Elena Jahn entging nur knapp dem Tod

Kampf zurück ins Leben: 26-jährige Bergheimerin erlitt Lungenembolie

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Vor der Erkrankung: Elena Jahn. Sie ist sportlich, spricht mehrere Sprachen und ist ein großer Tim-Bendzko-Fan.

Spangenberg. Neuanfang. Ein Wort mit einer besonderen Bedeutung für Elena und Silke Jahn aus Bergheim (Waldeck-Frankenberg). Ein Schicksalsschlag veränderte ihr Leben von einem auf den anderen Tag und weckte ungeahnte Kräfte.

Danke. Voran. Laufen – es sind diese Worte, die immer wieder fallen, wenn man mit Elena Jahn spricht. Dass die 26-Jährige überhaupt diese Worte findet, , mit ihrer Logopädin am Tisch sitzt, versucht, ganze Sätze zu bilden und Worte aufzuschreiben, ist ihrer Willenskraft zu verdanken und ihrem Glauben an einen Neuanfang. Wir haben Elena Jahn und ihre Mutter Silke auf einem Stück ihres Weges begleitet.

2013

Sprechen. Laufen. Tanzen. Lachen. Schreiben und Pläne für ihr Leben schmieden – all das macht Elena Jahn. Weit mehr als das: Gerade hat sie ihr Abitur in Oberurff (Schwalm-Eder-Kreis) gemacht und sich kurz darauf verabschiedet – nach Amerika. Dort hat sie ihre Gastfamilie besucht. Ihr Plan: Nach der Zeit in Amerika will sie Maschinenbau studieren, die Studentenzeit genießen. Reisen.

2014

Kurz nach ihrem Zusammenbruch: Von der Operation und Schmerzen gezeichnet, sitzt Elena im Rollstuhl. 

Es kommt anders: Im Januar fliegt Elena aus Amerika zurück. Ihr Vater Burkhard Jahn wartet am Flughafen in Zürich, seinem Wohnort, auf sie. Dort kommt Elena nie an. Bei der Zwischenlandung in München bricht die 22-Jährige im Wartebereich des Flughafengebäudes zusammen. So wird es ihrer Mutter Silke Jahn, bei der Elena in Bergheim (Waldeck-Frankenberg) lebt, berichtet. „Sie hatte einen Pfropf in der Lunge“, sagt Silke Jahn. Dann nennt sie den Fachbegriff: Pulmonalarterienthrombembolie. Medizinische Fachbegriffe lernt die Mutter jetzt viele. Ängste, Sorgen – von solchen Gefühlen versucht sie sich zu distanzieren. Selbstschutz nennt sie das. „Emotionen lähmen, wenn man sich dem Schicksal entgegenstellt.“ 

Elena hat in der Folge einen Hirnschlag, eine Lungenembolie und einen Schlaganfall, der durch eine Thrombose ausgelöst wurde. Bei einer der Operationen in einer Münchner Klinik kommt es zu Komplikationen. „Der Gehirnknochen musste entfernt werden. Sie liegt im Koma.“ Lebensbedrohlich. Elena schafft es. Doch: Sie ist jetzt in ihrem Körper gefangen. Halbseitig gelähmt und sprachlos. „Dabei war sie immer unser Schmetterling, flatterte fröhlich durch die Welt“, sagt ihre Mutter. Sie ahnt: Die alte Elena wird es nicht mehr geben. Mit diesem Gedanken kann sie umgehen. Hauptsache: Elena lebt. „Es muss weitergehen.“ Die Mutter kratzt ihr Erspartes zusammen und weicht ihrem Kind bei den Klinikaufenthalten in München kaum von der Seite. „Wenn ich da bin, macht sie besser mit.“ Das bestätigen auch die Klinikmitarbeiter.

Nach weiteren Operationen am Kopf folgt eine Früh-Reha in Felderfing. Statt der geplanten sechs Wochen bleiben Elena und ihre Mutter von März bis August. Eine schwere Zeit. Elena verliert die Hoffnung. Familie und Freunde besuchen sie, motivieren sie.

Dann eine erneute Operation, der Kopf wird verschlossen – ohne Komplikationen. „Sie kann kaum noch etwas allein. Aber ihr Verstand ist wach“, sagt die Mutter. Es klingt wie eine Analyse. Länger darüber nachdenken? „Das frisst einen auf.“ Sie ahnt, dass ihre Tochter einen neuen Plan hat. Nur, davon erzählen kann Elena niemandem. Die Worte fallen ihr oft nicht ein, wenn doch, kommen sie kaum über die Lippen. Silke Jahn hofft darauf, die Stimme ihrer Tochter öfter zu hören, und wünscht sich Elenas Lächeln zurück. „Ihr Gesichtsausdruck ist starr.“

2015

Nicht locker lassen: Training, Training, Training. Elena ist endlich zu Hause bei der Familie im Edertal. Das Bad wird umgebaut und ihr Schlafzimmer ins Erdgeschoss des Hauses verlegt. Ihre Brüder Tim und Benjamin, die Großeltern, die ganze Familie hilft dabei, den Alltag wieder zum Alltag werden zu lassen.

Elena ist jetzt beweglicher, kann länger sitzen. Doch nachts muss sie von ihrer Mutter im Bett gedreht werden, damit sie sich nicht wundliegt. Dafür fehlt die Kraft.

Unterstützung bekommt Elena von einem sechsköpfigen Betreuerteam. Der Wochenablauf ist eng getaktet: Physiotherapie, Logotherapie, Ergotherapie und dann die Arbeit mit den Betreuern – es wird gebacken, gebastelt, geübt.

2016

Vier Mal im Jahr fährt sie mit ihren Eltern nach München in eine Spezialklinik zu einer Biofeedback-Therapie – einer speziellen Behandlungsmethode für Patienten mit Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks. „Danach macht sie immer sehr große Fortschritte“, sagt die Mutter.

Anträge stellen, mit Apotheken, Krankenkassen, Kliniken und Behörden verhandeln, mit all der Bürokratie ist Silke Jahn längst vertraut. „Wir sind auf sehr viel Unterstützung und Verständnis gestoßen und werden nicht nur wie eine Nummer behandelt“, sagt sie. Sie weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.

Eine Logopädin übt seit April mit Elena. „Wir haben bei null angefangen“, sagt sie. Nachsprechen klappt noch nicht – aber bald. Ein paar Monate später verrät Elena ihren neuen Plan. Zwei Worte: „Laufen. Voran.“

2017

Ihren gelähmten rechten Arm ignoriert Elena. Sie möchte laufen lernen und konzentriert sich fast nur darauf. Das Training allein dafür ist anstrengend genug. Aber auch das schafft sie, erfüllt sich ihren größten Wunsch: gehen – am Rollator. Das linke Bein ist kräftig, mit dem rechten hinkt sie hinterher. Auf den Fortschritt folgt der Rückschritt. Elena bekommt Angstzustände. Traut sich nicht zu laufen. Sie will jetzt nicht mehr kämpfen. Ihre Eltern aber umso mehr: „Sie hatte keine Lust mehr weiterzumachen. Das geht nicht. Aufgeben geht nicht. Da haben ihr Vater und ich mit ihr geschimpft“, sagt Silke Jahn.

Im November verschickt Elena ein Video: Sie läuft mit ihrem Rollator durch die Wohnung. Lacht. Der Rollstuhl steht in der Ecke. „Dankbar“, sagt Elena.

2018

Elena ist jetzt regelmäßig in einem Altenheim in Korbach. Denn sie hat jetzt ein Ehrenamt und besucht mit anderen Leuten ihrer Therapie-Gruppe ältere Menschen zum Spiele-nachmittag. „Macht Spaß“, sagt sie. Sie kann jeder Unterhaltung folgen, ihre Antworten kommen stockend. Es sind keine ganzen Sätze. Eher aneinandergereihte Worte, die doch so viel mehr sind als das.

Heute: Elena ist wieder gerne unterwegs. Im Baumarkt war sie kürzlich, um Farbe zu kaufen.

Musik ist wieder ein Teil ihres Lebens. Ein großes Poster von Tim Bendzko hängt in ihrem gerade neu eingerichteten Zimmer – „Wenn Worte meine Sprache wären“. Mit ihrer besten Freundin Theresa, mit der sie aufwuchs, will sie auf ein Konzert des Popsängers. Und Elena hat ein Patenkind. Für die einjährige Josefine schlägt ihr Herz. „Guck mal“, sagt sie und zückt ihr Handy, um Fotos zu zeigen. 

Elenas Haare sind lang. Sie verdecken die von den Hauttransplantationen große kahle Stelle am Hinterkopf. Einen Friseur zu finden, das war schwer, erzählt ihre Mutter. „Sie hatten Angst sie zu verletzen. Aber das muss man nicht, es ist ganz normal“, sagt sie.

Normal. Was ist das schon? Noch so eine Frage. Doch die lassen Elena und ihre Mutter zu. Denn sie ärgern sich über Menschen, die Elena anschauen, wenn es an der Supermarktkasse mal wieder länger dauert. Die sie angegafft haben, als sie im Restaurant kleckerte, weil die Muskulatur noch nicht so wollte, wie Elena wollte und ihr das Essen aus dem Mund fiel. Das gehört der Vergangenheit an, doch das Gefühl der Scham blieb lange. Auch das hat Elena besiegt, sie traut sich jetzt, bunte Blusen zu tragen. Möchte wieder gesehen werden.

Nach wie vor: Elena Jahn ist Fan von Tim Bendzko.

Das Training mit der Logopädin geht voran. W-agen. L-ippen. M-orgen. Worte, deren Anfangsbuchstaben Elena schreiben kann. Sie fallen ihr nicht sofort ein, aber sie fallen ihr ein. „Ziel ist es, dass sie sich selbst mitteilen kann. Wörter und Emotionen“, sagt die Logopädin. „Wird, wird“, antwortet Elena und lächelt.

Als ihre Mutter die Logopädin zur Tür bringt, sagt Elena: „Schreib mal: Dankeschön. Mama. Papa.“ Und: „Kämpfen ist Wichtigste.“

„Mir fehlen die Worte ich hab die Worte nicht dir zu sagen was ich fühl’ ich bin ohne Worte ich finde die Worte nicht ich hab keine Worte für dich Mir fehlen die Worte ich hab die Worte nicht dir zu sagen was ich fühl’ ich bin ohne Worte ich finde die Worte nicht ich hab keine Worte für dich.“

Aus Elenas Lieblingssong „Wenn Worte meine Sprache wären“, von Tim Bendzko.

Brucker-Biofeedback 

Die Brucker-Biofeedback-Methode hilft, die Muskelfunktion nach einer Schädigung des Nervensystems wieder zu verbessern, neue Verbindungen zum Muskel herzustellen. Dadurch ist auch noch nach Jahren der Schädigung eine funktionelle Verbesserung des Patienten möglich. 

Lungenembolie 

Eine Lungenembolie entsteht durch die Verstopfung eines Blutgefäßes in der Lunge, meistens mit einem Blutpfropfen (Blutgerinnsel), dem sogenannten Thrombus, und wird auch Pulmonalarterienthrombembolie genannt. Wer länger als zwölf Stunden im Flugzeug sitzt, der hat ein zwei- bis dreifach höheres Thrombose-Risiko.

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