St.-Marien-Konzert zeigt musikalische Zusammenhänge aus drei Jahrhunderten

Aufgabe mit Bravour gemeistert

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Sängerinnen und Sänger des Korbacher Gymnasiums Alte Landesschule, des Kirchenchors an St. Marien und Instrumentalisten zu einem großen Klangkörper vereint: Bernhard Uteschil führte souverän Regie beim Konzert in der Marienkirche.

Korbach. - Mut zur musikalischen Lücke hatte der Chor der Alten Landesschule mit dem Kirchenchor von St. Marien beim Advents-konzert: Alles außer Johann Sebastian Bach schien das Motto des vielseitigen Programms.

Ganz im Zeichen der Geburt des Heilands stand die Veranstaltung in der Korbacher Marienkirche, die reizvolle Zusammenhänge und Entwicklungen in über 300 Jahren musikalischer Entwicklung erfahrbar machte.

Auf den ersten Blick schien der Auftritt des Gymnasial-Chores mit dem katholischen St.-Marien-Kirchenchor in diesem Jahr ein wenig im Schatten der großartigen Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium in der Kilianskirche zu stehen. Doch Bernhard Uteschil und seine musikalischen Mitstreiter gingen jeglichem musikalischen Wettstreit von vornherein aus dem Weg und hatten herrliche Nischen vor und nach Bach in der vorweihnachtlichen Musik gesucht und gefunden und die Vielfalt aus drei Jahrhunderten ansprechend gestaltet.

Buxtehude im Zentrum

Der festliche Einzug mit Kerzen zum Kanon „Lobe den Herrn meine Seele“, vom Chor durch die Mittelreihe bis auf die Bühne, fand zum Abschluss des Konzerts sein spiegelbildliches Gegenstück beim Auszug als zweite Zugabe und Vollendung des musikalischen Rahmens.

Im Zentrum standen drei Kantaten von Dietrich Buxtehude, dem führenden geistlichen Komponisten vor Johann Sebastian Bach und Beinahe-Schwiegervater des späteren Thomaskantors, dessen klar gegliederte Kompositionen sich musikalisch gleich mehrere Generationen früher anhörten. Denn in der programmatisch an den Beginn gesetzten Kantate „Wie soll ich dich empfangen?“ folgte auf eine festliche instrumentale Einleitung erst der unbegleitete Chor, dann die Solo-Arie oder Strophe mit Continuo-Begleitung (Olaf Schillmöller, Paul Hundelshausen), ehe der Chor sein musikalisches Ausrufezeichen setzte. Sopranistin Larissa Niederquell und Bariton Tobias Vesper wechselten sich als Solisten in den jeweiligen Strophen ab.

Auch die zweite Kantate „Lobet Christen, euren Heiland“ stand im Zeichen des raschen Wechsels zwischen Instrumentalpassagen, Soli und Chorversen. Die beiden frühbarocken Meisterwerke rahmten die jüngste Komposition ein, den Sternengesang des 1950 geborenen Komponisten Christoph Noetzel. In der siebenteiligen vorweihnachtlichen Kantate stand Larissa Niederquell erneut im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens, dieses Mal allerdings mit der Oboe und eher als Duettpartnerin von Eberhard Enß, der die eröffnenden Takte der sphärisch-melodischen Introduktion zum ersten Chorsatz allein in seine Flöte hauchte.

Besonders eindrucksvoll geriet das von rhythmischen Fingerschnipsen begleitete Reiselied „Wann kommen wir an?“, das mit einem finalen Fragezeichen auf der Trompete ausklang. Auch die optimistische Einleitung zum hymnischen dritten Satz „Vater der Sterne“ blieb den Trompeten vorbehalten, die mit mächtigen Stößen auch den sechsten Satz eröffneten. Das Werk ist eine geschickte Kombination unterschiedlicher Stilrichtungen von neuerer Sakralmusik bis Pop und bot dem Chor der Alten Landesschule dankbare Melodien und günstige Gelegenheiten, viele Facetten binnen kürzester Zeit abzurufen und sich dabei von einer auf Anhieb ansprechenden Seite zu zeigen.

Mit dem zarten abschließenden Flötensolo von Eberhard Enß schloss sich zuletzt auch musikalisch ein Kreis. Die zweite und die letzte Buxtehunde-Kantate umfassten zwei Kompositionen von John Rutter und zwei Sätze aus Johann Christian Bachs Quintett D-Dur für Flöte, Oboe, Violine, Viola und basso continuo, in deren Verlauf Larissa Niederquell, Eberhard Enß, Andrea Eiselt (Geige) und Lajos Fekete (Bratsche) einander die Melodien zuspielten. Der Londoner Bach und Lehrmeister Mozarts sprach in diesem Werk keinen Viertelton lang dieselbe musikalische Sprache wie sein Vater, der nicht auf dem Programm stand.

Auf höchstem Niveau

Die hörbare Differenz war trotzdem bezeichnend. John Rutter als Meister der musikalischen Postmoderne kreuzte in den Instrumentalpart von „Love came down at christmas“ etliche barocke Stilelemente ein, die sich mit der volksliedhaften Melodik des Chorsatzes überschnitten und dabei neue Klang-reize bildeten.

Kontrapunkt auf höchstem Niveau bot der Chor bei der wohl bekanntesten Kantate von Buxtehude: „Alles, was ihr tut, mit Worten und mit Werken“ erwies sich zugleich als härteste Prüfung für die Sänger, die ihre polyphone Herausforderung mit Bravour meisterten.

Zwei Strophen von Robert Möllers Arrangement des Weihnachtsliedklassikers „Macht hoch die Tür“ dirigierte Bernhard Uteschil den Konzert-Chor, ehe er sich zur dritten Strophe umdrehte und alle Anwesenden in den Schlussgesang einbezog.

Standing Ovations zum Abschluss waren die Belohnung für ein Konzert, das allen Anwesenden mehr Durchblick in Sachen klassischer Weihnachsmusik beschert hatte.

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