WLZ-Interview: Zwei Hundefreunde über neue Regeln für Halter und Züchter

„Wer seinen Pflichten nachkommt, benötigt keine weiteren Verordnungen“

Halten den Vorstoß der Bundeslandwirtschaftsministerin größtenteils für überflüssig: Hundetrainer Jürgen Mathee und Monika Weber vom Verein für Gebrauchshunde in Korbach weisen darauf hin, dass viele Verordnungen bereits im Tierschutzgesetz geregelt seien. Das Bild zeigt sie mit ihren Hunden Coke (rechts) und Rudi.
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Halten den Vorstoß der Bundeslandwirtschaftsministerin größtenteils für überflüssig: Hundetrainer Jürgen Mathee und Monika Weber vom Verein für Gebrauchshunde in Korbach weisen darauf hin, dass viele Verordnungen bereits im Tierschutzgesetz geregelt seien. Das Bild zeigt sie mit ihren Hunden Coke (rechts) und Rudi.

Korbach – Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will eine „Gassi-Pflicht“ für Hundehalter einführen und hat ein entsprechendes Gesetz formuliert. Die Verordnung steht in einer ganzen Reihe von neuen Regeln, die für Hundehalter und Züchter am besten schon ab dem kommenden Jahr gelten sollen.

Was der zertifizierte Hundetrainer Jürgen Mathee aus Altenlotheim und Monika Weber vom Verein für Gebrauchshunde in Korbach von dem geplanten Gesetz halten, haben sie uns in einem Gespräch verraten.

Was halten Sie von der geplanten Gassi-Pflicht für Hundehalter?

Jürgen Mathee: Als ich die Vorschläge unserer Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zum ersten Mal gelesen habe, war ich begeistert. Ich habe ihr sofort in allen Punkten zugestimmt – die Gassi-Pflicht ist ja nur einer davon. Je mehr ich mich allerdings damit beschäftigt habe, desto schneller wurde mir klar: Die geforderten gesetzlichen Regelungen gibt es bereits. Sie stehen schwarz auf weiß im Tierschutzgesetz.

Monika Weber: Das ist korrekt. Die Vorstöße der Ministerin sehen vielleicht schön aus und sollen zeigen, dass im Bereich des Tierschutzes etwas getan wird. Aber wenn sich die Menschen einfach nur an das geltende Tierschutzgesetz halten würden, wären die Vorschläge absolut überflüssig.

Eine Gassi-Pflicht gibt es also schon?

Mathee: Ja. Dort steht unter anderem drin, dass einem Hund ausreichend Auslauf im Freien gewährt werden müsse. Wer als Hundehalter dies beherzigt und sorgsam auf die Bedürfnisse seines Tieres eingeht, braucht keine Gassi-Pflicht.

Nach dem Vorschlag Klöckners sollen Hundehalter unter anderem dazu verpflichtet werden, ihrem Tier mindestens zweimal täglich für insgesamt mindestens eine Stunde Auslauf im Freien zu geben.

Mathee: Das ist viel zu pauschal formuliert – und darüber hinaus gibt es eine entsprechende Regelung schon. Im Tierschutzgesetz steht bereits, dass Auslauf und Sozialkontakte der Rasse, dem Alter und dem Gesundheitszustand des Hundes anzupassen seien. Es gibt alte und kranke Hunde, die leider nicht mehr in der Lage sind, sich längere Zeit draußen aufzuhalten. Auf der anderen Seite ist eine Stunde Auslauf am Tag für Huskies viel zu wenig. Ich sage es noch einmal: Wer als Hundehalter seinen Pflichten nachkommt und dabei das Tierschutzgesetz beachtet, benötigt keine weiteren Verordnungen.

Was bedeutet eigentlich konkret „Auslauf“, reicht ein einfacher Spaziergang dem Hund überhaupt aus?

Mathee: Hunde wollen keinen Spaziergang machen. Sie gehen zielorientiert raus. Das bedeutet, sie wollen Aufgaben lösen. Wenn ihre Besitzer keine stellen, suchen sich Hunde selbst welche. Das ist jedoch nicht der Idealzustand hinsichtlich einer guten Beziehung zwischen beiden. Wenn der Hundehalter seinem Hund Aufgaben stellt und den Auslauf abwechslungsreich gestaltet, wird das Tier schnell feststellen: ,Wir sind ein gutes Team’. Somit ist die Chance deutlich höher, dass der Hund auf sein Herrchen hört.

Die Bundeslandwirtschaftsministerin will außerdem die Anbindehaltung verändern. Hunde die ganze Zeit anzuketten, soll grundsätzlich verboten werden und nur noch unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein.

Mathee: Auch hier hätte ein Blick ins Tierschutzgesetz gereicht. Das Verbot einer Hundehaltung an der Kette gibt es dort nämlich schon. Auch Ausnahmen sind dort formuliert. So ist es beispielsweise erlaubt, den Hund mal für zwei Stunden an die Kette zu nehmen, wenn dies aus Sicht des Hundehalters erforderlich ist. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn man in diesem Zeitraum den Rasen mähen will und nicht riskieren möchte, dass der Hund wegläuft.

Weber: Eine durchgehende Kettenhaltung ist schon seit vielen Jahren per Tierschutzgesetz verboten. Ich darf meinen Hund an einer Laufleine halten, wobei es hierbei auch genaue Vorschriften gibt. Im Tierschutzgesetz ist zudem genau geregelt, ab welchem Alter ich den Hund an eine Laufleine machen darf sowie weitere Details zu dem Thema.

Fordert neue Regeln für Hundehalter und Züchter: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Unklar ist, wie genau die Einhaltung neuer Regeln flächendeckend überprüft werden soll. Das scheint ja gerade bei privaten Hundehaltern schwierig zu sein?

Weber: Absolut. Unsere Veterinär- und Ordnungsämter sind schon jetzt stark unterbesetzt, um den zahlreichen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz nachzugehen. Wie sollen dann bitteschön die Vergehen nachverfolgt und bestraft werden, die im Zuge eines neuen Gesetzes begangen werden? Generell müssten die genannten Ämter hierfür personell und finanziell besser ausgestattet werden. Tierschützer müssten generell mehr Rechte bekommen.

Ministerin Julia Klöckner will auch neue Regeln für Hundezüchter und die so genannten Qualzucht-Messen verbieten. Was steckt eigentlich hinter diesem Begriff?

Weber: Qualzucht ist, wenn ein Mops beispielsweise eine ganz kurze Schnauze hat, aus der er kaum noch Luft bekommt – oder wenn er so rund gezüchtete Augen hat, dass die Gefahr besteht, dass die Augäpfel herausfallen können. Englische Bulldoggen müssen zum Beispiel nach einer erlittenen Qualzucht an der Nase operiert werden, um wieder richtig Luft zu bekommen. Sie haben mitunter auch Entzündungen in den Hautfalten. Das alles wird gemacht, weil die Nachfrage nach so genannten ‘schönen Hunden mit Kindergesichtern’ zugenommen hat.

Mathee: Die Hundezucht wurde solange in einem normalen und verträglichen Umfang betrieben, bis Menschen kamen, die sagten: wir wollen aber schöne Hunde haben. Im Tierschutzgesetz sind Qualzuchten verboten.

Wenn das Tierschutzgesetz ein Verbot für Qualzuchten beinhaltet, warum werden sie immer noch gemacht?

Mathee: Weil es noch keine abschließende juristische Bewertung gibt. Aus medizinischer Sicht wissen wir, dass ein Hund infolge einer Qualzucht nicht mehr richtig atmen kann. Juristisch ist dies aber aktuell noch nicht als Qualzucht definiert, da entscheiden die Gerichte ganz unterschiedlich je nach Einzelfall. Hier müsste Frau Klöckner zum Beispiel dafür sorgen, dass die Gesetzeslage klarer wird.

Was halten Sie vom Hundeführerschein, der in Niedersachsen Pflicht ist?

Mathee: Den befürworte ich. In Niedersachsen wurden mit der Einführung des Hundeführerscheins auch die so genannten Listenhunde abgeschafft. Wenn diese gesetzliche Kombination bald auch in Hessen gelten würde, wäre das ideal. Demnach müssten Hunde nur dann zum Wesenstest, wenn sie tatsächlich auffällig geworden sind und nicht nur deshalb, weil sie auf der Liste stehen. Die Folge wäre, dass endlich auch verlässliche und vertrauenswürdige Hunde aus den Tierheimen kommen würden, die es – weil sie auf der Liste stehen – sonst nie zu einem neuen Besitzer geschafft hätten.

ZU DEN PERSONEN

Monika Weber (53) lebt in Höringhausen und arbeitet bei der Stadt Korbach. Sie ist Gründungsmitglied des seit 2004 existierenden Vereins für Gebrauchshunde Korbach und besitzt die Ausbilderlizenz des Hundesportverbands Rhein-Main. Der VfG gehört dem Verband für das Deutsche Hundewesen an.

Jürgen Mathee (64) kommt gebürtig aus dem Ruhrgebiet, lebt aber schon seit mehr als 40 Jahren in Altenlotheim. Mathee arbeitete bis zum Eintritt in den Ruhestand im Bereich des Sondermaschinenbaus. Seit dem Jahr 1995 ist er zudem lizenzierter Hundetrainer.

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