Cliff Rüssles Bilder sind heute wichtige historische Dokumente

November 1989: Husarenritt nach Heiligenstadt - ein Korbacher hält deutsch-deutsche Geschichte fest

+
Mit seinem blauen VW-Bus: Cliff Rüssel am 13. November 1989 in Heiligenstadt. 

Montag, 13. November 1989: Am Grenzübergang Hohengandern bei Witzenhausen traut sich der gebürtige Korbacher Cliff Rüssel das, was sich dort zu dieser Zeit sonst keiner getraut hat.

Rüssel geht vom Westen über die Grenze in die DDR, ohne Visum. Und es funktioniert – nicht ganz ohne Hindernisse. Danach hält er einen historischen Moment mit seiner Kamera fest: Er macht die einzigen Fotos der ersten Montagsdemonstrationen in Heiligenstadt, die es heute gibt.

„Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“: SED-Funktionär Günter Schabowski verkündete am Abend des 9. November 1989 am Ende einer Pressekonferenz das neue, gelockerte Reisegesetz der DDR. Cliff Rüssel, der zu dieser Zeit in Australien lebte, war auf Heimatbesuch in Höringhausen – und verfolgte den historischen Moment vor dem Fernseher. Das ganze Wochenende über gärte es in ihm: „Ich hatte Verwandte in Heiligenstadt, die ich vor 30 Jahren das letzte Mal gesehen hatte“, sagt Rüssel.

Cliff Rüssel ließ sich nicht aufhalten

„Am Montag hatte es mich nicht mehr gehalten.“ Rüssel setzte sich in seinen blauen VW-Bus und fährt los. Am Tag zuvor war die Grenze bei Witzenhausen geöffnet und die alte B 80 behelfsmäßig befahrbar gemacht worden. In aller Eile hatte die DDR bei Hohengandern einen provisorischen Kontrollpunkt eingerichtet und eine Welle Trabis rollte nach Hessen. „Dort standen 3000 Leute und bejubelten die ersten DDR-Bürger“, erinnert sich Rüssel.

West-Grenzer schrien ihm noch hinterher

Er fasste einen folgenreichen Entschluss: „Da gehe ich jetzt einfach rüber.“ Sehr zum Entsetzen der West-Grenzer: „Die schrien hinter mir her, aber da war ich schon auf DDR-Gebiet“, sagt Rüssel. Ein DDR-Grenzer kam auf ihn zu, schaute ihn ungläubig an. Rüssel zeigte seinen Pass und erklärte, dass er das Ticket für den Rückflug nach Australien schon in der Tasche habe und nun die einzige Chance nutzen wolle, seine Verwandten das erste Mal nach 30 Jahren wiederzusehen.

In den Straßen kommen Cliff Rüssel die Demonstranten auf dem Weg zur Montagsdemonstration entgegen.

Der Grenzer gehieß ihm, auf dem Fleck stehenzubleiben, sich nicht entfernen und ging weg. Gut einer Viertelstunde später kam er wieder – und Rüssel durfte einreisen. Die Bedingung: Er musste 25 Mark 1:1 umtauschen und noch vor Mitternacht wieder über den gleichen Grenzübergang zurückkehren. Rüssel holte seinen VW-Bus und fuhr los Richtung Heiligenstadt – während ihm die Trabis entgegenkamen. „Ich dachte nur, das muss ein Traum sein.“

Die Verwandten fand er schnell wieder - die Freude war groß

Abends ging Rüssel allein in die Stadt, seine Verwandten gingen getrennt von ihm. „In den Gassen kamen mir die Menschen mit Schildern und Transparenten entgegen“, erinnert er sich. Er kletterte auf einen Betonkübel und fotografierte. Die Heiligenstädter winkten und jubelten ihm zu. „Ihr Mut und die Begeisterung, die sie ausstrahlten, und die Disziplin, mit der sie vorbeigingen, bleibt unvergessen.“

Rund 9000 Menschen versammeln sich auf dem Friedensplatz vor dem Rat des Kreises.

Rund 9000 Menschen versammelten sich schließlich auf dem Friedensplatz und verlangten Reisefreiheit, „Westgeld für mündige Bürger“, einen Volksentscheid über den Führungsanspruch der SED und baldige freie Wahlen. Statt Barrikaden entzündeten die Demonstranten Kerzen, statt auf Gewalt setzten sie auf die Kraft ihrer Argumente.

Cliff Rüssel machte etliche Bilder, fotografierte Redner und die Massen

Ein nicht ungefährliches Unterfangen. Was er damals nicht wusste: Ein Reporter hatte am 30. Oktober die Demonstration fotografiert und wurde von den Menschen, die den Fotoblitz bemerkten, fälschlicherweise für einen Stasi-Spitzel gehalten. Es kam zu einem Aufruhr. „Seitdem war das Fotografieren strengstens verboten, selbst für die Stasi, man befürchtete, dass sonst ein Chaos losbricht“, sagt Rüssel. Doch er blieb unbehelligt.

Cliff Rüssels Bilder sind heute wichtige historische Dokumente

Kurz vor Mitternacht fand sich der Wahl-Australier wieder am Grenzübergang Hohengandern ein – und fuhr mit Diafilmen voller deutsch-deutscher Geschichte nach Hause. Seine Fotos sind heute wichtige historische Dokumente für die Heiligenstädter. Doch ein Bild fehlt Cliff Rüssel ganz persönlich dabei: „Es musste bei dem Medienaufgebot doch jemand fotografiert haben, wie ich über die Grenze gegangen war.“ Wer ein Foto habe oder Hinweise geben könne, dürfe sich gerne per E-Mail an ihn wenden: cliffrussel@gmx.net.

Gefeiert wurde der Mauerfall vor 30 Jahren am heutigen Samstag mit einem Festakt der Länder Hessen und Thüringen in Treffurt und Großburschla.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare