Nach mehr als 110 Jahren geht der Ofen aus

Altstadtbäckerei Tent: Letzter backender Betrieb in Korbach schließt

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Auf seine selbst gebackenen Nussecken ist er stolz: Bäcker Gerhard Tent aus Korbach gibt seinen Handwerksbetrieb auf.

Korbach. Die Rezepte für Brot und Brötchen kennt Gerhard Tent im Schlaf. Ein Rezept für den Fortbestand seiner Altstadtbäckerei hat er nicht. Zum Monatsende gibt der Bäcker seinen Betrieb in der Stechbahn in Korbach auf.

Damit schließt der letzte backende Betrieb in der Kreisstadt nach über 110 Jahren des Bestehens. „Wo sollen wir jetzt unsere Brötchen kaufen?“, fragen einige enttäuschte Kunden. Auch Gerhard Tent ist traurig.

In vierter Generation hat er den Handwerksbetrieb seit 1983 fortgeführt. Ungefähr 1,5 Millionen Euro hat er seitdem investiert, vor allem in das dazugehörige Café, berichtet er. Immerhin wird dieses Standbein erhalten bleiben. Seine Tochter Carolin hat sich zwar gegen die Bäckerei, aber für das Café entschieden.

Denn während die Umsätze im Verkauf stark zurückgehen, ist das Altstadtcafé gut besucht, sagt Carolin Sesselmann. Dort wird die 33-Jährige weiterhin eigene Kuchen- und Tortenkreationen anbieten.

Und hin und wieder wird auch der 69-jährige Gerhard Tent dafür seine Spezialitäten backen, vor allem Nussecken.

Aber der Wecker wird nicht mehr täglich um 2.10 Uhr klingeln. Das Mehl für täglich 2000 Brötchen wird er nicht mehr abwiegen, den Teig nicht mehr ausrollen. Sein Handwerk ist bald Geschichte. „Ich bin mit Leib und Seele Bäcker“, sagt er wehmütig, während er seine frischen, noch lauwarmen Nussecken anpreist. „Aber heutzutage ist es nicht einfach, einen Handwerksbetrieb zu führen.“

In seinem Fall scheitere dies am Verhalten der Kunden und auch an immer höheren Auflagen. Seine Tochter bekräftigt dies. „Ich hatte schon Pläne für eine Modernisierung, hätte aber 100 000 Euro in den Betrieb investieren müssen.“ Die Kosten haben sie abgeschreckt. „Da hätte ich draufgelegt.“

Kaum freie Zeit

So viel Geld für einen Beruf aufzubringen, der kaum Zeit für Familie und Freizeit lässt, ist es ihr nicht wert. Sie weiß aus Erfahrung, wie aufwendig die Selbstständigkeit ist. „Als Kind hatte ich von meinen Eltern nicht viel.“

Ihrem Vater hingegen hat die Sieben-Tage-Woche nichts ausgemacht. Der Familienbetrieb war für ihn mehr als eine Pflicht, die ihm vererbt wurde. „Ich wollte Bäcker werden“, sagt er aus Überzeugung. Dafür nahm er gerne in Kauf, mitten in der Nacht aufzustehen und dann ins Bett zu gehen, wenn für andere gerade der Feierabend begann. Nichtsdestotrotz freut er sich auf seinen Ruhestand. „Dann werde ich schwimmen, segeln, Fahrrad fahren. Den Hobbys frönen.“

Für Gerhard Tent ist klar, wo er künftig Brötchen kaufen wird. Bei der Bäckerei Lamm aus Diemelsee, die auch nach Korbach liefert. Eine der beiden Mitarbeiterinnen der Korbacher Bäckerein Tent wird dort weiter beschäftigt sein.

Zahl mehr als halbiert

In Waldeck-Frankenberg gibt es immer weniger Bäckereien. Deren Zahl hat sich laut Gerhard Tent, der bis Anfang 2017 auch noch Obermeister der Bäcker-Innung im Kreis war, seit den 90er-Jahren mehr als halbiert. In den meisten Fällen, wie auch jetzt bei der Bäckerei Tent in Korbach, findet sich kein Nachfolger.

Neben neuen Gesetzen und Auflagen sehen Gerhard Tent und seine Tochter Carolin Sesselmann auch das Kundenverhalten als Ursache. Immer mehr Menschen griffen zu den Angeboten der Discounter: billige Aufbackwaren. „Das ist Bequemlichkeit“, sagt Carolin Sesselmann. Außerdem hätten viele Märkte bis 20 Uhr und darüber hinaus geöffnet. Dies könne die Bäckerei nicht leisten. Während Tents ihre Brötchen für 30 Cent pro Stück anbieten, zahle man beim Discounter teils nur die Hälfte.

„Das sind Aufbackwaren, die sofort gegessen werden müssen“, sagt sie über die Qualität. „Die sind günstig von Maschinen produziert. Und Maschinen werden nicht krank, Maschinen brauchen keinen Urlaub.“

In der Bäckerei ist noch einiges per Hand gearbeitet worden. Das lohnt sich jetzt nicht mehr. „Der Samstag läuft zwar noch gut“, sagt Carolin Sesselmann, die hinter der Ladentheke steht. Wenn die Kunden hier aber nur einmal in der Woche frische Brötchen kaufen, reiche das Geschäft nicht aus.

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