Bewegende Gedenkfeier 100 Jahre nach dem Auszug aus Alt-Asel

Aseler erinnern an altes Dorf

Vöhl-Asel - Mit einer bewegenden Gedenkfeier am zugefrorenen Edersee erinnerten die Aseler am Sonntag gemeinsam mit vielen Gästen an den Auszug aus Alt-Asel vor genau 100 Jahren. Ihre herzliche Gastfreundschaft bewiesen sie anschließend in der Festscheune.

Auf dem Edersee liegt eine dicke Eisdecke, der Posaunenchor hält nur mit Mühe seine Instrumente in Schach und die vielen Besucher, die sich auf den Weg in die Aselbucht gemacht haben, sind in dicke Jacken, Schals und Mützen eingepackt. Schon eine halbe Stunde bevor die Instrumente den Beginn des besonderen Gottesdienstes am alten Friedhof ankündigen, pilgern Hunderte Richtung Edersee. Pfarrer Jan Friedrich Eisenberg wird später feststellen, dass all diese Menschen eindrucksvoll eines beweisen: Pfarrer Richard Wagner sollte Unrecht behalten.

Viele Besucher in Asel

Am Ostersonntag 1913 hatte der Geistliche in der uralten Kirche in Alt-Asel während des letzten Gottesdienstes vor dem Auszug gemutmaßt: „Über 100 Jahre wird man es vielleicht vergessen haben, dass hier einst ein Gotteshaus gestanden hat.“ In Asel, den benachbarten Dörfern und vielen anderen Orten des Landes haben die Menschen nicht vergessen.

Zum 100. Jahrestag jenes Abschieds aus Alt-Asel kommen sie deswegen wieder – auf die Einladung von Ortsvorsteher Thomas Ruch und einem engagierten Team. Und gerade weil der Wind kalt pfeift und die Sonne einen tröstenden Strahl auf den besonderen Gottesdienstort wirft, soll das Erinnern noch leichter fallen. „Die Menschen damals durften sich die Jahreszeit auch nicht aussuchen“, stellt Thomas Ruch fest, der nach einem Blick auf die beeindruckende Gästezahl erst seine Worte hat wiederfinden müssen.

Geschichtsbewusstsein

Und so feiern sie dann wie ihre Vorfahren am Ostertag, dem 24. März 1913, feierten. Pfarrer Jan-Friedrich Eisenberg zitiert aus der Predigt von Richard Wagner, der damals ermutigende Worte aus dem Psalm 23 für die ängstlichen und trauernden Menschen gefunden habe. Und Eisenberg nimmt noch einen anderen Vers in den Blick: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, haben die Aseler unter das alte Abschiedsfoto geschrieben, das die Menschen 1913 kurz vor ihrem Auszug zeigt. So wird die Jahreslosung aus dem Hebräerbrief bei der Gedenkfeier in Asel zum Motto der Aseler selbst.

„Wie würde es uns heute gehen, wenn wir unsere Wohnung, unser Haus, unser Heimatdorf verlassen müssten?“, fragt Pfarrer Eisenberg und lädt die Besucher ein, sich hineinzuversetzen in jene Situation. Das versucht schließlich auch Landrat Dr. Reinhard Kubat: „Ein ganzes Dorf zu enteignen und von der Landkarte zu löschen, das wäre heute nicht mehr mehrheitsfähig“, sagt er. Das Ende eines jahrhundertealten Siedlungsraumes habe die Politik damals beschlossen. „Und nun bin ich mir nicht sicher: Sollen wir uns trotzdem freuen, dass wir den Edersee haben?“ Bürgermeister Harald Plünnecke wird später sagen, dass jeder Fortschritt zulasten anderer geht, aber ebenso an das Leid der Menschen aus Alt-Asel erinnern.

Als die Klänge eines einsamen Trompeters, der am zugefrorenen See scheinbar den Ruinen ihren Tribut zollt, über das Eis schallen, setzt sich ein großer Pferdewagen in Bewegung – bepackt wie damals mit Körben, Eimern und Stoffen. Viele Hundert Menschen folgen ihm auf den Berg ins neue Asel, wo das Läuten der Kirchenglocke aus der alten Kirche sie begrüßt. Dort beweist die Dorfgemeinschaft dann das, was Kubat schon während seiner Rede angedeutet hat: „Asel ist ein Dorf mit Geschichtsbewusstsein und mit Zukunft.“ Beides wird an diesem Festtag einmal mehr deutlich.Lebendiger Pioniergeist

In der vollen Festscheune haben die fleißigen Frauen des Ortes unzählige selbst gebackene Kuchen vorbereitet, überall entdecken aufmerksame Besucher eine bewundernswerte Liebe zum Detail – in der Dekoration, den Hinweisschildern und den alten Fotos. Im Dorfgemeinschaftshaus hat der Geschichtsverein Itter-Hessenstein Darstellungen des alten Dorfes im Tal ausgestellt und Porzellan, Stoffe und Münzen aus einer anderen Zeit laden zu einer gedanklichen Reise ein. Ein Modell von Alt-Asel hilft der Vorstellungskraft auf die Sprünge.„Und wie können die nächsten 100 Jahre aussehen?“, fragt der Bürgermeister in der Festscheune. Patentrezepte für den demografischen Wandel habe er nicht. „Aber ich glaube, dass der Pioniergeist im Ort immer noch groß genug ist, um die anstehenden Probleme zu lösen“, sagt er dann. Und wer an diesem Tag in Asel mitfeiert, macht sich keine Sorgen um die Zukunft des Ortes. (resa)

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