Keine Vorab-Info an langjährige Bewohner

Häuser feil geboten: Gemeinde Edertal verärgert ihre Mieter

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Idyllisch gelegen: die Forsthausstraße 7. Doch nach Idylle ist den Mietern dort gerade nicht zumute.

Seit Jahrzehnten wohnen sie in Häusern der Gemeinde: Nun sind die Bewohner verunsichert, weil die Kommune Edertal ohne Vorab-Info zwei ihrer Häuser zum Verkauf anbietet.

  • Bis zum 3. Februar können Interessenten  Angebote für zwei gemeindeeigene Häuser in Hemfurth-Edersee abgeben: für Kauf oder Erbpacht
  • Die Gemeinde Edertal bietet die zwei Immobilien seit dem 10. Januar auf ihrer Homepage an
  • Insgesamt sind sieben Wohnungen in dem ehemaligen Feuerwehrhaus Edersee (Lerchenweg 2) und dem Mehrfamilienhaus in Hemfurth (Forsthausstraße 7) unbefristet vermietet
  • Die Mieter wurden von der Gemeinde nicht vorab über die Verkaufsanzeigen informiert. Sie reagieren verunsichert und verärgert.
  • Betroffen sind auch ältere Mieter und auch Mieter mit geringen Einkommen

Edertal – „Plötzlich liefen Leute hinterm Haus herum und schauten sich alles an“, erzählt der Edertaler. Seit Jahrzehnten lebt er in einer Wohnung über der ehemaligen Hemfurther Feuerwehrgarage. Ein Herr, der die Immobilie besichtigte, plauderte von Plänen, Oldtimer und ein Segelboot dort unterzubringen und sich das Untergeschoss zur Wohnung auszubauen. Erst auf diese kuriose Weise erfuhr der verdutzte, langjährige Bewohner, dass die Gemeinde als seine Vermieterin das Haus auf ihrer Homepage zum Verkauf oder zur langfristigen Erbpacht anbietet. Seit 10. Januar und noch bis zum 3. Februar. „Uns hat keiner informiert“, erklärt der Mieter.

Seit den 1960 Jahren leben einige Mieter in den zwei Häusern der Gemeinde Edertal

Nicht nur ihm und den übrigen Bewohnern im „Lerchenweg 2“ erging es so. In gleicher Weise wurden Menschen kalt erwischt, die im gemeindeeigenen Mehrfamilienhaus in der Forsthausstraße 7 wohnen Auch sie bekamen nur durch Zufall und die sprichwörtlichen Buschtrommeln mit, dass die Immobilie zum Kauf oder zur langfristigen Pacht bereit steht. „Wo sollen wir denn hin?“ So lauten Fragen von Betroffenen. Teils leben die Mietparteien seit dem Bau der zwei Häuser in ihren Wohnungen.

Günstige Mieten, für kleine Renten erschwinglich

Die Mieten sind vergleichsweise günstig. Zum größten Teil befinden sich die Bewohnerinnen und Bewohner seit Langem im Ruhestand. Teils müssen sie mit kleinen Renten klar kommen. Mit ihren Sozialkontakten sind sie großteils tief verwurzelt im Dorf. Andere zog es wegen der Nähe zu den erwachsenen Kindern hierher.

Wie aus heiterem Himmel stehen sie in Gedanken vor Problemen, die landläufig vorwiegend den Ballungsräumen zugeordnet werden: das Verschwinden erschwinglichen Wohnraumes, das Sanieren von kostengünstigen Wohnungen mit der Folge, dass die Mieten im Anschluss angehoben werden und die finanziellen Möglichkeiten der bisherigen Mieter übersteigen.

Im Zuge der Gerüchte und dann der WLZ-Recherchen zum Thema nahmen etliche Betroffene den Bürgermeister ins Gebet. Klaus Gier versucht, ihnen die Sorgen zu nehmen:

Gemeinde Edertal verlangt von Käufern der Häuser ein Konzept

„Der Gemeindevorstand will erst mal nur herausfinden, ob überhaupt Interesse an den Gebäuden besteht.“ Mit Blick auf die Forsthausstraße 7 ist für den Rathauschef klar, „dass es ein Mietshaus bleiben soll.“ Viele Anfragen zu der Immobilie seien eingegangen, „aber wir wollen es nicht einfach zum besten Preis verkaufen, sondern erwarten ein gutes, passendes Konzept.“

Seniorengerechtes Wohnen als Idee für ein Mietshaus

Gier schwebt seniorengerechtes Wohnen vor, was beispielsweise den Einbau eines Fahrstuhls beinhalten könnte. Von möglichen Interessenten wolle der Gemeindevorstand Referenzobjekte und Belege für ihre Finanzkraft sehen. Element eines möglichen Handels könne nach Giers Ansicht ein Bestandsschutz für die Mieter der Forsthausstraße 7 sein.

Die Gemeinde habe eine der Wohnungen im Haus modernisiert. Um alle auf einen aktuellen Stand zu bringen, seien geschätzte 300 000 Euro erforderlich. Zu viel für Edertal, ist Gier überzeugt.

Einen eher noch höheren Aufwand würde die Sanierung des früheren Feuerwehrhauses der Gemeinde abverlangen – oder einem möglichen Käufer. Darum eröffnet die Gemeinde in ihrer Anzeige auf der eigenen Homepage für den „Lerchenweg 2“ die Möglichkeit des Abrisses, anders als in der Forsthausstraße. Und sie hält eine gewerbliche Nutzung mit Laden oder Werkstatt für denkbar.

Gemeinde Edertal will Markt für die Mietshäuser erkunden

Die Verkaufsangebote der Gemeinde Edertal auf deren Homepage bedeuten rechtlich und politisch zunächst nicht mehr als ein Sondieren des Marktes. Denn um die kommunalen Immobilien veräußern zu dürfen, braucht der Gemeindevorstand die Zustimmung der Mehrheit der Gemeindevertreterversammlung. Viele Abgeordneten werden die langjährigen Mieterinnen und Mieter seit ewigen Zeiten kennen. Verkaufen und den Betreffenden mir nichts, dir nichts das Zuhause zu nehmen: Ein solches Ansinnen würde großen Unmut hervor rufen, nicht zuletzt im Dorf. Dessen ist sich auch Klaus Gier bewusst.

Kauf, Pacht, Abriss: alles ist im Lerchenweg möglich.

Das alte Feuerwehrhaus im Lerchenweg 2 des Ortsteils Edersee wurde laut Angebot 1964 erbaut. Das Erdgeschoss besteht aus der alten Garage und einem dazugehörigen Nebenraum. Außerdem finden sich im Gebäude sechs Wohnungen auf insgesamt 312 Quadratmetern. Vier der Wohnungen sind unbefristet vermietet. Auf dem Grundstück von 2549 Quadratmetern liegt ein Kinderspielplatz, der abgetrennt und gegebenenfalls im Besitz der Gemeinde bleiben könnte. Die Forsthausstraße 7 wurde 1969 fertig. Das Haus stellt fünf Wohnungen auf summasummarum 296 Quadratmetern zur Verfügung. Drei davon sind unbefristet vermietet. Das Grundstück umfasst 910 Quadratmeter

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