Psychiaterin im Prozess um versuchten Totschlag mit Segelwerkzeug

Nachbarn fast getötet: Angeklagter aus Edertal sah sich stets als Opfer und stach zu

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Am Landgericht Kassel sagte die sachverständige Psychiaterin im Spleißdorn-Prozess aus.

„Er fühlt sich seit 20 Jahren als Opfer, dem von seinen Nachbarn ständig Unrecht geschieht. Er kann nicht mal zurücktreten und sich in die Situation der anderen versetzen.“

  • Psychiaterin gibt Gutachten ab im Prozess wegen versuchten Totschlags gegen 66-jährigen Wahl-Edertaler
  • 2015 stach er seinem Nachbarn im Streit mit einem Segelwerkzeug in den Bauch
  • Laut Gutachten schränkten 3,62 Promille Blutalkohol die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit zwar ein, hoben seine Steuerungsfähigkeit aber nicht auf

Edertal/Kassel - Mit diesen Worten beschrieb die Psychiaterin Birgitt von Hecker, Leiterin der Klinik für forensische Psychiatrie in Bad Emstal, vor dem Landgericht den 66-jährigen Angeklagten, der im September 2015 seinen heute 40-jährigen Nachbarn in einem Edertaler Ortsteil mit einem Stich in den Bauch fast getötet hatte.

Zur Tatzeit hatte der Rentner bis zu 3,62 Promille Alkohol im Blut. Dadurch sei seine Steuerungsfähigkeit zwar eingeschränkt, aber nicht aufgehoben gewesen, so von Hecker. Dies werde auch daran deutlich, dass er wenig später mit den Polizisten ruhig habe sprechen können und sich ihnen gegenüber angemessen verhalten habe. Der Mann muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten.

Angeklagter lebt seit 20 Jahren in Edertal

Er wurde 1953 in Sachsen-Anhalt geboren und hatte bis zum Alter von 16 die Schule besucht. Er war bei den Jungen Pionieren und der Volksarmee der DDR und arbeitete dann im Bergbau unter Tage.

Aus zwei Ehen hat er zwei Kinder. 1989 siedelte er mit Frau und Kind nach Bad Wildungen über. Vor 20 Jahren kaufte sich die Familie das Haus in Edertal.

Dort gab es praktisch von Anfang Streit. Nachdem sich die Mutter mit den Nachbarn ausgetauscht hatte, vermutete der Angeklagte darin eine Art Komplott gegen sich.

Keine Persönlichkeitsstörung, keine psychische Erkrankung

Die Gutachterin sah bei dem 66-Jährigen keine Persönlichkeitsstörung und auch keine psychische Erkrankung. Allerdings habe er eine Neigung zur Rechthaberei, sei misstrauisch und sehe sich stets als schuldloses Opfer.

Trotz des hohen Alkoholgehaltes im Blut sei er zur Tatzeit im September 2015 zwar berauscht, aber nicht „sinnlos betrunken“ gewesen, was auf eine gewisse Alkoholgewöhnung schließen lasse. Eine Sucht liege allerdings nicht vor.

Nichtiger Streitanlass mündet in Anklage auf versuchten Totschlag

Der Streitpunkt, an dem sich das blutige Geschehen entzündete, war denkbar gering: Der Angeklagte hatte das Gras in der gemeinsam genutzten Garageneinfahrt geschnitten und es über den Zaun in den Garten eines Nachbarn geworfen. Dann feuerte er mit einer Schreckschusswaffe in die Luft und zielte auf die Kinder eines anderen Nachbarn.

Als der ihn später zur Rede stellte und zu Boden schubste, holte der Rentner nach einem Gerangel aus seinem Wagen einen sogenannten Spleißdorn und rammte ihn dem Nebenkläger in den Bauch. Der überlebte nach eine Notoperation. Das Verfahren vor dem Landgericht geht am Freitag mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Nebenklage weiter, am 24. Januar soll es enden. Von Thomas Stier

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