Diskussion mit jungen Generationen der hessischen Parteien

Politik-Talk zur Edertaler Gewerbeschau: Frei entscheiden können für Land- oder Stadtleben

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Dieselfahrzeuge, wie sie auf der Ausstellung zu sehen waren, werden im ländlichen Raum als Brückentechnologie weiterhin gebraucht. Davon waren alle in der Diskussionsrunde überzeugt.

Edertal – Die ländliche Region stellt die Politik auf allen Ebenen vor große Herausforderungen. Das war Thema des Politik-Frühschoppens zur Edertaler Gewerbeschau 2019.

Wie lassen sich in Zukunft Lebensverhältnisse in Ballungsräumen und auf dem viel zitierten platten Land angleichen – umweltverträglich, gerecht und bezahlbar? Die Suche nach Antworten gleicht der Hatz nach der Eier legenden Wollmilchsau.

Nach ihr hielt die Talkrunde der Gewerbeschau am Sonntag zumindest Ausschau, und die IEG hatte dazu Engagierte aus den jungen Generationen der hessischen Politikszene eingeladen. Eine Debatte mit feiner Klinge statt netzüblicher Pöbelei lieferten sich vier Gäste zur Moderation von WLZ-Redaktionsleiter Thomas Kobbe.

Als einzige Frau war die FDP-Landtagsabgeordnete und gebürtige Schwälmerin Wiebke Knell (38) dabei.

Für die FDP: Wiebke Knell

Sie arbeitete als Politikwissenschaftlerin vor ihrem Einzug in den Landtag unter anderem an der Wildunger Holzfachschule:

„Die Landesregierung investiert zu wenig in den ländlichen Raum: In Frankfurt werden 300 Millionen Euro für eine einzige S-Bahn-Station ausgegeben – für alle Landstraßen in Hessen etwa ein Drittel dieser Summe.“

Kaweh Mansoori (30), Rechtsanwalt, Vorsitzender der hessischen Jungsozialisten und der SPD Südhessen, gebürtiger Gießener, dessen Eltern aus dem Iran flohen: „Demokratie fällt nicht vom Himmel. Wir müssen für sie arbeiten.“ 

Für die Jusos: Kaweh Mansoori

Von Generationengerechtigkeit will er nicht reden, „sondern von Solidarität. Wir dürfen nicht Alt gegen Jung ausspielen. Die Rentner von heute haben mir meine Ausbildung finanziert, also zahle ich gerne für ihre Rente.“

Der Vorsitzende der Jungen Union Hessen und Standesbeamte aus dem Hochtaunuskreis Sebastian Sommer (25) meinte:

Für die Junge Union: Sebastian Sommer

„Ich bin gerne mit dem Auto eine so schöne Strecke hierher gefahren. Ich fahre gerne Auto und will mir das auch nicht verbieten lassen.“ Und mit Blick auf den Nachwuchsmangel im Handwerk: „Wir brauchen ein Mindestgehalt für Auszubildende, mit dem diese auch eine Wohnung unterhalten können.“

Jüngster in der Runde war der Sprecher der Grünen Jugend Hessen Sascha Meier (20). Er stammt aus Nordhessen, kann sich auch vorstellen zurückzukehren, hat die Region aber zunächst Richtung Offenbach verlassen:

Für die Grüne Jugend: Sascha Meier

 „Weil ich in der Heimat nicht die Möglichkeit hatte, Einzelhandelskaufmann zu lernen und zugleich im dualen Studium Betriebswirtschaftslehre zu studieren.“ Darum forderte er, die berufliche Aus- und Fortbildung seitens des Landes in den ländlichen Regionen zu stärken und die Angebote nicht zu reduzieren.

Unausweichlich die Diskussion um die Energiewende: Während Meier die Beteiligung der Bürger an Windparks als Weg ansieht, die Akzeptanz der Anlagen zu steigern und Mansoori obendrein Kommunen und regionalen Zusammenschlüssen Windkraft-Bauflächen zum Vorzugspreis überlassen möchte, um dezentrale Konkurrenz für Konzerne zu schaffen, sieht Knell den Wald durch die Windmühlen gefährdet. Sie würde am liebsten Greta Thunberg mit diesem Widerspruch aus FDP-Sicht an Ort und Stelle konfrontieren.

Sommer warnte ebenfalls vor „Umwelthysterie“ und freut sich über die starke Bürgerbeteiligung in Sachen Windkraft, die sich in Protesten niederschlage. Auch wenn nur 20 Anlagen in Hessen 2018 neu gebaut wurden: „Das muss vor Ort entschieden werden.“

Einig waren sich die vier Diskutierenden in etlichen Punkten. Für das Land sei der Diesel als Brückentechnik unverzichtbar. Elektromobilität allein löst die Verkehrsprobleme nicht und der ländliche Raum dürfe nicht als ökologische Ausgleichsfläche missverstanden werden für den Turbo-Lebensstil der Ballungsräume. Nicht zuletzt durch konsequente Digitalisierung müsse Politik die Voraussetzung schaffen, dass jeder Mensch frei entscheide, wo er lieber leben möchte: auf dem Land oder in der Stadt.

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