Sonderbare Sommersaison 2020

Zwischen Frust und Faszination: Urlaub am Edersee bei Niedrigwasser

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Karstfelsen: Blick von den Hopfenbergen Richtung Süden.

Der Sommerurlaub 2020 am Edersee ist in vielerlei Hinsicht ein Erlebnis der Gegensätze: Begegnungen an den Hopfenbergen bei Niedrigwasser

  • Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt hat die Stützung aus dem Edersee für die Weser beendet
  • Die Hopfenberge als Wahrzeichen des Niedrigwassers im Waldecker Becken sind und frei begehbar
  • Die Reaktionen der Gäste auf den niedrigen Wasserstand im Edersee sind so unterschiedlich wie ihre Interessenlagen
  • In Zeiten der Corona-Pandemie und Reisebeschränkungen zieht der Edersee Touristen aus ganz Deutschland an

Edersee – Wie ist das so mit dem niedrigen Wasserstand in derEder-Talsperre? „Na, Sch..., entschuldigen Sie den Ausdruck!“, ruft der Mann auf meine Frage von seinem Brett zu mir hinauf, zur Kuppe des ersten „Hopfenberges“. Wir verständigen uns über rund 15 Meter Luftlinie und kaum weniger Höhenmeter hinweg.

Er und seine Frau sind am Mittwochnachmittag als Stand-up-Paddler im Waldecker Becken unterwegs. Ob die beiden früher abreisen als geplant? „Ja, wir fahren zwei Tage früher“, ruft der Feriengast. Aus dem Ruhrpott seien sie zum ersten Mal zum Urlaub an den Edersee gekommen.

Stützen der Weser aus dem Edersee hat aufgehört

Es ist derselbe Tag, an dem das Amt in Hann. Münden das Stützen der Weser beendet und die Abgabe auf das Minimum von 6 Kubikmetern pro Sekunde reduziert hat – von zuletzt knapp 30 Kubikmetern Aderlass. Der Pegel im Edersee ist so weit gesunken, dass man auf einem schmalen Streifen Kies nun trockenen Fußes vom ersten zum zweiten Hopfenberg gelangt. Die zwei karstigen Erhebungen mit ihren Steilhängen prägen die Szenerie zwischen Eder-Sperrmauer, Schloss Waldeck, Waldecker Bucht und Hammerbergspitze.

Partymusik und einsamer Kiesstrand an Hopfenbergen im Edersee

Tret- und Elektroboote legen an. Während an einer Stelle einige junge Leute ein bis zwei Meter in die Steilwand steigen und von dort ins Wasser springen – begleitet von Partymusik auf ihrem Boot – lassen es andere ruhiger angehen:

An seiner Nordflanke läuft der hintere Hopfenberg in einen ausgedehnten Kiesstrand aus. Über die Entfernung hinweg ist dort eine Gruppe von Menschen zu erkennen, die sich mit Handtüchern und einer Strandmuschel zum Baden eingerichtet hat. Das kleine Boot am Ufer, wenige Meter weiter, wird sie hergebracht haben.

Begegnung mit jungen Familien an den Hopfenbergen im Edersee

Von Land, vom Hammerbergweg aus, kraxeln immer wieder Neugierige auf die Niedrigwasser-Wahrzeichen des Edersees; auch auf der Suche nach ungewöhnlichen Fotomotiven. Wer nur ein wenig seinen Blick dafür schärft, wird nicht enttäuscht. Ein sehr beliebtes Ziel für die Kleinst-Alpintour mit und ohne Kamera bietet die Untiefen-Boje auf dem zweiten Hopfenberg.

Allgegenwärtig: Auf der Kleinst-Alpintour über die Kuppen der Halbinsel eröffnen sich unerwartete Perspektiven aufs Schloss Waldeck.

Von dort nahen, wie sich herausstellen wird, zwei junge Familienväter aus Miltenberg, begleitet von ihren Töchtern und Söhnen im Grundschulalter. Was sie vom Wasserstand im Edersee halten? Sie verbringen ihren Urlaub mit ihren Familien auf dem Campingplatz Asel-Süd. „Zuerst sind wir erschrocken, weil das Wasser weg ist. Vor einigen Jahren war ich schon mal auf dem Platz, da war der See voll“, erzählt der eine der beiden Väter.

Dann allerdings hätten sie den Rehbach und dieWaldecker Bucht mit dem Strandbad Waldeck für sich entdeckt. „Wir können alles machen, was wir vorhatten, Schwimmen oder Bootfahren zum Beispiel“, sagt der zweite der beiden Männer. Die Leute gäben sich wirklich Mühe für ihre Gäste.

Die großen Strände seien von Vorteil, gerade in Corona-Zeiten. „Und die Landschaft ist einfach geil“, sind sie sich einig. Das Steilküsten-Ambiente, das der Bereich um die Hopfenberge ausstrahlt – mit dem Kellerwald als Kulisse – übt auf sie und ihre Kinder besonderen Reiz aus. Die Wünsche für einen schönen, weiteren Aufenthalt nehmen die beiden dankend an und ziehen mit ihren Sprösslingen weiter. Einer der Jungs hält zum Abschied stolz das Schneckenhäuschen in die Höhe, das er unterwegs gefunden hat.

Badegäste mit viel Platz am Edersee

Ich erreiche den nördlichen Kiesstrand der Hopfenberge, als es zu regnen beginnt, für kurze Zeit sogar in dicken Tropfen. Die besagte Gruppe von Badegästen hält sich Decken über die Köpfe. Einer hat einen Schirm dabei, aber ernsthaft stört der lauwarme Augustschauer niemanden. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorüber.

Als Hilfe für die Wassersportsaison kämen selbst Wolkenbrüche zu spät. Nur wenige Tage bleiben, wenn jemand sein Segelboot per Kran aus dem Wasser heben lassen muss. Mitte August. In früheren Jahren war´s gen Herbst so weit.

Der Rückweg führt mit Blick auf die Sperrmauer am östlichen Wassersaum der felsigen Halbinsel entlang Richtung Hammerbergspitze.

Auf beeindruckender Kajaktour im Edersee bei Niedrigwasser

Im Einschnitt zwischen den Hopfenbergen hockt ein Mann mit einem Westernhut auf dem Kopf vor einem Campingkocher. Sein feuerrotes Kajak parkt wenige Meter weiter am Rand des kleinen Priels zwischen den Felsen.

Er stellt sich als Stephan Sieber aus Gießen vor, Fotograf von Beruf. Er halte sich zu einem Kundenbesuch am Edersee auf, fotografiere für die Betreiber eines Campingplatzes. „Ich verschaffe mir einen Eindruck vom Umfeld“, erzählt der Gießener und hat in diesem Fall über die Kajaktour das Hobby mit dem Beruflichen verbunden

Und? Wie wirkt auf ihn der See, wenn die Eder-Talsperre bis auf ein knappes Fünftel ihres Fassungsvermögens leer gefahren ist? „Mit dem Boot durch den Schlick, das war nicht so schön. An einigen Stellen hat´s ganz schön gestunken“, berichtet er. Nahe Vöhl begann seine Tour, dort, wo vom See das Flüsschen übrig geblieben ist.

Was danach folgte, die Eder hinab, „ist toll, wirklich beeindruckend“, sagt er. Die Hopfenberge mit der Rast bei einer Suppe setzen dem Erlebnis aus seiner Sicht das Sahnehäubchen auf.

DerEdersee im Coronasommer 2020 eine Urlaubssaison wie im Ausnahmezustand, mit vielen Facetten und Perspektiven.

Bilder vom Rundgang auf den Hopfenbergen

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