfang Baumöglichkeiten anzubieten. Sofern die vorhandene Infrastruktur noch ausreichend ist, sind solche Grundstücke nicht von vornherein unwirtschaftlicher. Im Idealfall würden erst Leerstände im Ort gefüllt werden, in der Praxis scheuen sich aber viele Familien vor den meist nötigen Sanierungen.

Bildergalerie vom WLZ-Wahlforum mit  Edertaler Bürgermeisterkandidaten 

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