Gemeinde und Hessen Mobil planen Vollausbau · Aar renaturieren

Aartalstraße wird 2014 voll gesperrt

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Keine Augenweide: Im Dezember 2011, als die Pläne zur Renaturierung der Aar erstmals vorgestellt werden, werfen Marvin Schlömer (l.) und Elias Weinreich einen Blick in das trostlose, betonierte Bachbett.

Diemelsee - Flechtdorf. - Knapp ein Jahr nach der ersten Vorstellung der Pläne berieten die Mitglieder des Diemelseer Bauausschusses am Dienstagabend in Adorf erneut über den Ausbau der Flechtdorfer Aartalstraße sowie die Renaturierung der Aar. 2014 soll die Landesstraße dafür komplett gesperrt werden.

Schlaglöcher, schmale Gehwege, ein in Beton eingefasster Bachlauf: Die Flechtdorfer Ortsdurchfahrt ist keine Augenweide. Dass sie zu eben dieser ausgebaut wird, wünschen sich die Flechtdorfer laut Bürgermeister Volker Becker aber gerade, seitdem sie im Zuge der Dorferneuerung ihren Ort verschönern.

Auch bei Gesprächen mit dem Ortsbeirat und den Anliegern in diesem Jahr sei dies deutlich geworden. Warum der Ausbau von Straße, Kanal- und Wassersystem sowie die Renaturierung nicht wie geplant 2012 und 2013 umgesetzt wurden, erklärt Becker mit den zahlreichen Problemen, „die bei einer solchen Großbaustelle“ zu lösen seien.

„Das Land stellt erst 2014 Mittel für den Straßenbau bereit und wir haben von Beginn an gesagt, dass wir alles gemeinsam ausschreiben wollen.“

Zügig zusammenarbeiten

Wenn Hessen Mobil und die Gemeinde Firmen gemeinsam beauftragen, bringt dies Vorteile bei möglichen Gewährleistungsfragen, erleichtert aber vor allem die Arbeit. Da es sich bei der Landesstraße 3076 vor allem für die Diemelseer um eine wichtige Verbindung handelt, soll diese so kurz wie möglich voll gesperrt werden.

Weiträumig umleiten

„Wenn wir alles in einem Jahr schaffen wollen, funktioniert dies aber nur unter Vollsperrung“, stellt Boris Perplies vom Ingenieurbüro Gröticke (Berndorf) am Dienstagabend klar. Ziel ist, die Arbeiten im Herbst 2013 auszuschreiben und sie von März oder April 2014 bis Oktober oder November 2014 umzusetzen.

„Eine Vollsperrung lässt sich nicht vermeiden, weil es innerorts quasi keine Umleitungsmöglichkeiten gibt“, fügt Becker hinzu. Die Anlieger sollen ihre Grundstücke aber grundsätzlich erreichen können.

Die Umleitung des Durchgangsverkehrs ist laut Perplies weiträumig über Bad Arolsen und Massenhausen beziehungsweise über Schweinsbühl und Rhena geplant.

Die Kosten tragen die Verursacher anteilig. Anlieger müssen zahlen Grundsätzliches hat sich an den Bauplänen seit Dezember 2011 zwar nicht geändert, aber Perplies nutzt die Ausschusssitzung am Dienstag gern, um den Vertretern der Fraktionen einige neue Lösungsvorschläge vorzustellen. Sie sind im Austausch mit den Fachbehörden entstanden.

Alle Gemeindevertreter informiert er am heutigen Abend bei der Parlamentssitzung, die um 20 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Adorf beginnt. Anhand folgender vier Eckpunkte lassen sich alte und neue Pläne zusammenfassen:

Sanierung der Kanalisation: Eine Untersuchung 2011 zeigte große Schäden am rund 700 Meter langen Hauptkanal, der meist über privates Gelände verläuft, und den rund 1300 Metern Anschlussleitungen.

Zur Sanierung sind Gemeinde und Hauseigentümer laut Eigenkontrollverordnung verpflichtet. Ziel ist, einen neuen Hauptkanal in die öffentliche Straße zu verlegen und die anderen, noch benötigten Leitungen zu sanieren. Auch die Entwässerung der Gehwege, die über die Straße erfolgt, wird komplett neu geordnet, da die Regeneinläufe ebenfalls baufällig sind.

Perplies: „Ziel ist, möglichst viel Regenwasser in die Aar einzuleiten und den Kanal entsprechend neu zu dimensionieren.“ l?Sanierung der Wasserleitungen: Die über 40 Jahre alte Leitung in der Aartalstraße ist in einem schlechten Zustand, teilweise unterdimensioniert und verläuft in Teilen unter Strom- und Telefonkabeln, sodass sie bei Schäden schlecht zu reparieren ist. Daher sollen rund 700 Meter Leitung entlang der Aartalstraße und in den Anschlussbereichen ausgebaut werden. Die Hausanschlüsse werden erneuert. l?Straßenbau: Der hohe Anteil an Durchgangs- und darunter auch Schwerlastverkehr hat Spuren hinterlassen, zumal der Fahrbahnaufbau dafür teilweise nicht ausgelegt ist. Perplies geht davon aus, dass die Fahrbahn auf einer Länge von 540 Metern teilweise voll ausgebaut und die Decke in anderen Teilen verstärkt wird. Die rissigen, teils zu schmalen asphaltierten Gehwege mit den hinderlichen hohen Bordsteinen sollen durch barrierefreie ersetzt werden.

Anliegerbeiträge werden erhoben (siehe Hintergrund). Um zugleich Fördermittel zu bekommen, ist eine Mindestbreite von 1,50 Metern vorgeschrieben. Der Ingenieur plant beidseitig mit rund zwei Metern. Auf Wunsch der Flechtdorfer wird die Bushaltestelle nicht nur barrierefrei, sondern auch von der Klosterstraße in die Niedere Straße verlegt. Wie breit die Fahrbahn künftig wird, steht noch nicht fest.

„Derzeit ist sie sieben Meter breit. Das Land finanziert sechs Meter und bei entsprechendem Schwerlastaufkommen 6,50 Meter. Weitere Kosten muss die Gemeinde tragen.“ Eine neue Straßenbeleuchtung setzt alles ins rechte Licht. l?Renaturierung der Aar: Eine Begehung zeigt starke Schäden an den Ufermauern und vor allem am Durchlass zwischen der Niederen Straße und der Klosterstraße. Da an einigen Stellen Einsturzgefahr besteht, muss dort dringend saniert werden. Geschätzte Kosten: rund 545 000 Euro. Alternative ist die förderfähige Renaturierung der Aar, also die „teilweise Öffnung und naturnahe Ausbildung des Gewässers“, im Rahmen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie bis zum Abzweig nach Benkhausen oder Sudeck. Dafür ist allerdings Grunderwerb erforderlich. Die Gemeinde rechnet im Frühjahr 2013 mit der Bewilligung und einem Zuschuss von bis zu 85 Prozent. Die restlichen Kosten will sie über Ausgleichsmaßnahmen finanzieren. Perplies stellt in der Sitzung des Bauausschusses am Dienstag verschiedene Ausbauvarianten vor, die nach eingehenden Untersuchungen an unterschiedlichen Stellen zum Einsatz kommen sollen. Dazu gehört zum Beispiel die „Neuprofilierung mit naturnahen Wasserbausteinen“. Wichtigstes Ergebnis ist: Technisch ist es möglich, sich vom bis zu 60 Zentimeter starken Beton zu trennen, ohne die Statik zu gefährden.

Einstimmige Empfehlung

„Die Gemeindevertreter sollten dem Projekt in ihrer Sitzung zustimmen, damit die Verwaltung die Förderanträge stellen kann“, betont Becker. Mittel seien in den Haushaltsplänen 2012 und 2013 sowie im Finanzplan 2014 veranschlagt. Die Ausschussmitglieder empfehlen am Dienstag einstimmig, Sanierung und Renaturierung zu beschließen.

Hintergrund

Die Bruttokosten auf Seiten der Gemeinde schätzt Boris Perplies vom Ingenieurbüro Gröticke wie folgt ein: rund 703 000 Euro für die Kanalisation, 222 000 Euro für die Wasserversorgung, 400 000 Euro für die Nebenanlagen (Gehwege und Straßenbeleuchtung).

Die Kosten für die Renaturierung, die der Experte 2011 mit rund 1 170 000 Euro bezifferte, belaufen sich nach neuen Berechnungen auf etwa 1,8 Millionen Euro. „Für die Renaturierung innerorts und außerhalb des Ortes“, betont Perplies. Die Kommune muss folglich mit Gesamtkosten von rund 3 125 000 Euro rechnen, abzüglich Anliegerbeiträge und Fördermittel. Für die Renaturierung erhofft sie sich eine 85-prozentige Förderung. Die Kosten für den Straßenbau, die das Land trägt, schätzt Perplies auf 545 000 Euro. „Eine genaue Berechnung ist aber erst möglich, wenn die Art der Renaturierung feststeht.“(nv)

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