Arbeitskreis „Tabu Armut“ veranstaltet Podiumsdiskussion in Korbach

Altersamut wird eklatant zunehmen

+

Korbach - „Freude auf die Rente oder Angst vor dem sozialen Abstieg?“ – dieser Frage gingen am Dienstagabend im vollbesetzten Gemeindesaal von St. Marien in Korbach eine Reihe von Experten aus Kirche, Gesellschaft und Politik nach. Zweieinhalb Stunden lang diskutierten sie über „Armut im Alter“, die auch im Landkreis Waldeck-Frankenberg ständig zunimmt.

Angesichts einer steigenden Zahl von prekären Arbeitsverhältnissen und dem stetigen Ausbau des Niedriglohnsektors müssten immer mehr junge Menschen mit einer geringen Rente im Alter rechnen. Zudem seien sie während ihres Arbeitslebens aufgrund des geringen Lohns nicht in der Lage, zusätzlich vorzusorgen, hieß es bei der Diskussion, die am Dienstagabend viele Zuhörer in den Gemeindesaal von St. Marien in Korbach zog. Vor allem Frauen seien von Armut betroffen; Kinder seien inzwischen ein Armutsrisiko und die Zahl der Menschen, die im höheren Alter hoch verschuldet sind, wachse ebenfalls.

Tabuthema Armut

Auch das Risiko, durch Pflegebedürftigkeit in Armut abzurutschen, steige ständig – trotz lebenslanger ehrlicher Arbeit, machten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion deutlich. „Wir sehen das selbst – immer mehr Menschen beantragen Grundsicherung“, sagte Landrat Dr. Reinhard Kubat, der die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen hatte.

An der Podiumsdiskussion beteiligten sich auf Einladung des Arbeitskreises „Tabu Armut“ Pfarrerin Christel Wagner von der evangelischen Kirche Korbach, Heinz-Georg Eirund vom Caritas-Verband Brilon, Marion Bayan vom Fachdienst Soziale Angelegenheiten des Landkreises Waldeck-Frankenberg sowie Ulrich Meßmer, Bundestagsabgeordneter der SPD, und Thomas Viesehon, stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU. Als Experten waren außerdem eingeladen Gerd Brückmann vom Deutschen Roten Kreuz Korbach-Bad Arolsen, Dr. Bernardo Fritzsche, Facharzt für Allgemein- und Palliativmedizin, Volker Heß, Geschäftsführer der Delta GmbH, Petra Kaden, Vorsitzende des VdK Korbach, sowie Pfarrer Stefan Paternoster von der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche und dem Diakonissenwerk. Thomas Korte moderierte.

Um der Diskussion eine messbare Grundlage zu geben, nannten Rufus Böhringer vom Diakonischen Werk Waldeck-Frankenberg (DWWF) und Alice Lessing von der Caritas sowie Ursula Hartmann-Samiec (DWWF) in dem Rollenspiel „Der Reichtum und die Armut“ Fakten – etwa, dass die Zahl der Rentner mit Minijob deutschlandweit seit dem Jahr 2000 um 60 Prozent auf 761 000 gestiegen sei.

Der Rückgang der Bevölkerungszahlen auf dem Lande bedeute nicht gleichzeitig, dass auch Armut zurückgehe, erklärte Marion Bayan: „Wir merken im Landkreis, dass die Armut im Alter zunimmt.“ Pfarrerin Christel Wagner plädierte dafür, nicht von Armen zu sprechen, sondern von armen Menschen. „Dass sie arm sind, ist eine Situation, in der sie leben“, doch Armut mache sie als Menschen nicht aus. Das machten auch Frauen und Männer aus dem Publikum deutlich, die von ihrer persönlichen Situation erzählten und Armut damit ein Gesicht gaben.

Lebensrisiken privatisiert

Auf die Frage, wie der Altersarmut begegnet, wie sie möglichst verhindert werden sollte, kamen die unterschiedlichsten Antworten. So sagte Thomas Viesehon von der CDU: „Wir müssen dafür sorgen, dass man von seiner Arbeit heute leben und möglichst für das Alter vorsorgen kann.“ Der Staat könne schließlich nur das ausgeben, was er auch erwirtschafte. Ulrich Meßmer von der SPD unterstrich, die Privatisierung von Lebensrisiken auf den Einzelnen sei der Anfang des Problems; Pflege sei gesellschaftlich zu finanzieren. „Wir können Altersarmut am besten dadurch verhindern, dass wir Erwerbsarmut verhindern“, plädierte Meßmer für die Einführung des Mindestlohns und für Vermögenssteuer. Außerdem sollten Phasen, die als Arbeit bewertet würden, mit Rentenpunkten versehen werden, antwortete er auf den Hinweis von Christel Wagner, dass die Familienarbeit, die Frauen leisten, gar nicht wertgeschätzt werde: „Diese Arbeit müsste ganz anders honoriert werden.“

Die Zahl derjenigen, die auf Hilfe zur Pflege im Alter angewiesen seien, wachse rapide. „Wir haben seit 17 Jahren die gleichen Sätze in der Pflegeversicherung – da müssen wir dringend ran“, betonte Gerd Brückmann. Um der Altersarmut zu begegnen, müsste schon bei Kindern und Jugendlichen mit guter Betreuung und Ausbildung begonnen werden, unterstrich Landrat Dr. Reinhard Kubat. Die Politik habe es verschlafen, rechtzeitig eine Lösung zu suchen, sie sei jetzt dringend gefordert, sagte Volker Heß.

Gesellschaftliche Frage

„Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Politik, sondern eine Frage der gesellschaftlichen und persönlichen Werte“, unterstrich Dr. Bernardo Fritzsche. „Arm und Reich stehen sehr weit auseinander, es gibt keinen Dialog, das ist ein gesellschaftliches Dilemma“, bemängelte Heinz-Georg Eirund. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit müssten gesellschaftliche Konstanten werden und es sei vor allem ein Miteinander, getragen von den beiden Konstanten, als wichtigstes Mittel zur Lösung des Armut-Problems anzusehen, betonten Christel Wagner und Stefan Paternoster: „Das ist eine Herausforderung für jeden“, sagte Paternoster.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare