Streit um manipulierte Hochsitze

Über Kimme und Kamera alles im Blick

Mehlen - Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet nicht mehr durch den Wald, sondern fährt im SUV zum Ansitz. Auch sonst sind Waidmänner moderner Technik gegenüber aufgeschlossen. Doch wie weit gehen sie dabei und: Dürfen sie das? Über den Einsatz von Wildkameras schwelt bundesweit ein Streit, der sich in einem ominösen Beispiel aus Mehlen spiegelt.

Strenge Datenschützer hier; Jäger, die nach Informationen übers Wild hungern dort – und mittendrin ahnungslose Spaziergänger und Wanderer, die nicht damit rechnen, in Wald, Feld oder Flur unbemerkt fotografiert oder gar gefilmt zu werden. Der Mehlener Landwirt Herbert Wende will das auch nicht. Er traute seinen Augen kaum, als er vor einem knappen halben Jahr einen Tipp erhielt und sich einen Hochsitz genauer anschaute, der an einem seiner Felder steht. In eine Seitenwand war ein kreisrundes Loch gebohrt, hineinmontiert etwas, das aussieht wie eine Linse. „Ich blickte durch die verschlossene Tür ins Innere und entdeckte innen an der Wand einen Holzkasten.“ Der Kasten ist flach, rechteckig und etwa DIN-A3 groß. Gleiches fand Wende an einem zweiten Hochsitz in der Nähe. Für ihn war der Fall klar: Hier nutzt jemand so etwas wie eine Web-Cam zur Überwachung. Ein Unding, wie er findet, denn das Pikante daran: Beide Blickwinkel decken Zufahrt und Zugang zum Nationalparkeingang in Mehlen ab, zwei Wege also, die von Menschen häufiger genutzt werden: NSA-Atmosphäre im Frühtau zu Berge. Die Hochsitze gehören zwei Jagdpächtern. Der eine von beiden äußert sich nicht zu der Darstellung Wendes, der andere war trotz mehrfacher Versuche telefonisch nicht erreichbar. Wende schoss Fotos, um seinen Verdacht zu dokumentieren und schlug Alarm bei der Gemeinde Edertal. Die Kommunalverwaltung reagierte mit einem Schreiben an alle Jagdgenossenschaften, in dem sie auf die Rechtslage verwies (siehe „Hintergrund“). „Danach verschwanden die Kameras“, sagt Wende, doch er ließ das Ganze nicht auf sich beruhen, sondern hielt den Jagdpächtern vor, wessen er sie verdächtigte. Daraus entsprang ein Rechtsstreit, der sich bis heute hinzieht. Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet. Zugleich entzweiten sich vor längerem bereits die zwei Jagdpächter, erklärt der eine der beiden. In dieser unübersichtlichen Lage bleibt die Frage, welchem Zweck die Löcher in den Hochsitzwänden und die innen befestigten Kästen dienen. Am Fuß eines der Hochsitze hat jemand auf ein Sperrholzschild „Fledermaus 13“ geschrieben, daneben einen Pfeil gezeichnet, der nach oben weist. Tatsächlich richten viele Jäger an ihren Hochsitzen Schlafplätze für Zwergfledermäuse ein, bestätigt ein heimischer NABU-Experte. Allerdings hingen diese flachen Kästen außen und seien unten offen, „weil Fledermäuse immer von unten an ihre Ruheplätze klettern.“ Einen kreisrunden Eingang von der Seite, wie in Mehlen, würden die Tiere niemals wählen.Aber manche Jäger wählen durchaus handelsübliche Webcams zur Wildbeobachtung, verrät ein Eingeweihter. So lässt sich leichter kontrollieren, welches Wild wann, wo wechselt, und der Schütze kann seine Ansitzzeiten gezielter organisieren. „Diese Kameras werden aber nicht auf Wege gerichtet“, erklärt der Kenner der Szene. Wer klug ist, installiert sie wegen der rechtlichen Grauzone, in der er sich bewegt, so unauffällig, dass niemand sie entdeckt. Von Matthias Schuldt

Hintergrund: „Da der Wald in Hessen einen frei zugänglichen Raum...darstellt..., ist das private Betreiben von Wildkameras...datenschutzrechtlich nicht erlaubt“, schreibt das Umweltministerium auf Anfrage. Eine Ausnahme stelle die Überwachung zur Wildforschung oder von Kirrungen dar, bei denen geringe Mengen von Futter verwendet werden, um etwa Wildschweine zum Zwecke der Bejagung anzulocken. In dem Fall schreibt das Gesetz aber vor, durch Hinweisschilder diese Überwachung zu deklarieren. Der Deutsche Jagdverband (DJV) lehnt eine solche strenge Regelung ab. Ihm zufolge handhaben die Länder die Gesetze auch nicht einheitlich. Er rät, Aufnahmen von Personen so weit wie möglich zu vermeiden und Wildkameras grundsätzlich nicht auf regelmäßig frequentierte Wege zu richten, ihren Einsatz auf jagdliche Einrichtungen zu beschränken und unbeabsichtigte Personenaufnahmen sofort zu löschen, „soweit sie nicht zur Verfolgung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten erforderlich sind“. Interessant ist die Frage, wie der Verband darauf kommt, dass Jäger eine solche Entscheidung fällen dürfen. Ihnen würden damit mehr Rechte zugestanden als privaten Hausbesitzern, die mit Videokameras ihr Grundstück schützen wollen. Sie dürfen das Objektiv nur auf ihren Privatbesitz ausrichten, nicht auf Gehweg und Straße vorm Haus.(su)

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