Ex-Fußballprofi Uli Borowka bei Präventionswoche

Alkoholismus in Kauf genommen

Willingen - Uli Borowka erklärt, wie ein Alkoholiker trotz seiner Sucht funktioniert und wie Abhängigkeit sein Umfeld beherrscht. Der ehemalige Bundesligaspieler sieht ein Problem, das weit über Einzelfälle hinausgeht.

„Ich war 16 Jahre lang Profifußballer – und während dieser 16 Jahre war ich Alkoholiker“, erklärt Uli Borowka den Gästen im Willinger Besucherzentrum. Er liest aus seiner Biographie „Volle Pulle“ und macht klar: Ein Mann kann am Tag eine Kiste Bier, je eine Flasche Whiskey und Wodka und noch einen Magenbitter obendrauf trinken und dennoch Leistung bringen – und dabei langsam zugrunde gehen. Seine Vereine hätten dies geduldet: Morgens um zehn sei er schließlich beim Training gewesen und vor wichtigen Spielen habe er sich zusammengerissen – um sich danach mit Alkohol zu belohnen. „Es wussten alle, und es wurde in Kauf genommen“, sagt er – Behandlung oder Bestrafung hätten dem Verein geschadet. Ko-Abhängigkeit nennt er das: Damit will er nicht beleidigen, sondern beschreiben, wie ein Suchtkranker sein Umfeld beeinflusst. Habe sein Trainer Ottmar Hitzfeld ihn gedeckt, sei er ungeschoren davongekommen; habe er ihm ein schlechtes Gewissen gemacht, habe er umso besser gespielt. Spieler, die zur Mäßigung rieten, habe er auf dem Platz „weggeputzt“. Schließlich führte seine Abhängigkeit zum Scheitern seiner Ehe, der Entfremdung von seinen Kindern und erst spät zum Karriereende. Selbst ein Suizid-Versuch 1996 änderte nichts: Vier weitere Jahre habe er vor sich „hinvegetiert“. Völlig heruntergekommen hätten ihn schließlich Christian Hochstätter und Wilfried Jacobs, damals Sportdirektor und Präsident bei Borussia Mönchengladbach, in Therapie geschickt – er selbst hoffte zu diesem Zeitpunkt freilich, danach einfach „kontrolliert trinken“ zu können. „Es hat gedauert, bis ich sagte: ‚Uli, du bist ein Alkoholiker. Sei froh, dass die dir helfen“, erklärt er. Für den Weg aus der Sucht gebe es keine allgemein gültigen Lösungen, wichtig sei aber, weiter am Leben teilzuhaben. Die Gesellschaft mache das nicht grade einfach: „Es ist komisch, dass ich mich rechtfertigen muss, weil ich keinen Alkohol trinke.“ Und als trockener Alkoholiker einen Job im Fußball zu finden, sei fast unmöglich. Er verweist auf eine Studie der Profifußballer-Vertretung FIFPro: Demnach sind 19 Prozent der aktiven und 30 Prozent der ehemaligen Spieler suchtkrank. Spielsucht sei besonders problematisch. Wegen der Verquickung von Alkoholherstellern und Sportverbänden gäbe es aber kein Interesse an Maßnahmen gegen Sucht aller Art: „Ohne die großen Brauereien hätten wir olympische Spiele ohne deutsche Sportler.“ Auch in den Vereinen selbst würde Abhängigkeit nicht bekämpft: „Mannschaftsärzte und Psychologen sind nicht dazu da, Probleme zu lösen, sondern um mehr Leistung aus den Menschen zu bekommen.“ Um mit seinem Präventionsverein Hilfe leisten zu können, müssten betroffene Sportler für die Zeit der Therapie einen Muskelfaserriss vortäuschen. Prävention müsse schon in den jüngsten Spielklassen beginnen: Auch Bier habe in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nichts zu suchen. Er fordert ein allgemein energischeres Vorgehen. Wenn ein Jugendlicher wiederholt auffällig werde, solle er etwa den Führerschein erst später ablegen dürfen.Geladen hatte zu der Veranstaltung der Upländer Präventionskreis, bestehend aus Mitgliedern von Gemeinde, Polizei, Diakonischem Werk, Freundeskreis, evangelischer Jugend und Uplandschule. Den Abend prägten rege Diskussionen und viel Zustimmung: „Jeder Übungsleiter sollte wissen, dass Alkohol im Sport nichts zu suchen hat“, stimmte etwa Schulleiterin Barbara Pavlu Borowkas Forderung zu, die Sucht im Sport schon in den jüngsten Klassen zu bekämpfen.

Zur Person: 1962 im sauerländischen Menden geboren, kam Ulrich „Uli“ Borowka 1981 in die erste Fußballbundesliga – wie er selbst zugibt, mehr durch seinen Ehrgeiz als durch sein Talent. Zuerst spielte der Verteidiger dort für Borussia Mönchengladbach, ab 1987 für Werder Bremen, wo er seine größten Erfolge feierte: die Meisterschaften 1988 und 1993, die Pokalsiege 1991 und 1994 und vor allem den Triumph beim Europapokal der Pokalsieger 1992. Seine Karriere in der Nationalmannschaft war hingegen mit acht Spielen vergleichsweise kurz. Der „die Axt“ genannte Verteidiger war gefürchtet – ein Image, das er pflegte: So drohte er nach eigenen Aussagen Andreas Möller einst an, ihm auf dem Platz die Beine zu brechen. Der Dortmunder blieb ihm das Spiel über fern.Während seiner gesamten Profizeit war er Alkoholiker, später auch medikamentenabhängig. Begonnen hatte die Sucht während seiner Lehre als Maschinenschlosser. Seine Karriere endete 1998 nach zahlreichen Vereinswechseln. 2000 begab er sich in eine Entzugsklinik, ist seitdem „trocken“. 2012 veröffentlichte er seine Biographie „Volle Pulle“. Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Claudia gründete er 2013 den Verein „Uli Borowka Suchtprävention“, der sich unter anderem krankhaft abhängigen Profisportlern widmet. Er hat drei Kinder – zwei aus der an seiner Sucht zerbrochenen ersten Ehe. Von Wilhelm Figge

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