High noon auf der kleinen Fähre zwischen Halbinsel Scheid und Rehbach-Strand

Klein-Dalmatien am Edersee

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Edersee - Eine halbe Stunde am Mittag: Redakteure von
 WLZ-FZ nehmen sich in den Sommerferien Zeit – für Orte, Menschen, die Natur und überraschende Begegnungen. Was ist los um 12 Uhr mittags im Landkreis?

„Darf ich da hin?“, fragt der kleine Junge mit der Baseball-Kappe und zeigt auf die Plätze hinterm Steuerruder. „Tach erst mal, ich bin der Martin...“, antwortet der groß gewachsene Mann, steht auf und streckt seine rechte Hand aus. Etwas verdutzt schaut der Dreikäsehoch zu ihm auf, versteht aber sofort: „Max! Ich bin sieben und werd' bald acht.“

„Na, dann setz dich ruhig hierher“, meint Martin Lewinsohn nach dem Handschlag und wendet sich erwachsenen Fahrgästen zu, die ihre 2,50 Euro für die Überfahrt von der Liegewiese Scheid zum Rehbach entrichten wollen.Gleich darauf legt er mit der kleinen Personenfähre rückwärts vom Ufer ab und wendet, aufmerksam beobachtet vom Nachwuchs-Seemann hinter ihm.

„Die Fähre ist mein Hobby am Wochenende“, erklärt Lewinsohn, Mitglied des Fähr- und Kulturvereins, der vor einigen Jahren die traditionelle Verbindung zwischen der Halbinsel Scheid und dem Rehbach wiederbelebt hat. Die Sonne steht hoch am Himmel und taucht das Wasser an diesem Sonntagmittag in gleißendes Licht. Ein Baldachin beschattet Fährschiffer und Passagiere, die das Panorama genießen wollen. „Setzen Sie sich bitte hin, damit wir was sehen?“, spricht eine Dame einen älteren Herrn an, der vor dem Steuerruder steht. „Ich muss noch bezahlen...“, erklärt dieser und zieht das Portemonnaie aus der Gesäßtasche, „für einen Erwachsenen und ein Kind...“

Sparfüchse unterwegs auf dem leer gelaufenen See

„Wie alt ist denn das Kind?“, fragt Martin Lewinsohn und hat den Satz kaum beendet, als es im Rücken empört ruft: „Fast acht – hab' ich doch eben gesagt!“ Der Opa des kleinen Max entrichtet den Fährpreis und sein Enkel stellt die Frage, mit der im Kopf er bestimmt an Bord ging: „Darf ich auch mal fahren?“ Martin Lewinsohn muss ihn enttäuschen: „Nein, das geht nicht.“ Nicht ohne Führerschein, selbst nicht mit fast acht.Die Fähre hat inzwischen etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Rund fünf Minuten dauert die Überfahrt. Martin Lewinsohn grinst: „An der Zeit ändert der niedrige Wasserstand nichts. Bei vollem See können wir direkter von Ufer zu Ufer fahren, aber es gibt Fahrgäste, die meinen, der Preis müsse ja mit dem Pegel sinken.“

Das Niedrigwasser ist Dauerthema am See in dieser Saison, auch auf der kleinen Fähre und für ihren Skipper. „Alle reden von den Menschenmassen, die es wegen Edersee-Atlantis hierherzieht, aber davon haben der Rehbach und die Halbinsel Scheid nichts“, erklärt Martin Lewinsohn.

Baden und Wassersport sind hier Trumpf. Wegen der weiten, teils steilen Wege zum Wasser steuern nicht einmal mehr bei Kaiserwetter Badegäste in nennenswerter Zahl den Rehbachstrand oder die Scheid-Liegewiese an.„Man muss irgendwie das Beste daraus machen“, meint Lewinsohn, während er den Verkehr der verbliebenen Segelboote auf der geschrumpften Wasserfläche im Auge behält. Er selbst lade seine Passagiere gerne während des Übersetzens auf einen gedanklichen Kurztripp an die kroatische Adriaküste ein, „oder finden Sie nicht, dass es bei diesem Wasserstand hier genauso aussieht?“, fragt er und deutet aufs Steilufer am Rehbach, an dessen Oberkante der große blaue Kran steht. Er hob viele Segelboote wegen des Wassermangels früh in der Saison 2015 schon wieder aufs Trockene.

Wo können wir über diese bekannte Brücke gehen?

Die Fähre leidet bedingt unter geringerer Nachfrage. Badegäste, die vom einen zum anderen Ufer wollen, fehlen zwar, aber Wanderer und Radfahrer nutzen das Boot, um den Weg um die Talsperre abzukürzen – wobei manch einer die Orientierung verliert.

„Wo können wir über diese bekannte Brücke gehen?“ So oder ähnlich wurde Lewinsohn an den vergangenen Wochenenden häufiger am Rehbach oder an der Anlegestelle Scheid angesprochen. Beim ersten Mal brauchte er einen Moment, um herauszufinden, dass sich die Tagesgäste auf der Suche nach der alten Aseler Brücke befanden.

Allmählich erreicht die Fähre das Rehbach-Ufer. Lewinsohn leitet das Anlegemanöver ein: „Wissen Sie, meine Lieblingszeit ist der Mai, wenn das Wasser bis ans grüne Ufer steht. Bei vollem See und schönem Wetter macht es einfach richtig Spaß. Buchen Sie mal eine Morgentau-Tour auf der Fähre, gleich bei Sonnenaufgang...“, rät er, als ich mit Max, seinem Opa und den übrigen Passagieren von Bord gehe und beginne, das steinig-felsige Ufer hinaufzukraxeln. High noon am Rehbach: Zeit für ein kühles Getränk auf einer der Gastro-Terrassen...

Von Matthias Schuldt

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