In der Affolderner Kirche:

Gedenk-Andacht zur Bombardierung der Edertalsperre - in Würde und Stille

Das Denkmal am Affolderner DGH für die Opfer der Sperrmauerbombardierung: Im Hintergrund die Kirche, in der die Gedenkfeier am späten Donnerstagnachmittag stattfand. Foto: Schuldt

Affoldern. Plötzlich ist es, als säßen sie neben einem selbst in der Kirchenbank: die Menschen, die nach der Bombardierung der Sperrmauer am frühen 17. Mai 1943 in der Flutwelle starben.

Pfarrer Klemens Blum liest beim Gedenkgottesdienst in der Affolderner Kirche jeden einzelnen der mehr als 40 Namen vor und fügt das Alter und das Dorf hinzu: 71 Jahre, 58 Jahre oder 34 Jahre. Giflitz, Affoldern, Hemfurth...

Die unvollendeten Leben

Unvollendet gebliebene Leben. Kinder oder Enkelkinder fragen sich bis heute, was ihnen ihre umgekommenen Eltern, ihre Großeltern im Leben wohl noch mit auf den Weg gegeben hätten. Welchen unschätzbaren Wert weitere, gemeinsam verbrachte Zeit noch hätte haben können.

10 Jahre, 7 Jahre, 4 Jahre, 1 Jahr. Unter den Opfern so viele Leben am Beginn; sie erhielten keine Chance, eigene Familien zu gründen, die sich heute an sie erinnern. „Wer nie einen Krieg erlebt hat und ihn heraufbeschwört, weiß nicht, was er anrichtet“, sagt Bürgermeister Klaus Gier vor der Gemeinde. 75 Jahre – in Dimensionen der Geschichte eine kleine Zeitspanne.

Der Schatten

„Diesen Schatten werden wir nicht los und mögen ihn nicht loswerden“, mahnt Pfarrer Blum in seiner Predigt, „denn man war hier so verblendet wie die Deutschen im übrigen Land. Das Gift des Antisemitismus saß tief in den Herzen der Menschen.“ Als die Flugzeuge die Sperrmauer anflogen, waren die Menschenrechte seit zehn Jahren in Deutschland geschändet worden, bekräftigt Blum. Er erinnert an die 24 Edertaler Juden, die da bereits in den Vernichtungslagern ermordet worden waren. Und an die mehr als 50 zumeist jungen alliierten Soldaten, die im Kampf gegen das Unrecht bei dem Angriff auf die Sperrmauer fielen.

Ein zweites Mal Opfer

Die Todesopfer in den Edertaler Dörfern und weiter flussabwärts; sie zahlten den höchsten, erdenklichen Preis für den Angriffskrieg und die Verbrechen Nazi-Deutschlands – und wurden wenige Tage nach der Schreckensnacht vom Regime instrumentalisiert, ein zweites Mal zu Opfern. Blum liest aus einer Bekanntmachung von damals vor: „Sie gaben ihr Leben für Deutschland hin. In grimmiger Entschlossenheit werden wir dem Feind dieses Verbrechen nicht vergessen.“ Doch 1943 habe vielen Deutschen wohl gedämmert, wohin sie das menschenverachtende Tun im „tausendjährigen Reich“ führen würde.

Das schreckliche Tun

„Wir gedenken, weil wir begreifen, dass so schreckliches Handeln zu unseren Möglichkeiten zählt und wir alles tun müssen, um ihm zu widerstehen“, unterstreicht Klemens Blum: Der Schatten von damals „macht uns zu Freunden der freien Völker und Anwälten der Menschenrechte.“ Aus dem Schatten heraus sei das Grundgesetz entstanden, „das für alle Menschen gilt. Ohne Ausnahme.“

Die Kirche und die Aufgabe

Die Hoffnung und Verpflichtung, aus der Geschichte gelernt zu haben, spiegelt sich in der Affolderner Kirche. „Die Nazis wollten die Edertaler Bevölkerung nach der Flutkatastrophe umsiedeln, doch die Menschen entschlossen sich, hier zu bleiben“, erinnert Klaus Gier.

Und sie bauten aus den alten Steinen die zerstörte Affolderner Kirche nach dem Krieg wieder auf. Die Kirche, die für den christlichen Glauben und so entgegen der Menschenverachtung steht.

Das bekräftigt Blum, bevor die Gemeinde zum Ende des Gottesdienstes an der Mahntafel von 1961 vor dem Kirchenportal aller Todesopfer des 17. Mai 1943 gedenkt. In Stille.

Justizministerin Kühne-Hörmann "sehr berührt"

Nach der flaggenreichen Veranstaltung auf dem Sperrmauervorplatz am Vormittag, unter anderem mit ausführlichem Vortrag über die militärischen und technischen Einzelheiten der Sperrmauerbombardierung, erlebte Justizministerin Eva Kühne-Hörmann in der Affolderner Kirche einen „Gottesdienst, der mich sehr berührt.“ Das unterstrich sie in ihrer zweiten Rede in Edertal an diesem Jahrestag. Die Erinnerung an die Willkür- und Schreckensherrschaft der Nazi-Zeit bleibe eine zentrale Aufgabe der Landesregierung. Die Ministerin verwies auf die besondere Rolle Hessens bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer betrieb die Auschwitz-Prozesse, die 1963 begannen. „In Hessen absolviert jeder Richter und Staatsanwalt bis heute zum Einstieg eine Fortbildung dazu“, sagte Kühne-Hörmann.

Von Matthias Schuldt

Eine damals sechsjährige Zeitzeugin erinnert sich:

Eleonore Benninghoven, geborene Dietz, lebt in Burlington/USA. Als sechsjährige Giflitzerin durchlitt sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester die Nacht, in der die Sperrmauer brach, und schildert ihre Erinnerungen in einem Brief an die Redaktion. 

Hier Auszüge: „In jener Nacht wurden wir jäh durch laute Rufe „Wasser! Wasser!“ aus dem Schlaf gerissen. Jemand klopfte laut an unsere Wohnungstür: „Frau Dietz, die Sperrmauer ist getroffen.“ Selbst ich als kleines Kind wusste schon, dass dieses nichts Gutes bedeuten konnte, hatte sich doch die Aufregung des ganzen Kriegsgeschehens auch in unserer Gemeinde eingefunden. Hastig versuchten wir uns anzuziehen, meine Schuhe trug ich in der Hand, als wir runter auf die Straße eilten. 

Tosende Flutwelle in mondheller Nacht

In der mondhellen Nacht konnten wir das Tosen und Rauschen der Flutwelle hören. An der Hand meiner Mutter, die meine kleine Schwester auf dem Arm trug, versuchten wir unseren Weg zum Bahnhofsgebäude einzuschlagen, dieses war jedoch zugeschlossen... als eine große Welle auf uns zuraste, fühlte ich mich hochgehoben und von der Gewalt der Strömung mitgetragen, aber es gelang meiner Mutter, mich gerade noch am Arm der Macht der Welle zu entreißen. Was nun? Wohin? Einer von den an der Bahnhofstraße stehenden Bäumen schien die einzige Hoffnung. Meine Mutter half einem Ehepaar und uns Kindern, auf den Baum zu steigen. Sie war die letzte, die sich in die Astgabel des Apfelbaumes retten konnte. 

Schrei des Entsetzens

Zwei ältere Damen, die aus Platzmangel auf dem Baum keine Zuflucht mehr finden konnten, suchten sich und ihren Hund auf einen Holzstoß zu retten. Nie werde ich ihren Schrei des Entsetzens vergessen, als der mit einer Kette gebündelte Holzstoß mit ihnen in den Fluten verschwand. Die Wassermassen schwemmten aus dem Sägewerk Paul eine Menge großer Stämme gegen unseren Baum, der unter dem Druck des Wassers und der Stämme sich hin und her bog und knarrte, ächzte, stöhnte. Aber er hielt stand, während alle sich in dieser Reihe befindenden Bäume von der Gewalt der Fluten entwurzelt und weggerissen wurden. Eine der längsten Nächte meines Lebens. Vier bis fünf Stunden lang in einer Astgabel auf je nur einem mit Socken bekleideten Fuß zu stehen (die Schuhe hatte ich verloren), war eine äußerst unbequeme Prozedur. Dazu kamen die Todesangst und der surreale, im hellen Mondlicht gespenstische Anblick der tosenden, wogenden Fluten. 

Weshalb blieb dieser eine Baum stehen?

Am Morgen, nachdem sich der Flutspiegel gesenkt hatte, hörten wir Stimmen vom Bahnhof, so wie ich mich erinnern kann, Leute einer Pioniereinheit, wahrscheinlich aus Kassel. Um uns herum bot sich ein Anblick haarsträubender Verwüstung, aufgedunsene Viehkadaver, Balken, angeschwemmte Kiesmengen...im Licht des Tages wurden wir gewahr, dass die Wurzeln des Baumes, auf dem wir die Stunden Grauens verbrachten, von der Strömung unterhöhlt waren. So erscheint es mir heute noch wie ein Wunder, dass es gerade unser Baum war, der stehen blieb... Dieser Krieg war der Krieg, der alle Kriege beenden sollte, doch heute müssen wir uns wieder fragen, was ist geschehen?“

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