Korbacher Gymnasium gibt Einblicke in die Vergangenheit:

Ausstellung blickt auf 440-jährige Geschichte der Alten Landesschule

+
Die Ausstellungsmacher: Gymnasiasten der Geschichtswerkstatt an der Alten Landesschule und Mitarbeiter des Wolfgang-Bonhage-Museums haben fast zwei Jahre gearbeitet, um die Schulgeschichte vielseitig darzustellen.

Korbach –Seit 440 Jahren besteht das Gymnasium in Korbach. Zum Gründungstag am Dienstag eröffnete die Sonderausstellung „Alte Landesschule – Streifzüge durch fünf Jahrhunderte“ im Wolfgang-Bonhage-Museum. Zuvor gab es eine Stadtführung mit Dr. Marion Lilienthal.

Pennälermützen, alte Schulbänke, Bücher, Landkarten, Klassenfotos Schülerzeitungen – wie Generationen von Gymnasiasten an der Alten Landesschule einst gelernt haben, lässt sich im Wolfgang-Bonhage-Museum nachvollziehen: Auf den Tag genau 440 Jahre nach der Gründung am 7. Mai 1579 eröffnete am Dienstag Abend die Ausstellung mit „Streifzügen durch fünf Jahrhunderte“ der Schulgeschichte. 

Am 7. Mai 1579 vollzogen die Grafen von Waldeck den Akt, der sich geistig aufs gesamte Land auswirken sollte: Sie gründeten im aufgelösten Franziskaner-Kloster zu Corbach ein humanistisches Landesgymnasium, das Jungen aus Waldeck auf den Besuch der Universität vorbereiten sollte. Bis heute besteht sie, seit 1938 trägt sie den Namen Alte Landesschule.

Geschichtswerkstatt der Alten Landesschule und Museum planen

Auf Initiative der Geschichtslehrerin Dr. Marion Lilienthal und des Museumsleiters Dr. Wilhelm Völcker-Janssen haben Gymnasiasten der Geschichtswerkstatt an der Alten Landesschule und Mitarbeiter des Museum die Ausstellung fast zwei Jahre Jahr lang vorbereitet. Sie haben alte Stücke gesammelt, Modelle gebastelt, Hörstationen aufgebaut, ein Unterhaltungsprogramm entwickelt, Plakate und Flyer gestaltet und Texte geschrieben. 

Bürgermeister Klaus Friedrich: Prägende Institution

Es sei außergewöhnlich, einer Schule für ihr 440-jähriges Bestehen zu gratulieren, sagte Bürgermeister Klaus Friedrich bei der Eröffnungsfeier im Foyer des Museums. Die Schule ist das älteste Gymnasium im heutigen Hessen, sie zähle zu den ältesten Institutionen der Stadt. Sie habe ein "unverwechselbares Profil", sagte Friedrich. Sie habe viele bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht, und noch heute sagten Eltern, es lohne sich, ihr Kind auf dieses Gymnasium zu schicken.

Er hob die prägende Rolle des Gymnasiums für die Stadt hervor, geschichtsbewusste Lehrer wie Albert Leiß hätten das Stadtarchiv und das Museum begründet und aufgebaut. Lilienthal führe dieses Erbe fort und wolle ihre Schülern die Faszination der Geschichte erleben lassen. 

Landrat Reinhard Kubat: "Herzensbindung" an seine alte Schule

Landrat Dr. Reinhard Kubat lobte die Ausstellungsmacher, sie hätten viel Fleiß, Arbeit und ihr Herzblut hineingesteckt. "Das haben Sie toll gemacht!" 

Mit immer wärmer werden Empfindungen erinnere er sich an seine Zeit an der Alten Landesschule, sagte er. Drei Jahre lernte er noch in der Klosterstraße, dann kam 1971 der Umzug in den Betonbau an der Solinger Straße. Vor 41 Jahren machte er dort sein Abitur. Er habe bis heute eine "Herzensbindung" an die Schule und freue sich riesig, viele ehemalige Lehrer zu sehen. 

Die Schule solle ein Hort sein für die Vermittlung von Werten und Demokratieverständnis. Zum erzieherischen Auftrag gehöre angesichts der bedrohten Natur und Umwelt aber auch, Nachhaltigkeit zu lehren. Er sei zuversichtlich, dass noch viele Schüler ihre Schule glücklich verließen. Sie solle ihren Weg "konsequent weitergehen.

Direktor Robert Gassner: „Wir können auf vieles stolz sein“

„Wir können auf vieles stolz sein“, sagte Direktor Robert Gassner. Doch es gebe auch düstere Kapitel wie die nationalsozialistische Zeit oder die Beteiligung von ansich hoch gebildeten Lehrern an der Hexenverfolgung. 

Zur 425-Jahr-Feier sei das schon immer passende Motto "ALS - mehr als Schule" eingeführt worden. Es gelte weiter die Herausforderung, „Bewährtes zu bewahren und den wachen Blick auf die Erfordernisse der Zeit“ zu richten. Die vergangenen 25 Jahre seien rasant und intensiv verlaufen wie vielleicht nie zuvor.

Er hoffe, dass es gelinge, aktive, mündige Staatsbürger heranzuziehen, die Inklusion voranzutreiben, die Digitalisierung sinnvoll zu gestalten oder Jungen zu fördern. Und er hoffe, dass es der Politik gelinge, die Belastung des Kollegiums zu mildern.

Die Ausstellung sei in Rekordzeit entstanden. Als Dank für ihren "enormen Einsatz" überreichte er Dr. Marion Lilienthal Blumen. Die Geschichtslehrerin gab einen knappen Abriss der Schulgeschichte. 

Die Ausstellung hätten 23 Schüler ihrer Geschichtswerkstatt und das Team des Museums vorbereitet, die Idee sei schon vor drei Jahren aufgekommen, sagte sie. Lisa Finaschin, Alex Breus und Maik Zubkis berichteten über die Entstehung. 

Ingeborg Linder: Aufbruchstimmung in der Nachkriegszeit

Die ehemalige Schülerin Ingeborg Linder aus Berlin erinnerte an die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit, der neue reformpädagogische Direktor Alfred Ehrentreich suchte den Kontakt zum einstigen Kriegsgegner Frankreich, schon 1952 entstand eine Schulpartnerschaft mit Avranches in der Normandie. 1953 durfte Linder mit einer Schülerin als Au-Pair-Mädchen ins britische Yorkshire, wo die jungen Deutschen ebenfalls freundlich empfangen wurden - die Aussöhnung war ein großes Thema.

Hessen sei damals bildungspolitisch vorangegangen, sagte Linder. Nach der Währungsreform 1948 sei das Schulgeld abgeschafft worden, später wurde die Prügelstrafe verboten.

Linder erinnerte an die Demokratisierung des Schulwesens, Ehrentreich führte eine Schulverfassung ein, 1951 wurde erstmals eine „Schülermitverantwortung“ gewählt, Schüler übernahmen als Aufsicht Verantwortung und gründeten die Zeitung "Der Schülerruf". 

Viele Lehrer seien damals noch kriegsverseht gewesen. Sie hätten sich auch außerhalb des Unterrichts im Schulleben eingesetzt und Ausflüger erlaubt. Davon zeuge auch die Ausstellung."Ich hoffe, dass sie zu Aktivität anregt und eine weitergehende Wirkung hat."

Das Musikprogramm

„The Musicals“ boten zur Ausstellungseröffnung Auszüge aus ihrem neuen Stück „Die Tokajer-Wette“.

Für Musik sorgten Jennifer und Julia Enns an Geige und Piano und Lorenz Erbroth auf der Klarinette. Der ehemalige Unterstufenchor „The Musicians“ bot mit dem Streicherensemble der Schule Auszüge aus seinem neuen Stück „Die Tokajer-Wette“. 

Dann strömten die vielen Besucher in die multimedial aufbereitete Ausstellung, die noch bis zum 11. August zu sehen ist.

Die Stadtführung am Nachmittag

Auf Einladung der Korbacher Bezirksgruppe im Waldeckischen Geschichtsverein unternahm die Geschichtslehrerin Dr. Marion Lilienthal am Dienstag mit knapp 100 Interessenten „Streifzüge durch fünf Jahrhunderte“ Geschichte der Alten Landesschule.

Prügelstrafe mit Rohrstock und Rute, Nachsitzen, Einsitzen in den beiden Schulkarzern für die Mittel- und die Oberstufe  – ein Gymnasium zu besuchen, war früher hart. Nicht nur wegen des anspruchsvollen Lehrstoffs: Schule sei auch ein „Ort der Disziplinierung“ gewesen, erklärte die Geschichtslehrerin Dr. Marion Lilienthal am Dienstag Nachmittag.

Auf Einladung der Korbacher Bezirksgruppe im Waldeckischen Geschichtsverein unternahm sie mit knapp 100 Interessenten in der Korbacher Altstadt „Streifzüge durch fünf Jahrhunderte“ wechselhafter Geschichte der Alten Landesschule. Auch viele Ehemalige waren gekommen. Lilienthal war von der Resonanz überrascht.

Die Historikerin begann ihre etwa einstündige Führung am ehemaligen Schulgebäude in der Klosterstraße, in dem heute die Berufs- und Volkshochschule untergebracht sind. 

Gymnasium für die „geistige Elite des Landes“

Dort hätten die Grafen von Waldeck am 7. Mai 1579 ein Gymnasium für die „geistige Elite des Landes“ eingerichtet. Es sei lange ein intellektueller Mittelpunkt der Grafschaft und des Fürstentums gewesen. Die Grafen gewannen hochkarätige Universitätslehrer, ihre Schwerpunkte waren Jura und Theologie. 

Auf dem Stundenplan standen aber auch Latein, Griechisch und Hebräisch und die „sieben freien Künste“. Unterrichtsbeginn war in den ersten Jahrhunderten um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr. Für einige ging es vorher noch in die Morgenandacht. Drill und Gehorsam hätten lange vorgeherrscht.

Im 19. Jahrhundert kamen rund 70 Prozent der Schüler von auswärts - sogar aus Portugal und Petersburg.  sie waren in 25 Pensionen untergebracht, die unter strenger Kontrolle der Lehrer standen. Konzertbesuche waren nur mit Begleitung Erwachsener erlaubt, Rauchen und Kneipenbesuche waren verboten.

Die Eltern der Gymnasiasten mussten wohlhabend sein, um sich das Schulgeld leisten zu können. Meist waren es Fabrikanten, Bankiers oder Gutsbesitzer. Das Landesgymnasium sei eine "Standesschule" für Jungen gewesen.

Der Direktor und der Pedell - also Hausmeister - wohnten traditionell in der Schule, sie hatten Ställe und Gärten, die bei der Schulerweiterung 1955 verschwanden. 

Drei Lebensbilder

Weitere Stationen der Führung waren die Bunsen-Straße, die Professor-Kümmell-Straße und die Professor-Bier-Straße. Dort stellte die Pädagogin die unterschiedlichen Charaktere und Lebensläufe der drei Namensgeber und Ehrenbürger vor. 

Die Geschichtslehrerin Marion Lilienthal führte knapp 100 Interessenten durch die Altstadt.

Der berühmte Chirurg August Bier habe sich als Schüler mehr für Biologie als für die Schule interessiert, er sei zweimal sitzen geblieben - dann bekam er die Kurve und startete durch. Als Arzt entwickelte er die Wirbelsäulen-Asthesie und im Ersten Weltkrieg den Stahlhelm der deutschen Truppen.

Der bekannte preußische Diplomat und Wegbereiter der Archäologie Christian Carl Josias Bunsen habe hingegen schon als Kind als Genie gegolten, berichtete Lilienthal. Er sei die Freude seiner Eltern gewesen. 

Und der Apothekersohn Hermann Kümmel sei als „Schabernack“ berüchtigt gewesen – als Chirurg wurde er mit seinen Blinddarm-Operationen berühmt. 

Viele Wandlungen

Lilienthal ging auch auf viele Wandlungen der Schule ein: Die Nationalsozialisten schafften die elitäre Standesschule ab, nach 1945 kamen Vertriebene, sie seien auch durch die Schule in ihre neue Heimat eingegliedert worden. Direktor Dr. Ehrentreich führte die Reformpädagogik ein. Und in den 1960er Jahren gab es einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel mit dem Anspruch „Bildung für alle“. Inzwischen holen die erst seit 1926 zugelassenen Mädchen auf - 2016 waren zwei Drittel der Abiturienten weiblich.

Mehr über die Schulgeschichte ist am Freitag in der WLZ- Beilage „Mein Waldeck“ zu lesen. (-sg-)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare