Elfte Klassen der Alten Landesschule simulieren internationale Politik, Betriebs- und Volkswirtschaft

Abiturstoff in der Praxis

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Ob sie als UNO-Diplomaten die Zukunft der Welt beraten (links), oder als Bürger, Politiker, Journalisten und Unternehmer die eines fiktiven Landes (oben): Bei der Planspielwoche lernen Schüler Powi-Stoff und üben Diskussion.Fotos: Wilhelm Figge

Korbach - Erstmals bietet die ALS eine Planspielwoche an. In vier Projekten lenken Schüler dabei Unternehmen, Länder und die Geschicke der Welt.

„Da haben wir uns aber verkalkuliert“, lautet das Fazit einer unternehmerischen Fehlentscheidung. Eine einstmals profitable Firma macht plötzlich fünf Millionen Euro Verlust - die Chefs haben versehentlich jedem Mitarbeiter Ausbildungen für mehrere zehntausend Euro spendiert. Keiner der verantwortlichen Herren muss seinen Posten räumen: Es handelt sich um ein Planspiel an der Alten Landesschule.

Harte Verhandlungen

Vier Tage lang schlüpfen knapp 120 Elftklässler in die Rollen von Unternehmern, Diplomaten oder Regierungen - in diesem Ausmaß eine Premiere an dem Gymnasium. Die Schüler hatten die Wahl zwischen vier verschiedenen Spielen. Bei „Globale Wirtschaft - nationale Probleme?“ schmeißen sie sich in Schale und simulieren eine UN-Versammlung. Schon die Verhandlungen über die Präambel sind hart: Dem Entwurf, dass „die globale Durchsetzung der Demokratie und die Bekämpfung des Terrorismus weiterhin die entscheidenden Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind“, widerspricht der Vertreter Burkina Fasos energisch: „Wir denken, dass Bekämpfung von Armut, Krankheiten und Umweltzerstörung am wichtigsten sind.“ Der chinesische Diplomat fordert, die Entwicklung der Demokratie nicht zu betonen, der US-Gesandte besteht auf ihr und den Krieg gegen den Terror - Erkenntnisse über die internationale Bühne, die Jürgen Säuberlich zufrieden stellen. Der Lehrer ist zusammen mit Johannes Grötecke für das UN-Projekt verantwortlich. Drei Betreuer von der Uni Frankfurt treten als Presse auf, interviewen die Diplomaten und drehen einen Videobeitrag.

Eintauchen in die Wirtschaft

Nach zwei Tagen wechseln die Politiker in die Wirtschaft: Bei der Sparkasse geht es um „Wirtschaft und internationale Beziehungen in der sozialen Marktwirtschaft beziehungsweise der Globalisierung“. Sie tauchen in viele Fragen der Ökonomie und die Rolle der Schwellenländer ein - deren Nationalgerichte sie zwischen Diskussionen um Konjunktur und Preisniveaustabilität serviert bekommen.

Bei WIWAG, der Wirtschaftswochenaktiengesellschaft, führen die Schüler ein Unternehmen durch vier Geschäftsjahre. Die Folgen ihrer Entscheidungen rechnet ein Computer aus, doch die Vorstandsmitglieder haben viel zu beachten: Mit welchem Absatz rechnen sie? Wirken sich ihre Materialien auf die Umwelt aus? Und wie beeinträchtigt die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter deren Produktivität? Manche Schüler nehmen sich vor, den Markt im Schnellzug zu erobern, andere agieren vorsichtig. Spielleiter Andreas Ständer von der Landeszentrale für Politische Bildung und Lehrer Carsten Schäfer können die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern.

Gemeinsam Zukunft beraten

Bei „Ökowi“ schlüpfen die Schüler in verschiedene Rollen: Einige repräsentieren je 15000 Einwohner des fiktiven Kleinstaats Ökoland, andere fungieren als Unternehmen, Medien und Regierung. „Ziel ist, eine ökologisch orientierte Wirtschaftspolitik zu betreiben, welche die Lebensqualität für alle verbessert“, erklärt Lehrer Reiner Stracke, zusammen mit Spielleiter Robert Lohde-Reiff. Die Schüler tummeln sich im Korbacher Rathaus, eine zweite Gruppe ist mit Jürgen Noebel und Sybille Hoppmann bei der Conti untergekommen.

Einen zentralen Aspekt haben die Schüler auch ohne Hinweis der Betreuer erkannt: „Sie haben bemerkenswert schnell bemerkt, dass es keinen Sinn macht, alleine da zu hocken“, erklärt Lohde-Reiff. Und so diskutieren Politiker, Bürger und Unternehmer im Korbacher Rathaus über die Zukunft von Ökoland. Bei Interesse der Schüler werde die Planspielwoche ein fester Programmteil an der Landesschule, erklärt Säuberlich - sie dauere zwar einige Tage, die Themen seien aber allesamt Stoff für die Abiturklassen.

Von Wilhelm Figge

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